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Kurse wie Rückbildungsyoga mit Baby sind ein wichtiger Bestandteil des Angebots im Geburtshaus.

Frankfurt

Geburtshaus Frankfurt: Der Arzt bleibt draußen

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Im Geburtshaus bringen Frauen ihre Kinder ganz ohne Schmerzmittel und medizinische Begleitung zur Welt. Unterstützung bekommen sie dabei von Hebammen.

Als Frieda Wendt zur Geburt ihres Sohnes in die Böttgerstraße 22 kommt, brennen dort schon die Teelichter in den Duftlampen, das Gebärzimmer ist heimelig hergerichtet. Sie ist gerührt, möchte aber eigentlich in das andere der beiden Zimmer, um ihr Kind auf die Welt zu bringen. Die Wehen ziehen zu diesem Zeitpunkt alle zwei Minuten ihren Unterleib zusammen, sie kann kaum noch stehen. Sie ringt kurz mit sich und sagt dann, wie es ist. „Ich fand nicht, dass das ein Moment war, in dem ich auf die Befindlichkeiten anderer Rücksicht nehmen sollte.“

Hebamme Katharina Weber, die zu dieser Zeit im Geburtshaus Dienst hat, geht wie selbstverständlich auf Wendts Wunsch ein und richtet kurzerhand das andere Zimmer her, bevor sie Wendt in den kommenden Stunden durchgehend bei der Geburt begleiten wird. Wendt und die anderen Frauen, die hier von ihren Geburtserfahrungen berichten, sind nicht bei ihrem richtigen Namen genannt.

Seit 25 Jahren können Schwangere im Geburtshaus Frankfurt Kinder ohne medizinische Unterstützung zur Welt bringen, die Selbstbestimmtheit der Frauen hat für die Hebammen dort Priorität. Seit 20 Jahren hat es sein Domizil im Hochparterre eines dreistöckigen Altbaus in der Böttgerstraße 22 im Nordend. 3100 Kinder sind dort nur von Hebammen begleitet zur Welt gekommen. 24 in diesem Juli.

Wendt hatte sich schon vor ihrer Schwangerschaft vorstellen können, ihr Kind in einem Geburtshaus zur Welt zu bringen, weil sie vor Jahren von einer Freundin aus Marburg eine euphorische Geburtsgeschichte gehört hat. „Das hat mir das Vertrauen gegeben, dass es auch ohne Krankenhaus geht“, sagt sie. Hinzu kam, dass sie sich von Medizinern oft nicht ernstgenommen gefühlt hatte. „Im Geburtshaus wird einem als Frau viel zugetraut“, sagt sie. „Sie gehen davon aus, dass eine Frau fähig ist zu gebären und viele Ressourcen hat, die sie mobilisieren kann.“ Dieser Ansatz hat ihr gefallen. „Ich wollte der Geburt die Chance geben, ganz natürlich abzulaufen.“

Früher, vor 25 Jahren, seien vorrangig Frauen aus der alternativen Szene ins Geburtshaus gekommen, berichtet Geschäftsführerin Claudia Riegel. Das aber habe sich grundlegend geändert. „Heute kommen vor allem Frauen, die sich eine gute Betreuung vor Ort wünschen, aber wissen, dass Krankenhäuser das oft nicht leisten können.“ Sie alle lassen sich auf eine Geburt ohne Schmerzmittel ein. Die nämlich dürfen die Hebammen nicht eigenständig verabreichen. Statt regulärer Schmerzmittel bieten sie Massagen, Duftöle oder Globuli.

„Ich habe mich von den Hebammen die ganze Zeit über sehr gut begleitet gefühlt“, sagt Frieda Wendt. Immer sei jemand bei ihr gewesen, sie sei während der Wehen durchweg unterstützt worden. Eins-zu-Eins-Betreuung heißt das im Fachjargon. Eine Hebamme betreut durchgehend eine Frau. Das kostet Personal. Und Geld. „Die intensive Betreuung nimmt vielen Frauen die Angst“, sagt Riegel und ersetze häufig die Schmerzmittel.

„Es hat sich angefühlt, als würde ich durch einen Sturm auf Wellen laufen, bei dem ich eigentlich Angst haben müsste, unterzugehen“, schildert Wendt. Eigentlich. Doch die motivierende Ansprache der Hebammen, die vielen kreativen Ideen und die körperliche Unterstützung seien wie ein Seil gewesen, an dem sie sich sicher durch den Sturm hangeln konnte. Schmerzhaft sei es zwar gewesen, aber nie so, dass ihr Schmerzmittel gefehlt hätten.

„Ich fand’s nicht so schlimm wie alle immer sagen“, bestätigt Valerie Brandt. Als sie aus Offenbach ins Nordend fuhr, hatte sie eigentlich nur mit einer Untersuchung gerechnet, doch die ergab, dass sie sich schon mitten im Geburtsprozess befand. Zweieinhalb Stunden später war ihre Tochter auf der Welt und noch am gleichen Tag war Brandt mit ihrem Freund und der winzigen neuen Mitbewohnerin wieder zu Hause.

