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Würde er auch in Afrika gemütlich zu Hause bleiben, wenn er nicht jagen müsste? Kumar, der neue Löwe im Frankfurter Zoo.

Nilgänse in Frankfurt

Schmackhaft, so ’ne Gans

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Die Fachleute sprechen sich beim FR-Stadtgespräch in Frankfurt zum Thema Artenschutz gegen das Schießen auf Nilgänse aus und ermuntern die Bürger, sich zu engagieren.

Wir haben wieder Biber in der Stadt, Störche, wir führen eine der weltweit wichtigsten Aufzuchten dieser verrückten neuseeländischen Kiwi-Vögel – aber worüber Frankfurt debattiert, das ist die Nilgans. Und deshalb war sie auch prominent beim FR-Stadtgespräch „Artenschutz in Frankfurt“ dabei.

Katrin Böhning-Gaese etwa hatte eine besondere Begegnung an der Nidda. „Sie flog direkt auf mich zu“, berichtet die Direktorin des Senckenberg Biodiversität- und Klima-Forschungszentrums, „sie hat sogar noch nachjustiert – und dann voll gegen den Helm.“ Eine Nilgans, die eine Radfahrerin attackiert: starker Tobak, aber auch Grund zum Schmunzeln, selbst für die Angeflogene. „Wir haben uns beide verwundert angesehen und sind dann unserer Wege gezogen“, schildert die Forscherin den amüsierten Zuhörern, „auf jeden Fall kann ich Fahrradhelme sehr empfehlen.“

Christine Kurrle hat die Gans mehr in der Opferrolle erlebt. „Es waren mal welche so unvorsichtig, im Löwengehege zu landen“, sagt die Kommunikationschefin des Frankfurter Zoos. „Da waren sie weg“, fährt sie fort, und erneut ist das Publikum überwiegend erheitert. Obwohl es sich bei dem unerwarteten Löwenfutter nicht um Nil-, sondern Kanadagänse handelte.

Es gibt nicht wenige in der Stadt, die würden am liebsten alle Nilgänse an Großkatzen verfüttern, seit sie sich in den Parks und Bädern breitmachen. Im Brentanobad wurden sechs Exemplare mit Genehmigung der Stadt abgeschossen. Grund genug für FR-Redakteur Andreas Schwarzkopf, zum Auftakt des FR-Stadtgesprächs im stimmungsvollen Saal der Wale und Elefanten des Senckenberg-Museums reihum zu fragen: „Wie halten Sie’s mit der Nilgans?“

„Ich spreche mich ganz klar gegen das Abschießen aus“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). „Das führt nicht zum Ziel. Für eine abgeschossene Gans kommen zehn neue hinterher.“ Sie setze auf ein friedliches Gans-Management. Es gebe Vergrämungsmethoden mit hochgewachsenem Gras, das die Gänse nicht mögen, weil sie dann Gefahr nicht rechtzeitig sehen können, sagt die Stadträtin, und vor allem: „Wir müssen das Füttern sein lassen. Wir schaffen damit ja selbst das Paradies auf Erden für die Gänse, ein Schlaraffenland.“

Georg Zizka, der sich als Leiter der Biotopkartierung bei Senckenberg viel mit Tieren in der Stadt beschäftigt, hält es für eine grundsätzliche Frage, wie die Stadt mit der Artenvielfalt umgeht, die sich dynamisch entwickelt. „Nilgänse haben sich den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren stark vermehrt“, sagt er, „Kiebitz, Feldlerche oder Rebhuhn sind selten geworden.“ Eingriffe böten sich an, wenn Arten bedroht sind: „Da ist unsere Verantwortung besonders groß.“

Vieles reguliere die Natur aber von selbst, sagt Zizka, und ist sich mit den Kolleginnen auf dem Podium einig: Schießen lassen möchte niemand. „Die Nilgans ist eine regelmäßige Besucherin im Zoo“, sagt Kurrle, „genau wie Schwalben, Mauersegler, Reiher oder auch Molche – darüber freuen wir uns, und dann können wir die Nilgans nicht ausschließen.“

„Ich rechne damit, dass die Nilgänse wieder weniger werden“, sagt Böhning-Gaese, etwa durch Parasitenbefall, dafür gebe es viele Beispiele dort, wo keine Fressfeinde lebten.

Prompt empfiehlt ein Besucher sich selbst als Fressfeind: „Sind Nilgänse essbar? So könnten wir doch das Gleichgewicht herstellen.“ Die Senckenberger haben gehört: Ja, soll schmackhaft sein, so eine Nilgans. Moderator Schwarzkopf hakt nach: „Wie ist es, darf man sich eine holen im Park?“ – „Ich will den sehen, der sie erwischt“, sagt Heilig. Gelächter. „Das lassen wir mal so im Graubereich“, sagt Schwarzkopf. Kommende Woche trifft sich ein sogenannter Runder Tisch, um über den Umgang mit der Gans zu beraten. Kochrezepte sollen nicht ganz oben auf der Tagesordnung stehen.

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