Landschaftslotse Torsten Jens von der Naturschule Hessen und Heidi Wieduwilt vom BUND tauschen sich aus.  
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Landschaftslotse Torsten Jens von der Naturschule Hessen und Heidi Wieduwilt vom BUND tauschen sich aus.  

Schwanheim

Schwanheimer Düne: Auf den Wegen bleiben!

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Landschaftslotse Torsten Jens vermittelt wischen Naturschutz und Naherholung. Die sensible Tier- und Pflanzenwelt des Naturschutzgebiets ist zunehmend durch Ausflügler gefährdet.

Eine Sanddüne am Rande der Großstadt. Kiefern wachsen gedrückt, Flechten mühen sich auf dem kargen Boden ab. Es riecht nach Mittelmeer. „Es ist ein ganz besonderer Ort“, sagt Rosemarie Heilig (Grüne) über die Schwanheimer Dünen, das Naturschutzgebiet im Westen. Viele bedrohte Arten leben dort; sie sind zunehmend in Gefahr. Ausflügler zertrampeln die zarten Flechten, verlieren Müll und Unrat. Hundebesitzer lassen ihre Vierbeiner die Vögel aufscheuchen.

Anfang Mai hat die Naturschutzbehörde Alarm geschlagen. Die Stadt reagiert, hat einen Landschaftslotsen installiert, der zwischen Naturschutz und Naherholung vermittelt. Am gestrigen Donnerstag, 9. Juli, hat sie das Projekt vor Ort vorgestellt. „Wir wollen keinen Zaun ziehen“, sagt Heilig. Aber passieren muss etwas. Das zeigt schon die knappe Stunde, die die Journalisten auf dem Bohlenweg verbringen, unter der Woche vormittags.

Eine Frau möchte sich nicht an der Gruppe vorbeischlängeln, weicht über das Gras aus. Eigentlich verboten, den Weg soll niemand verlassen. Ein junger Mann kommt mit frei laufendem Dackel daher. Auch nicht erlaubt. „Leinen Sie bitte den Hund an“, fordert der Lotse höflich auf. Torsten Jens ist ein erfahrener Mann. Seit 14 Jahren lotst er Menschen durch die Natur am Alten Flugplatz in Bonames/Kalbach. Nun ist er nach Schwanheim abkommandiert, den Einsatz finanziert das Regierungspräsidium in Darmstadt.

Abends und am Wochenende unterwegs

Jens geht zu Zeiten los, „in denen es brennt“. Also nicht donnerstags vormittags, sondern abends, am Wochenende, an Feiertagen. Im April hat er angefangen, „inkognito“. Hat sich schweren Herzens unter die Bäume gesetzt (auch verboten), hat einfach mal zugehört, beobachtet, „ein Gefühl für die Situation“ entwickelt. Er kann nachvollziehen, warum es die Menschen zu Corona-Zeiten zurück in die unberührte Natur zieht. Nur dass die danach nicht mehr unberührt ist, ärgert ihn mächtig.

Offizielle Kontrollgänge unternimmt Jens seit Juni. Nicht immer erfolgreich. Der bereits erwähnte junge Mann macht keine Anstalten, den Dackel einzufangen. „Ich hab ein bisschen Angst vor dem“, sagt der Missetäter frech und läuft weiter. Jens lacht. „Die Ausrede habe ich auch noch nicht gehört.“ Galgenhumor gehört auch zum Job. Zumal das Tier nicht so frisch wirkt, als wolle es sich jeden Moment von den Bohlen hinab ins Naturschutzgebiet stürzen. Bei einem Rottweiler wäre Jens wohl strenger.

Erst kürzlich hat er einen getroffen, samt zwei leicht angetrunkenen Männern. Fernab des erlaubten Weges. Gezögert habe er schon, die anzusprechen. Letztlich hat sich aber ein „sehr erfrischendes Gespräch“ daraus entwickelt. Die Herren waren einsichtig, haben sogar neugierig gefragt, wie man Landschaftslotse werde. Für eine Aufnahmeprüfung müssten sie noch pauken. Freundlich winkend schreiten sie von dannen – quer über das Dünengras. Jens hofft nun, dass sie es künftig besser machen.

Gespräch suchen

2,5 bis drei Stunden ist er auf einer Tour unterwegs. Zu Hochzeiten trifft er etwa 70 Frischluftfreunde pro Stunde. Er sucht das Gespräch, zeigt auch mal etwas durchs Fernglas. Die meisten Frevler sind friedlich – und schuldbewusst. Wenn Jens mahnt, räumen sie die Picknickdecke ein und machen sich auf. Bis zum Ende der Sommerferien wird der Lotse vor Ort sein. Dann zieht die Stadt Bilanz. Wie nachhaltig seine Ansprache wirkt, mag er selbst nicht beurteilen.

Heidi Wieduwilt vom Bund für Umwelt und Naturschutz ist verhalten pessimistisch. „Ich komme am Abend oder Wochenende nicht mehr her, ich ertrage es nicht“, sagt sie. Seit 38 Jahren kümmert sie sich ums Naturschutzgebiet. Sie freue sich über den Einsatz des Landschaftslotsen. Wünsche sich aber stärkere Kontrollen samt Bußgeldverfahren. Theoretisch sind Strafen bis zu 100 000 Euro möglich. Die Mitarbeiter des Ordnungsamts, die dieser Tage ebenfalls öfter in der Düne wandeln, verhängen eher kleiner Beträge. 50 Euro für einen nicht angeleinten Hund etwa. Wieduwilt sagt grimmig: „Appellieren hilft nicht mehr.“

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