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Regina Freyberger mit einem Werk von Ernst Ludwig Kirchner: Sie liebt die unterschiedlichen Texturen dieser Arbeiten.

Städel Museum

Die Schule des Sehens

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Regina Freyberger ist seit einem Jahr im Städel-Museum Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750.

Das Licht des frühen Morgens fällt durch die hohen Fenster des Studiensaals. Auf den langgestreckten Tischen werden Besuchern auf Wunsch einzelne Werke aus der riesigen Graphischen Sammlung des Städel Museums vorgelegt. Das Mobiliar ist betagt, wirkt wunderbar aus der Zeit gefallen. Regina Freyberger hebt vorsichtig das schützende Papier von einer Arbeit Ernst Ludwig Kirchners aus dem Jahr 1915. Sie hat sich, wie sie sagt, noch immer nicht daran gewöhnt, fotografiert zu werden. Und doch ist die 38-jährige nun schon seit mehr als zwölf Monaten für einen wichtigen Teil der Graphischen Sammlung verantwortlich, für die Zeit von 1750 bis zur Gegenwart.

Die Sammlung: Das ist ein schier unendliches Universum – aktuell rund 115 000 Arbeiten. „Ich muss alles noch immer kennenlernen – und das tue ich am besten über Ausstellungen“, sagt die gebürtige Münchnerin. Und so wird sie denn im Sommer 2019 eine Schau von Werken des Expressionisten Kirchner sowie seiner Weggefährten Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff von der Künstlergruppe „Die Brücke“ präsentieren.

Allein von den „Brücke“-Künstlern nennt das Städel-Museum knapp 900 Werke sein eigen. Ein Team im Haus ist seit 2015 damit beschäftigt, die Graphische Sammlung insgesamt zu digitalisieren – Ende des Jahres werden die ersten 25 000 Arbeiten online gehen. Es sind insgesamt die Dimensionen, die Möglichkeiten des Hauses, an die man sich beim Städel-Museum gewöhnen muss.

Regina Freyberger, die Tochter aus gutbürgerlichem Hause – der Vater Professor für Steuerungs- und Regeltechnik an der Technischen Hochschule München – erlebte schon als Kind die Museen der Stadt. „Meine Mutter hat meine Schwester und mich immer in die Ausstellungen geschleppt.“ Staunend und mit großen Augen stand die Heranwachsende vor dem wildromantischen Gemälde „Morgen einer Sturmnacht“ von Johan Christian Clausen Dahl – dieser orange-gelbe Himmel inmitten grau dräuender Wolken aus dem Jahr 1819 hat als Kunstdruck Karriere gemacht.

Schon die Abiturientin fühlte sich vom Geschichten erzählen magisch angezogen. Doch sie schwankte noch, ob sie sich für Schreiben und die Literatur oder doch für die Bildende Kunst entscheiden soll. Doch dann studierte sie bei Frank Büttner an der Münchener Universität Kunstgeschichte. Freyberger erzählt mit leiser Stimme von ihren Lehrjahren an einem Münchener Auktionshaus. Sie erlebte aus nächster Nähe, wie der Kunstmarkt völlig aus dem Ruder läuft, mit irrwitzigen Preisen. „Da geht es nicht immer um die Liebe für die Kunst, sondern schlicht um Kunst als Wertanlage – da wird spekuliert.“ Sie beobachtete die Kämpfe bei Versteigerungen: „Wenn da zwei sind, die das gleiche Werk haben wollen, dann ist das wie ein Duell am frühen Morgen.“

Für die Staatlichen Museen, sagt sie, macht die Preissteigerung auf dem Kunstmarkt die Situation immer schwieriger. Sie können nicht mehr mithalten. „Für die Häuser wird es sehr schwer, ihre Bestände noch zu ergänzen.“ Dem Städel-Museum ermöglichen es Mäzene und Stiftungen noch immer, Ankäufe zu tätigen.

Regina Freyberger nennt die Jahre am Auktionshaus aber auch „eine Schule des Sehens“. Sie beschäftigte sich mit wertvollen Büchern aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Doch ihr Ziel blieb die Arbeit an einem Museum. Und so bewarb sie sich für ein Volontariat an der Alten Nationalgalerie in Berlin.

A diesem Morgen trudeln so langsam die Kolleginnen ein, die mit der Kuratorin an der Graphischen Sammlung arbeiten. An den Wänden in den Regalen stehen Tausende von Büchern über die Bildende Kunst. Städel-Direktor Philipp Demandt, aber auch schon sein Vorgänger Max Hollein haben nach und nach jüngere Kuratorinnen und Kuratoren ins Städel-Museum geholt, behutsam einen Generationswechsel eingeleitet. „Das junge Team macht große Freude“, sagt Freyberger schlicht.

An der Alten Nationalgalerie hat sie zunächst in der Generaldirektion gearbeitet und ist dort „verzweifelt ob der langweiligen Tätigkeit“. Doch dann arbeitete sie am Bestandskatalog der Gemälde und lernte so viele Werke kennen. Diesen direkten Zugang könne Internet nicht ersetzen. „Bei Zeichnungen und Druckgrafiken kommt es auf das Haptische an – in jedem Licht sieht außerdem jedes Blatt immer wieder anders aus.“ Jetzt strahlt sie.

Berlin brachte ihr auch negative Erfahrungen. Sie erfährt „entsetzt“, dass es in der Stadt auch fast dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer diese innere Teilung in Ost und West gibt. „Das prägt die Stadt nach wie vor.“ Es gab in Berlin auch Kolleginnen, die ihr vorhielten, sie komme doch „aus dem braunen München“ – weil die Nazis die Kommune zur „Stadt der Bewegung“ erklärt hatten. Sie sagt entschieden: „Das Kapitel Berlin ist abgeschlossen.“

Nein, Regina Freyberger ist ans Städel-Museum gekommen, um zu bleiben. Es gibt noch viel zu tun.

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