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Minka Pradelski kämpft als Wissenschaftlerin und Autorin dagegen, dass die Vernichtung und Unterdrückung der europäischen Juden in Vergessenheit gerät.
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Minka Pradelski kämpft als Wissenschaftlerin und Autorin dagegen, dass die Vernichtung und Unterdrückung der europäischen Juden in Vergessenheit gerät.

Göpferts Runde

Schreiben gegen das Vergessen

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Soziologin und Tochter von Holocaust-Überlebenden Minka Pradelski macht mit ihrem Roman „Es wird wieder Tag“ bundesweit Furore.

Die Stille, die über der Frankfurter Altstadt liegt, ist unheimlich. Nur wenige Menschen queren eiligen Schrittes Paulsplatz und Römerberg. Der nördliche Brückenkopf des Eisernen Stegs ist verlassen. Umso einfacher ist Minka Pradelski auszumachen, die sich rasch nähert. Die Soziologin und Tochter von Holocaust-Überlebenden kämpft seit Jahrzehnten dafür, dass die Geschehnisse der Shoah nicht vergessen werden. Ihr jüngster Roman „Es wird wieder Tag“ macht gerade bundesweit Furore, wurde im Literarischen Quartett des ZDF diskutiert.

Im Mittelpunkt des Buchs steht die fiktive Figur einer jungen Jüdin, die im Januar 1946 in Frankfurt das erste Kind von KZ-Überlebenden in der Stadt zur Welt bringt. „Die letzten Zeitzeugen verstummen“, sagt die 73-jährige mit leiser Stimme, „umso wichtiger ist es, dass die Geschichte des Holocaust immer wieder aufs Neue erzählt wird.“ Deshalb sei der Roman entstanden, an dem sie nach langer Recherche sechs Jahre geschrieben hat.

Ein eisiger Wind weht vom Main her. „Es wird wieder Tag“ erscheint wie die Summe des bisherigen Lebens der gebürtigen Frankfurterin. Sie war 1947 im Lager für „Displaced Persons“ (DP) in Frankfurt-Zeilsheim zur Welt gekommen, das die US-Besatzungsbehörden gegründet hatten, um heimatlosen Menschen auch aus den Konzentrationslagern ein erstes Obdach zu gewähren. In den Baracken, in denen während der Nazizeit russische Zwangsarbeiter zusammengepfercht worden waren, lebten ab August 1945 viele Jüdinnen und Juden aus Polen, der Sowjetunion, Litauen, Ungarn.

Pradelskis Eltern stammten aus dem polnischen Lodz. Bis heute kennt die Tochter den genauen Leidensweg insbesondere ihres Vaters nicht, er hat mit ihr nie darüber gesprochen. „Meine Eltern haben sehr wenig erzählt über ihr Schicksal, es herrschte ein beredtes Schweigen.“ Noch heute arbeitet es in Pradelski, wenn sie über diese Sprachlosigkeit redet, die sie wie viele andere Kinder von Holocaust-Überlebenden erfuhr. Die Eltern waren zu traumatisiert, um über das Grauen in den Konzentrationslagern zu sprechen. In ihrem Roman versucht die Schriftstellerin dennoch, das Leben im KZ darzustellen. „Ich hatte große Zweifel beim Schreiben, ob ich, die über keine innere Erfahrung verfügt, das kann“, gesteht sie.

Die Autorin versucht, das Grauen mit Beiläufigkeit zu bannen, mit großer Genauigkeit. Die vermeintliche Sanftheit von „Liliput“, der kleinwüchsigen KZ-Aufseherin, die täglich über Leben und Tod entscheidet. Der Kampf der ausgemergelten Frauen in der Baracke um die einzige Schüssel, in der sie sich waschen und ihre Notdurft verrichten müssen. Die hervorstehenden Knochen am eigenen Körper und an den Leibern der anderen.

Für den Roman konnte die Soziologin in ihrer langen Arbeit genug Material sammeln. Jahre arbeitete sie für die Shoah Foundation, die der US-Regisseur Steven Spielberg 1994 gegründet hatte. Deren Ziel war es, weltweit und in großem Umfang die Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden in Videos aufzuzeichnen. Knapp 52 000 Menschen aus 56 Ländern wurden in 32 Sprachen interviewt, auch Pradelski war mit ihrer Videokamera dabei. Sie spricht nicht im Detail über diese Zeit, sie bilanziert nur bündig: „Es war die wichtigste Arbeit, die ich in meinem Leben geleistet habe.“

Aus heutiger Sicht ist schwer nachzuvollziehen, woher die Holocaust-Überlebenden überhaupt den Mut und die Kraft nahmen, nach 1945 ein neues Leben zu beginnen. Pradelskis Eltern verließen 1948 mit der zweijährigen Minka das DP-Lager in Frankfurt-Zeilsheim. Sie hatten sich entschieden, dem Land der Mörder den Rücken zu kehren und in die USA auszuwandern. „Sie waren tapfer und mutig und hatten den Blick nach vorne gerichtet“, sagt ihre Tochter heute. 1949 kamen die Pradelskis in New York an und fanden eine kleine Wohnung in Manhattan. „Es war alles sehr ärmlich, das Viertel war dunkel und düster“, erinnert sich Pradelski, die bald dort zur Schule ging. Ihre Eltern lebten von Gelegenheitsarbeiten. „Sie haben mit starkem Willen versucht, uns durchzubringen.“ Die Tochter weiß noch, dass es „viele afro-amerikanische Kinder“ in ihrer Klasse gab, die von den weißen Lehrern mies behandelt wurden. Wenn im Unterricht ein Kind aus dieser Gruppe einen Fehler machte, wurde es „vor die Tür gestellt“, den weißen blieb das erspart.

