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Volker Erbes ist 72 und hat viel zu erzählen.
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Volker Erbes ist 72 und hat viel zu erzählen.

Frankfurt-Bockenheim

Die Schuld von Generationen

  • Johannes Vetter
    vonJohannes Vetter
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Der Schriftsteller Volker Erbes reist in seinem neuen Roman „Der Engel der anderen Geschichte“ ins Spanien der Dreißiger Jahre. Die Idee dazu kam ihm vor 16 Jahren.

Kommt Volker Erbes erst einmal ins Reden, ist er schwer zu bremsen. Mit Brille in der Hand schreitet er in seinem Arbeitszimmer auf und ab, gestikuliert, stolpert von einer Geschichte in die nächste – und wirkt doch nicht exaltiert. Eher bedächtig, stets um guten Ausdruck bemüht. Er hat was zu erzählen.

Volker Erbes ist Maler, Grafiker, Kalligraf, Philosoph – und Schriftsteller. Sein zweiter Roman beim Bockenheimer Verlag Mainbook erschien vor drei Monaten. Es ist ein Krimi, es geht um ein Bild von Paul Klee. Der Frankfurter Journalist Sergius Tauer entdeckt es darin hinter einem Urlaubsfoto. Die Spur führt ins Spanien der Dreißigerjahre, zum Philosophen Walter Benjamin, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Portbou das Leben nahm, zur Klee-Zeichnung „Angelus Novus“, die Benjamin 1921 in München erworben hatte. Und es geht um das Tagebuch eines verschollenen deutschen Jagdfliegers.

Die Idee kam Erbes vor 16 Jahren, als er einen Bekannten im Bockenheimer Weinkontor traf. Er hat den gleichen Familiennamen wie ein deutscher Jagdflieger im spanischen Bürgerkrieg, mit dessen Tagebuch sich Erbes auseinandersetzte. Erbes fragt ihn, ob er mit ihm verwandt sei. Der Bekannte sagt ihm, es sei sein Großvater gewesen. Den Jagdfliegereinsatz will er nicht kommentieren. Die „Legion Condor“ der deutschen Wehrmacht legte im Spanischen Bürgerkrieg ganze Städte in Schutt und Asche.

„Ich habe den Mann nie wiedergesehen“, sagt Erbes. Ihm sei damals klar geworden, wie Schuld über Generationen verdrängt werden könne. Das, so sagt er, sei eigentlich das Thema seines aktuellen Buches mit dem Titel „Der Engel der anderen Geschichte“.

1967 kam Erbes nach Bockenheim. Zuvor hatte der gebürtige Idar-Obersteiner drei Semester Philosophie bei Ernst Bloch in Tübingen studiert, in Frankfurt ging es mit Adorno weiter. Erbes zog in eine Wohngemeinschaft mit Joschka Fischer, über den er nicht reden möchte, dann in ein Atelier in die Fichardstraße. Dort habe er zeitweilig mit den Frankfurter Kaufhaus-Brandstiftern zusammengewohnt, mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin, den späteren RAF-Terroristen. Er habe sie nicht gemocht, sagt Erbes.

„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, zitiert er den Titel eines Streifens des Filmemachers Alexander Kluge aus den 70ern. „Viele Menschen haben ein ungutes Gefühl dabei, wenn sie mit den Verhältnissen einen Kompromiss eingehen“, sagt Erbes dazu. „Doch was soll sonst die Nagelprobe mit der Realität sein?“

1973 schließt Erbes sein Philosophiestudium mit Promotion ab. Neun Jahre später erscheint „Die blauen Hunde“ beim Suhrkamp Verlag, eine Erzählung mit Autobiographischem zur Inkubationszeit der 68er Revolte, so Erbes. Zwei weitere Romane folgen, bevor er sich 1994 aus der literarischen Szene zurückzieht, um sich östlichen Weisheitslehren zu widmen. Erst zwanzig Jahre später meldete er sich mit dem Roman „Ein Blues für die Lady“, erschienen bei Mainbook, als Schriftsteller zurück.

Erbes könnte seine Romane heute am Bildschirm in einen Computer eintippen. Macht er auch, jedoch erst dann, wenn er die Manuskripte handschriftlich runtergeschrieben hat. Aber praktischer wäre der Computer für Erbes wohl ohnehin nicht. Seine Romane entstünden sowieso nicht in seinem Arbeitszimmer, sagt er, sondern in Cafés und Bars oder in den Niddawiesen, in Bockenheim vor allem. Der 72-Jährige sagt, der Stadtteil sei sein „Habitat“.

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