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Haben noch viel vor: Putzmacherinnen an der Berufsschule für Frauengewerbe VII in den 1930ern.

Jubiläum

Schule für Bekleidung und Mode in Frankfurt wird 100 Jahre alt

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Seit der Gründung vor 100 Jahren haben sich die Berufe, die an der Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode gelehrt werden, stark verändert. Wo früher Lampenschirmnäherinnen ihr Handwerk lernten, sitzen heute Designerinnen.

Man würde sie so gerne fragen. Die jungen Frauen in weißen Arbeitskitteln und eigenen Hutkreationen, Putzmacherinnen an der fBerufsschule für Frauengewerbe VII. Was mögen ihre Wünsche, ihre Ziele gewesen sein? Eine gute Anstellung in einem Frankfurter Atelier? Ein paar praktische Fertigkeiten für den sicheren Hafen der Ehe? Oder träumten manche gar den ungeheuren Traum von einer Karriere im gar nicht so fernen Paris? Man würde sie so gerne fragen.

Aber natürlich geht das nicht. Also kann, also darf man nur die Schülerinnen und Schüler der Gegenwart aushorchen. Dorothea Eichwald macht eine Ausbildung zur Maßschneiderin und will auch danach „Mode entwickeln, vom Papier bis in den Kleiderschrank“. Viviane Bogaert, ebenfalls angehende Maßschneiderin, will sich „über das Nähen hinaus vielleicht noch in der Schnitttechnik weiterbilden lassen“. Janis Schwuchow und Ecem Öcal wiederum machen ihre Fachhochschulreife mit Schwerpunkt Textiltechnik und Bekleidung, er will sich „mit einem eigenen Label selbstständig machen“, sie auch, „aber erst mal Erfahrungen in größeren Unternehmen sammeln.“

Am Frankensteiner Platz ging’s los: 17-mal zog die Schule um.

Beinahe 100 Jahre mögen zwischen diesen Ideen und jenen der Putzmacherinnen liegen. So ganz genau weiß man das nicht. Die Schwarz-Weiß-Fotografie aus der damaligen Berufsschule für Frauengewerbe VII, die heute Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode heißt, ist nicht datiert. „Ohnehin wurde unser Archiv lange nicht richtig beackert“, sagt Schulleiterin Anne-Kathrin Reich. Im 100. Jubiläumsjahr stehen sie und ihr Kollegium also vor einer großen Aufgabe. 17-mal zog die Schule in ihrer Geschichte um, wer weiß schon, was da alles verloren ging, wer weiß, in welchen Kellern noch Dokumente schlummern.

„Auf jeden Fall ist unsere Schule 1920 als erste Fortbildungseinrichtung für Frauen in Frankfurt gegründet worden“, sagt Reich. In jenes Jahrzehnt hinein also, das neben den 60ern das prägendste für die Mode des 20. Jahrhunderts werden sollte. Die Couturièren wie Gabrielle Chanel und Madeleine Vionnet in Paris, die Charleston-Mode aus Übersee, der „Berliner Chic“ – viel hatte die prächtige Mode der Goldenen Zwanziger mit der Schulgründung allerdings gar nicht zu tun.

Noch ein paar Stiche: Dorothea Eichwald bereitet ein Kleid für die Schau vor.

„Diese Schule ist nicht aufgrund von modischen Erscheinungen gegründet worden, sondern im Zuge bildungspolitischer Entwicklungen“, sagt Reich, die hier vor mehr als 30 Jahren selbst eine Berufsausbildung absolvierte. Waren die ersten Fortbildungsschulen Deutschlands, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, ausschließlich männlichen Schülern vorbehalten, forderten neue Bildungsgesetze in der Weimarer Republik nach neuen Einrichtungen. Wie die Berufsschule für Frauengewerbe VII eben, die siebte Fortbildungsschule der Stadt, die erste für Frauen.

„Insofern hatte die Schulgründung nichts mit den neuen Moden zu tun, aber beides hängt mit dem Jahrzehnt an sich zusammen“, sagt Reich. Die erste Welle der Frauenbewegung prägte den Zeitgeschmack und das Bildungssystem der Dekade. „Ein Jahrzehnt, in dem Frauen plötzlich rauchten, ihre Knie zeigten und die Haare kurz trugen – und endlich auch Berufsschulen besuchten“, sagt Gabriele Lamza, die an der Schule heute Deutsch und Englisch unterrichtet. „Nur waren Frauen vorher gar nicht im Berufsleben etabliert, also wurden sie erst mal in Berufe gesteckt, die ihrem häuslichen Bereich am nächsten waren.“

Festakt

Die Feierlichkeiten zu 100 Jahre Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode mit Festakt, Ausstellungen und Modenschauen finden am morgigen Donnerstag, 12. März, in der Hamburger Allee 23 statt. Der Eintritt ist frei.