Als Minka neun Jahre alt war, gaben ihre Eltern das Leben in New York auf und kehrten enttäuscht und ernüchtert nach Frankfurt zurück. Die Tochter schloss das Gymnasium mit dem Abitur ab und wollte 1966 an der Goethe-Universität 1966 ein Studium beginnen. Sie entschied sich für das kleine, aber feine Studienfach Sinologie, weil sie die chinesische Kultur faszinierte, erlebte aber eine bittere Enttäuschung. Der Professor, der dem Fachbereich vorstand, erklärte ihr offen, für sie werde er sich nicht einsetzen: „Eine Frau wie sie wird bald geheiratet werden, das lohnt den Aufwand nicht.“ Er fragte sie, welches Fach sie denn noch interessiere, die Studentin entschied sich für Soziologie. So geriet Pradelski mitten in die Revolte des Jahres 1968, in der Studierende für eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse kämpften.

Auch die junge Jüdin war anfangs begeistert dabei. Sie belegte Seminare beim legendären Soziologen und Philosophen Theodor W. Adorno. „Ich war ein junges, wissensdurstiges Mädchen und hing einer romantischen Utopie an, ich wollte die Gesellschaft befreien, und ich wollte mich befreien.“ Doch schon bald stieß sie die Gewalt der Proteste ab. Als die Studierenden im Mai 1968 das soziologische Seminar besetzt hatten, wurde Pradelski an einer Barrikade von einer Wache der Protestierenden aufgehalten. „Er fragte mich, was ich studiere und welche Bücher ich gerade lese.“ Erst als sie versicherte, sie arbeite sich intensiv in die politische Ökonomie von Karl Marx ein, durfte sie passieren. „Es war Gedankenterror“, sagt sie empört.

Die 73-Jährige weiß noch, dass sich Adorno öffentlich gegen die gewaltsame Besetzung seines Instituts gewehrt habe. „Er sagte, wer jemals morgens um fünf Uhr von Männern mit Stiefeln aus dem Schlaf gerissen worden sei, könne das nicht gutheißen.“ Adorno spielte damit auf die Verfolgung jüdischer Menschen und anderer Verfolgter im Dritten Reich an. Bald darauf hatte Pradelski bei einer der täglichen Demonstrationen durch Frankfurt ein Schlüsselerlebnis. „Wir protestierten mal wieder gegen den Krieg der USA in Vietnam, und die Parole, die gerufen werden sollte, hieß: USA, SA, SS!“ Noch heute sagt sie: „Das war für mich ein großer Schock.“ Plötzlich wusste die junge Frau: „Hier bin ich nicht zu Hause.“ Die Gleichsetzung der USA mit den Terrororganisationen der Nazis war für sie nicht nur falsch, sondern auch empörend. Die USA waren das Land, das ihren Eltern und ihr nach dem Holocaust eine neue Heimat gegeben hatte. Fortan ging sie innerlich und äußerlich immer mehr auf Distanz zur Studentenbewegung.

Pradelski schloss ihr Studium ab und begann, für das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt zu arbeiten. In den 80er Jahren wirkte sie an einem großen Forschungsprojekt des Psychoanalytikers Clemens de Boor mit, bei dem es um die Nachwirkungen massiver Traumata bei jüdischen Holocaust-Überlebenden ging. Danach engagierte sich die Wissenschaftlerin bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, der Dachorganisation der jüdischen Sozialarbeit, die in Frankfurt am Main angesiedelt ist. Sie kümmerte sich um die oft armen Jüdinnen und Juden, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990 aus den Staaten des Warschauer Pakts in den Westen und nach Frankfurt strömten. Die Jüdische Gemeinde der Stadt und in Deutschland wuchs stark. „Wir hatten bis dahin nur eine kleine Gemeinde mit 35 000 Mitgliedern gehabt, die überaltert war“, sagt sie im Rückblick. Heute herrsche gerade dank der Zuwanderung in Deutschland „blühendes jüdisches Leben“.

Die Wissenschaftlerin stieß bei ihren Begegnungen mit jüdischen Menschen aus dem östlichen Europa auf ein Thema, das sie als „blinden Fleck“ in der historischen Forschung erkannte: die Unterdrückung jüdischer Kommunisten in der frühen DDR zu Zeiten des Stalinismus. Sie sprach mit vielen Zeitzeugen und drehte gemeinsam mit Eduard Erne den Dokumentarfilm „Stalin hat uns das Herz gebrochen“. Bald darauf aber begann sie, ihren ersten Roman zu verfassen. 2005 erschien „Und da kam Frau Kugelmann“. Er blendete mit Ironie und Komik zurück auf das jüdische Leben in Polen, bevor die deutsche Wehrmacht 1939 das Land überfiel und wenig später die gnadenlose Verfolgung begann.

Wir haben uns auf eine Bank gesetzt, das Frankfurter Rathaus im Blick. Es ist kalt, aber die kleine, zierliche Autorin zittert nicht nur wegen der Witterung. Wir sind bei dem Thema angelangt, das die Jüdin in besonderer Weise aufwühlt: dem Erstarken des Antisemitismus in Deutschland. „Wenn bei Protesten gegen die Beschränkungen durch die Corona-Pandemie Sätze fallen wie ‚Deutschland ist ein KZ‘, dann ist das verstörend und erschütternd“, sagt sie. Wenn bei Demonstrationen Frauen ihre Situation mit der des Holocaust-Opfers Anne Frank verglichen, dann sei das unerträglich.

Minka Pradelski blickt über den menschenleeren Römerberg und sagt eindringlich: „Gegen eine solche Bestialität müssen wir uns wehren.“ Sie spricht immer noch leise, aber mit fester Stimme.

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