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Im Unterrichtsfach „Projekt Text“ an der IGS im Frankfurter Norden wird fächerübergreifend gearbeitet. 

IGS im Frankfurter Norden

Schüler bestimmen an dieser Frankfurter Schule mit

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Sie wurde im Sommer gegründet: die IGS im Frankfurter Norden. Demokratische Werte will die Schule vermitteln, die Schülerinnen und Schüler sollen viel mitbestimmen können.

An der IGS im Frankfurter Norden dauert eine Schulstunde 67 Minuten. Um genau zu sein: 67 Minuten und 30 Sekunden. Denn diese Zeitdauer, das hat die designierte Schulleiterin Anette Günther nach jahrelanger Lehrerfahrung ausgerechnet, ist dann „Quality time für intensives Arbeiten“. Bei Doppelstunden mit 90 Minuten lasse die Konzentration nach und der Unterricht laufe nach 75 Minuten aus. Eine Einzelstunde mit 45 Minuten sei wiederum für Fächer wie Kunst oder Deutsch nicht lang genug. Also hat man an der Schule die 67,5 Minuten erfunden.

Doch klar, es gäbe ganz schöne krumme Schulzeiten an der in diesem Sommer in Bockenheim gegründeten integrierten Gesamtschule, wenn sich die 67,5-Minuten-Stunden über den gesamten Tag ziehen würden. Lösung: Es werden nach jeder Schulstunde 7,5 Minuten drangehängt. In dieser Zeit sollen die Kinder ihre Sachen aufräumen. Und etwa die Tafel putzen. „Die Auslaufphase“, nennt das der stellvertretende Schulleiter Frank Reinhardt. Dadurch werde die eigentliche Schulstunde davor effektiv nur für den Unterricht genutzt.

Eine Klingel gibt es nicht. „Die Kinder kennen die Zeiten inzwischen, die haben das verinnerlicht“, sagt Reinhardt. Und sie mögen ihre 67-Minuten-Stunden. „Denn wir haben nach jeder Stunde auch eine lange Pause“, sagt Schüler Kenzo. Nach Unterricht und Aufräumen ist immer 15 Minuten Freizeit angesagt. Um die Mittagszeit sind es 45 Minuten. So gibt es viermal am Tag eine längere Pause, in der die Schülerinnen und Schüler in den Hof gehen. „Das entzerrt den Tag“, sagt Günther. „Kinder wünschen sich Freiräume.“ Das sieht Kenzo auch so. „Ich mag es, viel zu spielen – und mit den vielen Pausen bewegen wir uns auch öfter.“

Der Zehnjährige arbeitet gerade mit Remus im Fach „Projekt Text“ an einem Lapbook zur Steinzeit: Ein DIN A3-Plakat zum Aufklappen, auf dem Umschläge mit Kärtchen, Bildern, Klappkarten aufgeklebt sind und Erkenntnisse zur Steinzeit gesammelt werden. Wo die Menschen gewohnt haben, wie sie zusammenlebten, welche Waffen für was nützlich waren. „Wir haben gebastelt, recherchiert, Geschichten geschrieben“, sagt Remus. „Das macht richtig Spaß.“

Das Fach „Projekt Text“ setzt sich zusammen aus Deutsch, Gesellschaftslehre, Ethik und Religion. In Projekt gibt es immer ein übergeordnetes Thema, das dann von allen Fächern aufgegriffen wird. Etwa Mut. Geschichten können dazu geschrieben oder es kann eben die Historie einbezogen werden: Was haben die Vorfahren in der Steinzeit geleistet, wo mussten sie Mut beweisen? Oder es wird über mutige Menschen wie die Sozialdemokratin Johanna Tesch gesprochen – sie soll Namensgeberin der Schule sein, IGS im Frankfurter Norden ist lediglich ein Arbeitstitel.

Mut mussten vielleicht auch die Eltern beweisen, die die IGS angewählt haben. Eine neu gegründete Schule – davor schrecken viele zunächst zurück. Vor allem wenn sie wie diese IGS noch einmal umziehen muss. So ging es lange auch dem Adorno-Gymnasium, das nach vielen Irrungen und Wirrungen nun im Sommer von Höchst ins Westend gezogen ist – und dort erstmals nicht nur eine Handvoll Schüleranmeldungen hatte. Die IGS ist derzeit in der ehemaligen Sophienschule in Bockenheim untergebracht. Container werden noch auf dem Schulhof aufgestellt, doch auch dann ist dort nicht sehr lange Platz für die wachsende Schule. 2022 soll die IGS in den Frankfurter Norden ziehen, voraussichtlich an den Ben-Gurion-Ring. Doch für das angedachte Gebäude ist bisher noch kein Mietvertrag unterschrieben. Umgebaut werden müsste es auch noch.