Mehr Informationen zum Programm unter www.modeschule.de

Neben den Putzmacherinnen, Schneiderinnen und Näherinnen wurden etwa Plätterinnen und Wäscherinnen ausgebildet, Haarmacherinnen, Blumenbinderinnen, Lampenschirmnäherinnen und einfache Hausmädchen. „Alles, was den Frauen damals zugetraut wurde“, so Lamza. Einen Fokus aber setzte die Schule schon früh. 1923 fanden erste Absplitterungen statt, die Hausmädchen bekamen eine eigene Schule, die Blumenbinderinnen wurden in die heutige Philipp-Holzmann-Schule im Nordend verfrachtet.

Die Ausbildungsfelder im Mode- und Textilbereich verblieben in jenem Gebäude am Frankensteiner Platz 1, in dem heute die Bergiusschule untergebracht ist. Von da aus ging es für die Schule „auf Wanderschaft“, wie Anne-Kathrin Reich erzählt, unter anderem in die heutige Mühlbergschule, die Schwarzburgschule, die Linnéschule, „eben immer dort, wo gerade Platz war“. Selbst während des Zweiten Weltkriegs soll der Schulbetrieb weitgehend ohne Unterbrechungen fortgeführt worden sein.

Viele Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus gibt es nicht mehr. „Wir haben ein bisschen was über kriegsbedingte Umzüge gefunden“, sagt Reich, „aber zur damaligen Schülerklientel und Schwierigkeiten, die jüdische Schülerinnen bekommen haben müssen, gibt es nichts.“ Erst die 1950er liefern wieder mehr Material, das Jahrzehnt, in dem erstmals auch männliche Lehrlinge und Schüler an die Berufsschule kamen, so Reich, „und in dem sich Mode vollends als Kerngebiet herauskristallisierte“ – nicht ohne seine Randbereiche allerdings.

In emsiger Handarbeit: Maßschneiderei ist heute eine Nische.

Sie sei bei der Archivsichtung etwa überrascht gewesen, dass es in den 1980er Jahren ganze 18 Friseurklassen gegeben habe – heute sind es gerade noch die Hälfte. „Daran merkt man, wie manche modische Erscheinung unsere Schule doch prägte“, sagt Reich. „Die 80er waren eine Hochzeit der Friseure, damals ging man noch einmal die Woche zum Föhnen und Legen in den Salon.“ Und gab es einst drei Schneiderklassen, bekomme man heute „mit Mühe und Not eine halbe zusammen“. Aktuell lernen gerade einmal 14 Auszubildende das klassische Handwerk. „Auch weil da immer eine ‚brotlose Kunst‘ suggeriert wird“, sagt Reich.

Tatsächlich ist die klassische Maßschneiderei in Zeiten der Massenkonfektion zu einer Nische geworden. Aber aktuell tut sich wieder was. „Gerade in dem nachhaltigen Wandel, in dem wir uns befinden, kommt wieder mehr Interesse an langlebigen Dingen auf, bei denen man weiß, woher sie kommen“, sagt Viviane Bogaert, die angehende Maßschneiderin. „Unsicherheit gibt es doch in vielen anderen Berufen auch. Wenn man optimistisch und offen an die Sache rangeht, dann findet man auch seinen Weg.“

Jede Menge zu tun: Viviane Bogaert im Schneideratelier.

Ein Weg, der aktuell für rund 800 Auszubildende, Schülerinnen und Schüler an der Hamburger Allee 23 beginnt. 2001 wurde dort ein Komplex, zu dem etwa das Gebäude der ehemaligen Bismarckschule für Knaben gehört, für die Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode saniert. Abgesehen von einer Dependance in Höchst, an der Modedesignerinnen und Modedesigner ausgebildet werden, befinden sich im Westend alle Aus- und Fortbildungsgänge unter einem Dach. Und wer sich durch das Bildungsprogramm arbeitet, sieht erst mal den Wald vor lauter Möglichkeiten nicht.

Zur Einrichtung gehören unter anderem Fachschule, Fachoberschule und Berufsfachschule, diverse Berufs- und Schulabschlüsse können erreicht werden, neben der Bekleidungstechnik, der Maßschneiderei und dem Design auch in der Textilreinigung oder Bereichen der Kosmetik und Körperpflege. Eine Vielfalt, die die Schule am 12. März abbilden wird: Den ganzen Tag soll es Modenschauen und Ausstellungen geben. Und einen Vortrag zur lebhaften Geschichte der Schule auf Wanderschaft. Vielleicht entsteht dort ein Eindruck dessen, wovon die jungen Frauen in ihren weißen Arbeitskitteln und eigenen Hutkreationen geträumt haben mögen. Die Ideen der Schülerinnen und Schüler der Gegenwart jedenfalls werden bestimmt sichtbar.

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