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Wo alles multikulti ist: Die Atzelbergsiedlung in Seckbach wird 50 Jahre alt.

Jubiläum

Von der Bausünde zur Begegnungsstätte

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Die Atzelbergsiedlung in Seckbach hat auch nach 50 Jahren nicht nur optisch einen Sonderstatus im Stadtteil inne.

Es gibt zwei Sorten von Hochhäusern in Frankfurt. Die einen liegen in der Einblickschneise von Europaallee oder Hanauer Landstraße – steht man auf dem großen Lidl-Parkplatz in Seckbach, türmen sich dahinter die 17 Etagen der Atzelbergstraße 52 auf. Rund ein Drittel der Seckbacher wohnt in der Atzelbergsiedlung, die vor 50 Jahren gebaut wurde. Die gute Aussicht ist ausnahmsweise nicht den Wohlhabenden vorbehalten, viele der 1000 Wohnungen sind gefördert. Die Siedlung nimmt einen Sonderstatus im dörflichen Stadtteil ein.

„Seckbach ist nicht gleich Seckbach“, sagt Nicolas Girard, der seit dem vorigen Jahr einen Tante-Emma-Laden-ähnlichen Kiosk am Atzelbergplatz betreibt. „Wegen der Brötchen von der Bäckerei Weidenweber kommen oft schon vor den offiziellen Öffnungszeiten Leute vorbei, es gibt ja sonst keine Bäcker hier oben.“ Er selbst wohnt „unten“ in der Wilhelmshöher Straße und war Jahrzehnte nicht auf dem Atzelberg gewesen. „Einfach so kommt hier keiner hin“, sagt er.

An einem sonnigen Donnerstagmittag ist wenig los auf dem Platz. Eigentlich, so steht es auf der Webseite der Stadt, ist heute Wochenmarkt. Am einzigen Stand, den die Metzgerei Kemmler aus Schöneck betreibt, bestellt eine Frau ihren Wurstaufschnitt in „lieber etwas dickeren Scheiben“. Die 91-Jährige wohnt seit 1974, ihr halbes Leben, in der Siedlung und hat eine klare Meinung, wie sich diese seither verändert hat: zum Negativen. „Früher hat es hier noch Geschäfte gegeben, die Sparkasse und einen Lebensmittelladen, nicht nur Kinderbetreuung.“ Zudem stört sie der Müll. „Da wurde dieser Platz vor ein paar Jahren für Millionen neu gemacht und dann liegt alles voll“, sagt sie und zeigt auf den Boden und einen Arbeiter der Stadtreinigung. „Und die armen Männer von der Stadt müssen es aufheben. Manchen mag das nichts ausmachen, aber mir ist es nicht egal, wie es aussieht.“

Bücher und Ballspiel: Auf dem Atzelbergplatz kommen unterschiedliche Interessen zur Geltung.

Er sei kein Nörgler, sagt der Mitarbeiter der FES lachend. „Es ist mein Job. Ich finde nicht, dass es hier schmutziger ist als anderswo“,sagt er und fegt weiter Abfall von den Stufen, während ein Vater konzentriert einen Kinderwagen im Zickzack die neue barrierefreie Treppe bergab lenkt.

Ein bisschen wirkt alles wie im Ferienresort. Es ist ruhig, die Sonne scheint warm auf den fast baumlosen, etwas tristen Platz, der vor fünf Jahren umfangreich umgestaltet wurde. Der Ausblick auf das andere Seckbach und noch weiter ist prächtig. Vor Kiosk und Kita sitzen Leute und unterhalten sich gedämpft. Auch der Besitzer des Montageservices, Arif Karakas, trinkt draußen einen Kaffee. Durch die Glasfront seines Ladens habe er den Platz im Blick. „Im Sommer ist hier die Hölle los. Es gibt ein Wasserspiel für die Kinder. Die halbe Siedlung trifft sich hier.“ Im Winter hielten sich nur freitags die Kunden der Tafel dort auf.

Der 19-jährige Amin, schwarze kurze Haare und Lederjacke, mag die Siedlung. „Man kennt alle, wie in einem Dorf.“ Früher habe er auf dem Atzelbergplatz immer Fußball gespielt. „Da standen zwei Bäume, die haben wir als Tore benutzt“, erzählt er. Damals habe er noch die Friedrich-Ebert-Schule nebenan besucht. „Aber jetzt mache ich Fachabi“, sagt er. Dann rennt er zum Bus.