Am Ende ist es Günther egal, wo genau die Schule unterkommt. Hauptsache im Norden. „Es können auch Holzmodule sein“, sagt sie. Für eine gute Schule sei kein repräsentativer Bau nötig. Aber die Räume sollten die Zusammenarbeit von Klassen möglich machen. So sind etwa immer zwei Klassen zu einem Tandem zusammengeschlossen. Im Projektunterricht stehen die Türen offen und drei Lehrer sind für die beiden Klassen präsent. Und kleinere Einheiten müssten im Gebäude auch vorhanden sein. „Kleine Schulen in einer großen Schule“, sagt Günther. „Denn das Gefühl von Verbindlichkeit geht in großen Einheiten verloren.“

Viele Schülerinnen und Schüler haben die IGS nicht freiwillig gewählt, sind der Schule zugewiesen worden. Doch die erste Enttäuschung darüber ist schon lange verflogen. „Denn unsere Schule ist ganz besonders“, sagt Husnia. Dass es das „Projekt Text“ und das „Projekt Ästhetik“ – Kunst, Musik und Theater – gibt, findet sie super. Und dass die Schülerinnen und Schüler so viel mitbestimmen können. „Wir haben uns überlegt, was für eine Schule wir sein wollen“, sagt Nada. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Vorschläge eingereicht, es wurde abgestimmt. Nun soll sich laut Codex die IGS gegen Rassismus, für Nachhaltigkeit und Sport engagieren. „Jede Religion ist akzeptiert“, sagt Nada. Respektvoller Umgang miteinander sei wichtig. Und Husnia findet: „Es ist gut so, dass wir auch zwei Lehrerinnen mit Kopftuch haben“.

Demokratische Werte erfahrbar machen – so lautet ein Schwerpunkt der Ganztagsschule. Jeder Schultag beginnt mit einer Klassenstunde, in der über aktuelle Themen gesprochen wird. Für Liam ist das Mitentscheiden auch ein eindeutiger Pluspunkt für die Schule. „Wegen mir gibt es bald einen Schulsanitätsdienst“, sagt der Elfjährige. Eine AG soll gegründet werden. „Wir können viel sagen, was wir haben wollen.“ So war das auch bei der Sache mit der Turnhalle. Nachdem der Codex beschlossen worden war, klopften die Schüler an die Tür der Schulleitung. Jetzt, wo man doch eine sportliche Schule sei, wolle man, dass die Turnhalle in der Pause geöffnet werde, forderten sie. Hat die Schulleitung auch gemacht. „Die Kommunikationswege sind kurz“, sagt Günther.

Und noch eins begeistert die Schülerinnen und Schüler an ihrer IGS: Es gibt keine Hausaufgaben. In sogenannten Trainingsstunden wird geübt, Vokabeln gelernt, gelesen. Jeder nach einem Lernplan auf seinem Niveau, im eigenen Tempo. Es ist der erste Schritt zum selbstorganisierten Lernen. „Die Selbstorganisation bauen wir nach und nach auf“, sagt Günther. Die Schülerinnen und Schüler sollen langsam darauf vorbereitet werden, selbstständig zu arbeiten. „In der fünften und sechsten Klasse müssen sie aber noch schnell an Lernstoff drankommen.“

Ob die IGS nun in diesem Jahr mehr Anmeldungen von Viertklässlerfamilien bekommen wird, das können Günther und Reinhardt nicht so genau einschätzen. „Aber wir haben eine hohe Zufriedenheit an der Schule“, sagt Reinhardt. „Und zufriedene Eltern geben das weiter.“

Schulleiterin Günther hat das Gefühl, die Schule werde für den Norden nun attraktiver. Als sich die Frankfurter Gesamtschulen beim Markt der Möglichkeiten im November alle vorstellten, da „hatten wir nonstop zu tun“. Ihr ist es auf jeden Fall wichtig, dass es eine Schule ist, „auf die Kollegen und Schüler stolz sind“. Identifikation mit der Schule sei wichtig. „Das wird in der heutigen Zeit gebraucht.“

Wahl der weiterführenden Schule

Die Elternerhalten Antragsformulare, die sie bis zum 5. März ausfüllen und in der Grundschule abgeben müssen. Sie können darin zwei Wünsche für weiterführende Schulen angeben. Zudem wird gefragt, ob im Fall einer Zuweisung mehr Wert auf die gewünschte Schulform oder die bessere Erreichbarkeit gelegt wird. Wer etwa zwei Gymnasien wählt, kann so signalisieren, dass an eine nähergelegene IGS oder KGS zugewiesen werden kann.

Die Erstwunschschulensichten die Anmeldebögen und wählen Schülerinnen und Schüler aus, die sie aufnehmen wollen. Bei der Auswahl dürfen Schulleitungen die Kriterien anwenden,
die aus §70 des Hessischen Schulgesetzes hervorgehen. Das sind besondere soziale Härtefälle, der Wunsch nach der ersten Fremdsprache und der Wunsch nach einem Aufnahme in einen vom Kultusministerium bestätigten Schwerpunkt (Musik und Sport). Geschwisterkinder dürfen bevorzugt aufgenommen werden, müssen aber nicht. Hat eine Schule nach Abarbeitung der Kriterien mehr Anmeldungen als Plätze, lost sie die Schüler aus.

An die Zweitwunschschulewerden die die Anmeldebögen der Schülerinnen und Schüler von der Erstwunschschule weitergegeben, die dort nicht zur Aufnahme vorgesehen sind. Die Zweitwunschschulen sichten – sofern sie freie Plätze haben – die Anmeldungen und wählen Schülerinnen und Schüler ebenfalls nach Anwendung der gesetzlichen Kriterien für die Aufnahme aus. Gegebenenfalls wird auch dort gelost. Anträge von Schülern, die auch an der Zweitwunschschule nicht aufgenommen wurden, werden an das Staatliche Schulamt geschickt.

Bei der Verteilerkonferenzim Mai wird allen Schülerinnen und Schülern, die bis dahin nicht zur Aufnahme an einer der Wunschschulen vorgesehen sind, ein Schulplatz im gewünschten Bildungsgang zugewiesen.

Am 28. Maigehen die Bescheide in die Schulpost. Zudem versenden die Schulen, die nicht alle Erst- oder Zweitwünsche aufnehmen konnten, eine Absage mit einer kurzen Begründung.

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