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Detlef Stange, Ministerpräsident der Meckerer –hier vor dem Rathaus in Seckbach –ist so gut beim Präsentieren, dass er sogar bei mehreren Vereinen spricht.

Porträt

Der feine Karnevalist

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Detlef Stange mag keine Zoten. Der Sitzungspräsident der „Meckerer“ in Frankfurt-Seckbach setzt lieber auf politische Witze. Heute stürmt er das Rathaus im Stadtteil.

Der Witz mit dem Haken an der Hand geht immer. Also: Ein kleiner Junge fragt einen Piraten, warum er ein Holzbein habe. „Weil mir ein Hai das Bein abgebissen hat.“ Und warum hat der Pirat statt der rechten Hand einen Haken? „Weil ich die Hand im Kampf mit dem schlimmsten aller Seeräuber verloren habe.“ Und die Augenklappe? Hat ihm sein Feind etwa auch das Auge ausgestochen? „Nein“, sagt der Pirat, „da hat mir eine Möwe ins Auge gekackt – und der Haken an der Hand war noch ganz neu.“

Detlef Stange hat diesen Witz schon sehr oft erzählt. Das macht ihn nicht schlechter, den Witz, Klassiker müssen sein. Hauptsache, man gibt bei so einer Karnevalssitzung nicht nur olle Kamellen zum Besten. Der Pirat, den Stange spielt, wird in seiner Rede noch ganz schön viel über Politik erzählen. Er wird über Donald Trump und Boris Johnson und Peter Feldmann spotten. Wieso sich ein Pirat, der sich selbst das Auge ausgestochen hat, mit dem Frankfurter Oberbürgermeister beschäftigt? Wer darauf eine Antwort haben will, muss schon die Karnevalssitzung der „Meckerer“ in Seckbach besuchen.

Der 67-jährige Stange ist Fastnachter. Er ist auch Jurist. Und Historiker. Und Politiker. Aber in diesem Text soll es erst einmal um den Karnevalisten gehen. Denn heute ist der 11.11., und Stange steht um 11.11 Uhr vor einer wichtigen Aufgabe. Weil er bei den „Meckerern“ Sitzungspräsident ist, spielt er beim Sturm auf das Rathaus an der Hofhausstraße die entscheidende Rolle.

Die Eroberung des städtischen Gebäudes in Seckbach läuft ähnlich ab wie die Erstürmung des Römers durch Karnevalisten aller Frankfurter Vereine am Fastnachtswochenende. Es gibt einen Ankläger (Stange), der sich lauthals darüber beschweren wird, was die Stadt- und Stadtteiloberen alles falsch machen. Der Sitzungspräsident, so viel sei verraten, wird vor allem über die Wilhelmshöher Straße reden, diese Schlagloch-Piste, die mitten durch den Stadtteil führt. Anschließend gibt es ein bisschen Geschrei und Getobe, und dann bekommt Stange einen goldenen Schlüssel und somit die Macht über das Rathaus. Dann wird gefeiert.

Der Rathaussturm – in Seckbach ist das ein großes Ereignis. Einige Hundert Leute kommen immer, auch an einem Montagvormittag, wenn die meisten Menschen ja arbeiten müssen. Aber um 11.11. Uhr beginnt nun mal die Fastnachtszeit, und während der Große Rat bei einer Pressekonferenz das Prinzenpaar vorstellt, wird in Seckbach schon ordentlich Party gemacht. Es gibt sogar Menschen, die in dem ganzen Trubel ihren zehnten Hochzeitstag feiern, was rührend ist, weil es ihre Verbundenheit zum Stadtteil und seinen Vereinen zeigt. Und einen Orden gibt es auch, den Karlchen-Orden für Menschen mit ausgeprägter sozialer Ader. Erhalten wird ihn diesmal die Wirtin der Gaststätte „Wolffhardt“.

Nach dem 11. November macht der Karneval erst einmal Pause, und das ist auch gut so, findet Stange, „denn ich muss mich auf die Sitzungen im Januar und Februar vorbereiten“. Vorbereitung ist dem Fastnachter wichtig. Er lässt sich jede Rede vorlegen, die bei den Veranstaltungen gehalten wird, und feilt an seinem eigenen Vortrag. Stange ist Perfektionist. Mit Menschen, die unvorbereitet in die Bütt gehen, will er nichts zu tun haben.

Helau
Die Meckerer stürmen am heutigen Montag, dem 11.11., das Rathaus in der Hofhausstraße 2 und eröffnen damit die Fünfte Jahreszeit. Los geht es um – richtig - 11.11 Uhr.

