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Schunkeln mit Abstand geht nicht

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Von: George Grodensky

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Gerhard Waldin gestaltet die Orden und Pins der Frankfurter Karnevalsgesellschaft Rot-Weiss.
Gerhard Waldin gestaltet die Orden und Pins der Frankfurter Karnevalsgesellschaft Rot-Weiss. © Renate Hoyer

Karnevalist Gerhard Waldin und die FKG Rot-Weiss fiebern ihrem Heringsessen entgegen. Das letzte bisschen Fastnacht, was in dieser Saison noch möglich ist.

Gerhard Waldin mag sich die gute Laune nicht verderben lassen. Auch wenn Fastnacht wegen Corona wieder ausfällt. Der Rentner, Privatier, wie er sagt, weiß sich zu beschäftigen. Der 73-Jährige geht auf den Bornheimer Markt. Plagt sich mit seinem bronchialen Asthma herum. Und entwirft für seinen Verein, die Frankfurter Karneval-Gesellschaft Rot-Weiss (FKG), einen Pin zur aktuellen Kampagne. Also was an Kampagne geblieben ist. Den Auftakt hat die FKG im November noch frohgemut gefeiert. Eine Woche später mussten Frankfurter Vereine aber stadtweit Sitzungen, Umzüge, Bälle sowie sonstige Treffen absagen.

2022 ist das zweite Jahr ohne Fastnacht hintereinander. Vielen Aktiven bereitet das Sorgen. Erstens, weil ihnen mit ihren Veranstaltungen die Einnahmen wegbrechen. Zweitens, weil Mitglieder abspringen. Manche haben die Arbeit verloren oder verdienen weniger, müssen sparen, warum also Mitgliedsbeiträge zahlen für etwas, das gar nicht in Erscheinung treten darf? Und drittens, weil Närrinnen und Narren eben gerne zusammenkommen und feiern. „Da geht es gar nicht ums Saufen“, sagt Holger Hauser, der Vorsitzende der FKG. „Es geht um Gemeinschaft.“

Das sieht auch Gerhard Waldin so. „Wir haben ein tolles Miteinander“, lobt er. Wenn das clubeigene Feuerwehrauto (das nutzen die Mitglieder bei Umzügen) geputzt werden muss, rücken alle an. Obwohl das Gefährt etwas außerhalb bei Seligenstadt parkt. Wenn eine Reparatur ansteht, spenden die FKGler, der Verein muss dann nicht einmal sein Konto anzapfen.

Waldin ist froh, seinen Beitrag leisten zu können. Er ist im Club zuständig für alles, was mit Gestaltung zu tun hat: Eintrittskarten, Plakate, Orden, Pins. „Toll“ findet er, was für ein Vertrauen der Verein ihm entgegenbringe.

Da muss Peter Henze lachen. Der Zweite Vorsitzende sitzt mit am Tisch, zur Sicherheit, falls Waldin sich im Gespräch als zu verschwiegen erweisen sollte. Der kreative Fastnachter ist eher ein zurückhaltender Vertreter seiner Art. „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt“, sagt er bescheiden. Zum Gespräch mit der Presse muss der Vorstand ihn überreden. Oder, wie es Henze formuliert: „Er ist dazu verdonnert worden.“

Fieser Zwang soll das nicht sein, die Vereinsspitze Henze und Hauser verstehen es als offizielle Anerkennung der Waldin’schen Verdienste. Auf der Sitzung hätte er einen Orden und Preisung erhalten. Aber die fällt ja aus. Lob und Dank ist auch der aktuelle Pin aus Waldins Zeichenfeder. Der Vorstand verteilt ihn an die Vereinsmitglieder, die in der Pandemie stur die Treue halten. 40 sind es nur, da wiegt jeder einzelne Verlust schwer.

„Wir achten auf ein familiäres Miteinander“, sagt Präses Hauser. Kontakt läuft über E-Mails und die Whatsapp-Gruppe. Im Frühjahr hat der Vorstand alle zu einer Feier auf die Freifläche eines Fußballclubs zusammengetrommelt. „Wir müssen schauen, dass wir unsere Leute beisammenhalten“, sagt Henze. Die Maxime ist nicht neu. Bereits vor Corona war in der Fastnacht nicht alles rosarot. Die FKG hat sich längst mit drei anderen Vereinen zum närrischen Kleeblatt zusammengeschlossen, mit den Schnaken, dem Bühnentanzsportclub FBC und den Eulen. „Ein Verein kann alleine kaum eine Sitzung stemmen“, sagt Henze. Aber zusammen geht das. Als Gemeinschaft.

Der Name Waldin spricht sich übrigens nicht Französisch aus. „Eher wie der Dackel mit einem n dran“, scherzt der Namensträger. Die Familie stammt aus Gera, Thüringen. Waldin ist mit dem Maler Otto Dix verwandt. Kreativ ist die ganze Sippe. Waldins Vater hat gemalt, Waldins Sohn zeichnet „Gesichter besser als wie ich“. Im vergangenen Jahr haben sie für den Vereins-Pin zusammen einen Narren mit Kappe und Corona-Maske designt.

1956 ist die Familie aus der DDR geflohen. Waldin ist da neun Jahre alt. Über Umwege wird man in Bad Homburg heimisch. Später zieht es Waldin in die große Stadt. 1962 beginnt er bei Kaufhof die Ausbildung zum Schau- und Werbegestalter. 20 Jahre lang ist er kreativ bei Kaufhof. „Früher hat man abends die Eingänge dekoriert und morgens für die Kundschaft wieder freigeräumt“, erinnert er sich. Später wird Waldin bei der Dresdner Bank Unterschriftenprüfer. Aus der ganzen Welt faxen ihm Filialen Dokumente zur Kontrolle. Aus London, aus Hongkong. Waldin steht eine Datenbank mit Schriftproben aus 3800 Finanzinstituten zur Verfügung. Datenbank, das heißt zu der Zeit noch Aktenschrank. Und die Schriftproben müssen natürlich aktuell gehalten werden.

Dass sich hinter der Bescheidenheit und dem akkuraten Seitenscheitel ein leidenschaftlicher Mensch verbirgt, lässt sich in Waldins Wohnzimmer erahnen. Eine Fahne von Eintracht Frankfurt, ein Schoppendeckel mit rotem Adleremblem, ein entsprechender Fanschal lassen keinen Zweifel, für welchen Fußballclub sein Herz schlägt.

Auf dem Sofa ist aber auch ein Schal des Bornheimer Fußballvereins drapiert, des FSV Frankfurt. „Der war meiner Frau“, sagt Waldin versonnen. Streit habe es deswegen nie gegebenen. Generell habe das Paar wenig gestritten. Sogar als sie ihren eher introvertierten Mann mit zur Fastnacht geschleppt hat. Gegen Bühne oder Bütt hat er sich erfolgreich wehren können. Kreativ im Hintergrund werkeln ist dagegen kein Problem. 1995 ist Waldin der FKG beigetreten. Seit 22 Jahren gestaltet er Orden und Werbemittel. Immer mit Frankfurter Motiven.

Jetzt freut sich Waldin, ja der ganze Verein aufs gemeinsame Heringsessen, den traditionellen Abschluss der Kampagne. Die Politik hebt die Kontaktbeschränkungen zum 4. März auf. „Dann können alle wieder zusammen an einer langen Tafel sitzen“, schwärmt Waldin. Einen Umzug durchs Fußballstadion, wie es die Kölner planen, kann sich Waldin dagegen nicht vorstellen. Da kommt keine Stimmung auf, sagt er. „Schunkeln mit Abstand funktioniert nicht.“

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