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Den Sonntagsausflug dokumentierte man früher nicht mit Selfie im Sozialen Medium, sondern mit Postkarte.

Seckbach

Seckbach: Nostalgie der Postkarte

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Wo derzeit die Neubausiedlung Wilhelmshöfe entsteht, war früher das beliebte Gasthaus „Zur neuen Anlage“. Bürger erinnern sich.

Als sich unlängst Seckbacher aus Wilhelmshöher, Zeuläcker- und der Straße „Im Trieb“ getroffen haben, um sich über ihren neuen, ungeliebten Nachbarn, die „Wilhelmshöfe“ auszutauschen, war unverkennbar: Die Bauarbeiten werden als grenzwertig empfunden, die Einhaltung der Erhaltungssatzung wird angezweifelt. Vor allem aber verbinden viele Seckbacher das Grundstück mit ganz besonderen Erinnerungen und Erzählungen.

Hermann Schmidt vom Seckbacher Kultur- und Geschichtsverein, gar nicht als direkter Nachbar betroffen, war Interessehalber vorbeigekommen. Mit dabei: alte Seckbacher Postkarten. „Da haben sich meine Großeltern kennengelernt“, sagt einer. „Mein Opa hat dort seine erste Liebe geküsst“, ein anderer.

So idyllisch wie auf den Postkarten ging es auf dem Grundstück an der Wilhelmshöher Straße 76 schon lange nicht mehr zu: Ein Dutzend herausgeputzte Menschen durchschreiten gut gelaunt das Tor zum Hinterhof, „Gasthaus zur neuen Anlage, Philipp Goldschmidt“ ist auf der Karte zu lesen. Im Schatten alter Kastanien sind Biergarnituren aufgestellt. „Seckbach war ja ein Ausflugsort“, sagt Schmidt. „Die Arbeiter aus dem Riederwald haben Sonntags ihre Ausflüge hierher gemacht.“

Typisch für Gastwirte vor dem Krieg sei auch Philipp Goldschmidt gleichzeitig Metzger gewesen, sagt Schmidt. Seine Fleisch und Wurstwaren kamen nicht nur in der Gaststube auf den Tisch. „Die Besucher haben was für Zuhause mitgenommen.“ Außerdem gehörte dem Wirt ein angrenzender Kolonialwarenladen. Das war vor dem Krieg.

Wirt Goldschmidt ist auch Metzger gewesen. So konnten Besucher auch gleich einkaufen.

„In den Fünfziger und Sechzigerjahren war auf dem Grundstück eine Schnapsbrennerei.“ Diese Zeit, als „Henkel und Kaufmann“ in großen Mengen Weinbrand herstellte, hat der Seckbacher selbst noch lebhaft vor Augen. „Da waren zwei große Schornsteine aus denen es geraucht hat. An die Tanklaster, die bis oben hin mit Schnaps befüllt wurden, kann ich mich gut erinnern.“

Auch für Edeka habe die Firma Alkohol hergestellt, ganz Deutschland sei damit beliefert worden. „Die genauen Jahre habe ich nicht vorliegen. Dazu müsste man nochmal einen Blick in die historischen Telefonbücher werfen.“ Ein Kelterer habe zu dieser Zeit Lagerräume genutzt und dort seinen Apfelwein aufbewahrt.

Einen Teil der Brennerei habe das Pharmaunternehmen Hormosan bis zum Umzug an die Hanauer Landstraße im vergangenen Jahr genutzt. Dieser Teil wird derzeit saniert, um einen Anbau erweitert und Neubauten ergänzt. 31 Eigentumswohnungen entstehen, die in zwei Jahren bezugsfertig sein sollen.

Zurück zu den Postkarten. Erinnerung an eine Zeit, in der die Post von Sonntagsausflügen erzählte, nicht die sozialen Medien. Auch in Seckbach sind über die Jahre zahlreiche Grußkarten angefertigt worden. „Wir bereiten gerade eine Ausstellung damit vor“, kündigt Schmidt an. „An den Postkarten lässt sich die bauliche Veränderung des Stadtteils gut ablesen.“ Früher habe der Stadtteil aus dörflichen Einfamilienhäusern bestanden. „Erst als Seckbach 1900 eingemeindet wurde, wurden viele Gründerzeithäuser gebaut. Stadthäuser waren dann sehr modern.“

Zur aktuellen baulichen Entwicklung hat er eine klare Meinung. „Es ist schade, wenn was Größeres gebaut wird, was so wenig reinpasst.“ Das Ortsbild, findet Schmidt, würde zerstört.

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