Zeitgleich präsentiert der Große Rat der Frankfurter Karnevalsvereine im Nordwestzentrum das Prinzenpaar. Anschließend gibt es in dem Einkaufszentrum ein Showprogramm.

Das Motto der Kampagne lautet: „Das Fastnachtsfest ist eine Zier – keiner macht das so wie wir!“ geo

Es ist angenehm, sich mit Detlef Stange zu unterhalten. Der 67-Jährige erzählt viel über sich, ohne sich zu wichtig zu nehmen. Und er hört auch mal zu. Etwa der Geschichte, wie der FR-Reporter seine allerersten Texte über Karneval schrieb. Mitte der 90er Jahre war das, die Zeitungen berichteten damals noch häufiger über die Vereine, manche Reporter schafften sechs Sitzungen oder mehr an einem Abend.

„Du zitierst keine Zoten“, hatte der Redaktionsleiter dem Reporter mit auf den Weg gegeben. Und dann hörte der blutjunge Schreiberling seinen ersten Vortrag. Ein Ehepaar im Plattengeschäft. Es läuft das Lied: „Du kannst nicht treu sein.“ Der Ehemann sagt begeistert zu seiner Frau: „Das Lied passt zu dir, die Platte kaufen wir.“ Auf dem Heimweg fällt die Platte runter und hat einen Sprung. Zu hören ist immer nur: „Du kannst nicht … Du kannst nicht …“ Darauf die Ehefrau: „Toll, jetzt passt das Lied zu dir.“

Stange rümpft die Nase. Solche Witze sind nicht seine Welt. „Ich arbeite etwas feiner“, sagt der „Meckerer“. Spezialisiert hat er sich auf Scherze über Politiker. Damit fing er schon in den 70er- Jahren an. Stange studierte Jura und tingelte am Wochenende durch die Bürgerhäuser, um für 200 D-Mark pro Auftritt bei den Sitzungen Vorträge zu halten. Oft spielte er einen bayerischen Schneider. Der grübelt darüber, welche Kleidung er für Franz-Josef Strauß anfertigen soll. Schließlich entscheidet er sich für „eine Tracht aus Niederbayern – die Niedertracht“.

Mittlerweile redet Stange auch oft über Kommunalpolitik. Seit zehn Jahren sitzt er für die FDP im Ortsbeirat 11. Einmal wäre er fast ins Stadtparlament gekommen, scheiterte aber in einer parteiinternen Stichwahl. Seitdem kümmert er sich politisch nur noch um Seckbach, schimpft auf Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD), weil die Sanierung der Wilhelmshöher Straße viel zu lange dauere, und arbeitet sich an Peter Feldmann ab, dem „die Amtskette wichtiger ist als die Etikette“. Letzteres erzählt Stange aber eher in der Bütt.

Nicht nur bei den „Meckerern“ ist Stange aktiv. Auch beim Karnevalsverein „Laternche“ leitet er Sitzungen. Eine absolute Seltenheit, denn die Fastnacht ist eine ernste Angelegenheit, und dass sich zwei Vereine einen wichtigen Protagonisten teilen, ist unüblich. Aber Stange ist einfach gut.

Er selbst würde das nie sagen. Er zählt lieber auf, wo er noch überall auftritt. Etwa beim Kleingartenbauverein Nord-Ost. Bei dem moderierte er kürzlich eine Jubiläumsfeier. Oder beim Verband der hessischen Gebäudereiniger, für den er Seminare organisierte. Nein, nicht als Karnevalist, Stange war 37 Jahre lang Geschäftsführer des Verbands, bevor er vorigen Sommer in den Ruhestand ging. Aber seine Art, eher dröge Sachverhalte heiter zu erzählen, habe ihm bei diesen Veranstaltungen sehr geholfen. Kein Wunder, dass auch seine historischen Führungen durch Seckbach, wo er seit 1976 lebt, gut besucht sind.

Oft erzählt er dann auch, wie die „Meckerer“ zu ihrem Namen kamen. Streng genommen sind die Karnevalisten, denen Stange seit 1968 angehört, gar kein eigenständiger Verein, sondern eine Abteilung des Turnvereins Seckbach. Sie wurde einst gegründet, um durch Sitzungen Geld für die Handballabteilung einzunehmen. Die Sportler saßen dann zusammen und stritten darüber, wie die Fastnachter heißen sollten. „Jetzt meckert doch nicht so viel“, habe einer gerufen. „Und so“, sagt Stange, „ergab sich der Name.“

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