„Ich wohne seit 20 Jahren hier – und das gerne“, sagt ein Mann, der mit seinem Hund Ginger auf einer Bank sitzt. „Es ist ruhig, der Huthpark direkt nebenan.“ Außerdem seien die Nachbarn nett. Viele kenne er noch aus den Zeiten, als ein Großteil der Siedlung der Post und nicht der ABG gehört habe. „Hier gibt es alles, was man braucht“, findet er.

Um die Ecke ein Discounter, am Fuß des Hügels die nötigsten Ärzte, Kitas und die Schule, außerdem Friseursalon Bigi. Zum Vergnügen: das Tapas-Restaurant Alhambra und die Sportgaststätte „Am Atzelberg“. Viele schmücken ihre Balkone, wahrscheinlich mit Pflanzen von „Blumen Capalbo“. Nur eine Litfaßsäule, die die Tizian-Ausstellung im Städelmuseum bewirbt und die Buslinie 36, die bis zu sechsmal in der Stunde die Endhaltestelle „Panoramabad“ anfährt, verweisen darauf, dass es noch etwas anderes gibt.

Sozialer Brennpunkt? Hier wird eher gelöscht.

„Viele in der Seckbacher Bevölkerung waren damals gegen den Bau der Atzelbergsiedlung“, sagt Ortsvorsteher Werner Skrypalle (SPD). „Nicht gegen die Bebauung generell, sondern die mit Hochhäusern.“ Das bestätigt Walter Sauer vom Kultur- und Geschichtsverein. Der Bau von 1000 Wohnungen in den 60er Jahren, dorthin, wo vorher Freizeitgärten waren, sei über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entschieden worden. Sauer ist sicher: „Die Siedlung, mit dieser Verdichtung und ohne baulichen Bezug zum historischen Kern, ist eine Bausünde dieser Jahre, die man so heute nicht mehr machen würde.“

Heute leben mit 3500 Personen rund ein Drittel der Seckbacher in der Siedlung, größtenteils Deutsche im hohen Alter und junge Muslime. „Das Problem, die fehlende Durchmischung, hat man nicht nur hier“, sagt Sauer. Größere Aufmerksamkeit wurde der Atzelbergsiedlung Mitte 2000 durch eine Jugendgruppe zuteil, die ihr den Ruf eines sozialen Brennpunkts bescherte. „Da war von Messerstechereien, Prostitution und Rauschgift die Rede, überdurchschnittlich viel Kriminalität für einen kleinen Stadtteil.“ Darauf den Fokus zu legen, fände Walter Sauer allerdings falsch. Es gebe viele Bestrebungen, das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Ortsteilen zu stärken. Bisher eher erfolglos, bedauert er.

Die Quartiermanagerin der Atzelbergsiedlung, Jale Atmaca, sieht das anders. „Gerade beim Frauencafé zeigt sich, dass unsere kultur- und generationsübergreifende Arbeit fruchtet“, betont sie. Zum Marktcafé kämen sogar mehr Leute aus Alt-Seckbach, etabliert habe sich auch der Flohmarkt. „Da kommen Leute zusammen.“

Das Nachbarschaftsbüro wurde 2008 im Programm „Aktive Nachbarschaft“, getragen von Sozialdezernat und Arbeiterwohlfahrt (AWO), auf dem Atzelbergplatz angesiedelt. Das Ziel: Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen und Bewohnern die Gelegenheit zu geben, ihr Umfeld mitzugestalten. „Zu Beginn der Sommerferien wollen wir ein Blumenfest feiern“, sagt Atmaca. „Ab dann werden sieben große Pflanzenkübel den Atzelbergplatz verschönern.“

Er sei erstaunt über die vielen Angebote und Aktionen am Atzelberg, sagt Kioskbetreiber Nicolas Girard. „Es tut sich viel“, stimmt ein Stammkunde, der in der Siedlung aufgewachsen ist, zu. „Sie verjüngt sich, das ist gut.“ Das Beste, findet er: Es gebe hier keinen Rassismus. Am Atzelberg seien alle multikulti.

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