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Auf eine letzte Wurst bei Gitti und Rainer

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Von: Michael Forst

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Brigitte und Rainer Schleich nehmen schweren Herzens Abschied von ihrem Wurststand in Alt-Schwanheim.
Brigitte und Rainer Schleich nehmen schweren Herzens Abschied von ihrem Wurststand in Alt-Schwanheim. © Maik Reuß

Kultimbiss von Rainer Schleich in der Straße Alt-Schwanheim schließt für immer. Seit vier Jahrzehnten ist der Wurststand unter den Kastanien eine Institution. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Wir hören leider auf – es rechnet sich nicht mehr für uns“: Auch wenn Rainer Schleich, Besitzer des Wurststands unter der alten Kastanie in Alt-Schwanheim, diesen Satz wohl annähernd hundert Mal gegenüber seiner treuen Kundschaft in den vergangenen Tagen ausgesprochen haben dürfte: Richtig glauben mag er es selber immer noch nicht. Dabei ist es bittere Realität: Am heutigen Samstag schließt der alte Marktstand für immer – mit ihm verliert Schwanheim mehr als nur einen Verkaufsplatz. „Für viele waren wir der Nabel der Welt“, fasst Schleich die Bedeutung seines Standes zusammen – und seine Frau Brigitte, bekannt für ihren selbst gemachten Fleischsalat, stimmt ihm zu: „Viele unserer Kunden sind zu Freunden geworden, ich komme mit jedem.“

Die Kundschaft ernst nehmen, ihnen nicht nur Wurst, Frikadellen, Rollbraten, Fleischkäse, Salate, hausgemachte Suppe verkaufen, sondern ihnen zuzuhören, wenn sie von ihren Nöten erzählen wollen – das gehörte für das Ehepaar Schleich zum Geschäft dazu. Kein Wunder also, dass der Wurststand sogar einen eigenen Stammtisch, einen Fanclub, hat. Der verabschiedete sich mit einem bewegten „Tschüss, Gitti und Rainer!“ auf dem Titelblatt der Stadtteilzeitung vom Besitzer-Ehepaar. Seit etwa vier Jahrzehnten steht der Schwanheimer Wurststand – geschützt von einem Holzdach und mit einer Terrasse mit Stehtischen davor – an der Lebensader des dörflichen Stadtteils. Lange haben ihn zwei Brüder betrieben. Im September 2005 hatte erst Rainer Schleich in Schwanheim angefangen, als einer der beiden Brüder in Rente ging. Schleich ist gelernter Metzger. Zwischendurch hatte er als EDV-Fachmann gearbeitet und war am Wurststand zu seinen Wurzeln zurück gekehrt. Vor rund 13 Jahren hörte auch der zweite der Brüder aus Altersgründen auf, Schleichs Frau Brigitte stieg mit ein.

In einen Job, der Disziplin erfordert: Um 3 Uhr morgens klingelt der Wecker, um 4.10 Uhr fängt der Tag im Wurststand an, mit Reinigung und Vorbereitung der Auslagen, mit der Salat-Produktion. Jüngere Menschen würden sich das nicht antun wollen, berichtet Rainer Schleich. Entsprechend hoffnungslos sei die Suche nach einem Nachfolger. Die einzigen Interessenten planten, dort einen Bratwurststand einzurichten. „Aber hier, im dörflichen Schwanheim, musst Du den Leuten einfach mehr bieten als das“, ist sich Schleich sicher.

Dann berichtet er von zunehmend geschrumpften Gewinnmargen, steigenden Lebensmittelpreisen, die ihm das Leben schwer gemacht hätten. Zumal er die Mehrausgaben nicht einfach auf die Preise draufschlagen will, das möchte er seinen Kunden nicht zumuten. Denn die schätzten, dass sie sein Kümmelbrot an jedem Donnerstag für 3,50 Euro bekamen – anderswo koste es mehr als 4 Euro. Bei den Fleischwaren habe er es auch so gehalten: „Der Handwerker soll schließlich jeden Tag hier zum Frühstück kommen – und nicht nur einmal in der Woche.“

Zwei Ereignisse waren letztlich auschlaggebend für die Schließung: Erst schmiss eine langjährige Mitarbeiterin hin. Dann ging einer seiner drei Metzger aus dem Vogelsberg in Rente – ausgerechnet sein Lieblingslieferant, „wir haben 20 Jahre toll zusammengearbeitet“. Ob er woanders seine Wurstwaren anbieten wird, weiß Schleicher noch nicht. „Ich kümmere mich um die Abwicklung, dann sehe ich weiter.“

Am heutigen Samstag gibt es am Stand in Alt-Schwanheim 38 von 7 bis 14 Uhr ein letztes Mal Wurst zu reduzierten Preisen. Interessenten für den Stand können sich per Mail melden an: rschle2011@aol.com.

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