Doch so rund läuft es nicht immer. Bei Susanne Wandler hatte eigentlich auch alles gut angefangen. „Ich hatte das Gefühl, sie versuchten, dass wir das so gut wie möglich gemeinsam hinkriegen“, erinnert sie sich. „Die Hebamme hat mich so gut während der Wehen motiviert, dass ich volles Vertrauen hatte und den Geburtsprozess als wunderbar selbstbestimmt erlebt habe.“

Doch irgendwann geht es nicht weiter, Wandler ist erschöpft von der kurzen Nacht, den vielen Wehen. Dann der Entschluss der Hebammen, sie ins Krankenhaus zu verlegen. Der Krankenwagen ist schnell da, Hebamme Lisa-Marie Justus fährt noch mit und übergibt dann ans Klinikpersonal. „Auf einmal war alles total anders“, sagt Wandler. Wenige Momente später hat sie einen Zugang in der Vene, bekommt ein Antibiotikum und wehenfördernde Hormone verabreicht und wird trotz ihres Einwands während einer Wehe vaginal untersucht. „Und dann haben sie noch gesagt, das Kind müsse in einer Stunde draußen sein, sonst müsste ein Kaiserschnitt gemacht werden“, berichtet sie. „Das hat mich alles total verunsichert.“ Dabei waren die Herztöne des noch ungeborenen Babys während der gesamten Zeit gut.

27 Prozent der Frauen, die im Geburtshaus gebären wollen, werden noch vor der Geburt in eine Klinik verlegt. In den allermeisten Fällen liegt das an einem sogenannten Geburtsstillstand. Andere Gründe sind auffällige Herztöne des Kindes oder der Wunsch der Frau nach Schmerzmitteln.

Klassische Notfälle wie in der Klinik, bei denen es um jede Minute geht, „haben wir hier selten“, sagt Hebamme Melanie Boß. Ein Grund dafür sind die Ausschlusskriterien; Risikogeburten betreuen die Hebammen dort nicht. „Wir sind viel näher an den Frauen dran als in der Klinik und merken sehr schnell, wenn eine Situation kippen könnte“, sagt Boß, die neben ihrer Arbeit im Geburtshaus auch in einer Klinik im Taunus arbeitet. In aller Regel sei ausreichend Zeit, um die Schwangere sicher in ein Krankenhaus zu verlegen. „Eine Geburt ist kein Herzinfarkt, bei dem jede Sekunde zählt“, sagt Geschäftsführerin Claudia Riegel.

Müsse es schnell gehen, könne eine Frau vom Geburtshaus binnen 20 Minuten in den Kreißsaal des Bürgerhospitals kommen. Außerdem klappe die Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern sehr gut. Der letzte echte Notfall, bei dem eine Frau nach der Geburt Blutungen bekam, liegt laut Boß vier Jahre zurück.

„Ich war wohl ein Notfall für sie“, kommentiert Susanne Wandler ihre Verlegung ins Krankenhaus. „Dabei habe ich mich selbst nicht so gefühlt.“ Auch dem Kind sei es während der Geburt messbar immer gutgegangen.

Das Personal setzt dennoch alles daran, das Ungeborene so schnell wie möglich aus ihr herauszuholen. Ihre Beine fixiert, die Ärztin auf den Bauch, um das Kind nach außen zu befördern. Ein Dammschnitt – zwischen Scheide und After – soll das Herauskommen erleichtern, und eine Saugglocke zieht das Baby schließlich ans Licht der Welt. „Ich habe mich auf einmal so machtlos gefühlt“, sagt Wandler. Machtlos. Und nicht mehr selbstbestimmt wie in den Stunden davor.

„Die Logik der Krankenhäuser ist ja schon die, dass sie mehr auf die Eingriffe vertrauen als auf den natürlichen Prozess“, sagt Wendt. Sie und Brandt haben wie viele werdende Eltern auch Infoabende von Kliniken besucht. „Ständig fielen da die Worte ,Angst‘ und ,Schmerztherapie’“, erinnert sich Brandt. „Hätte ich mich nicht schon vorher damit beschäftigt, hätte ich spätestens danach Angst vor der Geburt gehabt.“

Diese unterschiedliche Herangehensweise zeigt sich für Hebamme Melanie Boß und ihre Kolleginnen auch schon in der Sprache. Während es im Klinikjargon heißt, dass die Ärzte die Frauen von ihren Kindern entbinden, wird im Geburtshaus davon gesprochen, dass Frauen ihre Kinder gebären. Passiv gegen aktiv. Frauen, die ins Geburtshaus gehen, wollen sich aktiv in den Prozess einbringen. Und auch die Partner werden von den Hebammen angeleitet, ihre Frau zu unterstützen.

„Wir sind keine Hippies“, betont Geschäftführerin Riegel. Gemacht werde alles, was vorgeschrieben sei. „Aber wir haben eben einen anderen Handlungsspielraum als Kliniken.“

Wendt, Brandt und auch Wandler – sie alle würden für eine weitere Geburt wieder in die Böttgerstraße 22 gehen. „Die Geburt hat alle meine Erwartungen im Positiven übertroffen“, sagt Wendt. Auch ohne Schmerzmittel.

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