+
Der Umschlagbahnhof im Frankfurter Osten.

Güterverkehr

Von der Schiene auf die Straße

  • schließen

Im Osten Frankfurts kommen die Container für den Einzelhandel an. Im Vergleich zu den großen Terminals bundesweit liegt der Umschlagplatz Frankfurt nur im Mittelfeld.

Wer Richard Reinhart an seinem Arbeitsplatz besuchen will, muss hoch hinaus und schwindelfrei sein. Rund 13 Meter über dem Boden sitzt der Mann mit dem markanten Schnäuzer in der kleinen Kanzlei im Frankfurter Ostend. Rechts neben ihm ein Computer- Display. Darauf steht der nächste Auftrag.

Reinhart drückt Knöpfe. Los geht das, was der 61-Jährige „Katzfahrt“ nennt: Das Gefährt dreht sich, schwebt zur Seite. Über dem braunen Metallcontainer stoppt er, lässt dann die Greifzange nieder. Die schnappen schließlich in die Löcher an den vier Ecken ein. Das an den beiden Querkanten befestigte Behältnis erhebt sich in die Höhe. Wenige Minuten später sitzt es auf einem Sattelschlepper mit Offenbacher Kennzeichen. Der Fahrer verriegelt die Zapfen und fährt los. Er spricht wenig Deutsch. „Niederbergen“, sagt er, sei sein Ziel. Unterdes hat Reinhart den Ladekran wieder in die Ausgangsposition gebracht. Und wartet auf den nächsten Auftrag.

Bis zu 180 Lastwagen fahren täglich in den Umschlagterminal der DB Netze in der Ferdinand-Happ-Straße ein und wieder aus. 120 000 so genannte Ladeeinheiten unterschiedlicher Größe werden dort jährlich abgefertig. „Jede Ladeeinheit ist ein Lastwagen weniger auf der Straße“, sagt Andreas Schulz, Direktor der Deutschen Umschlaggesellschaft Schiene-Straße (DUSS). Denn darum geht es auf dem weitläufigen Gelände zwischen Hanauer Landstraße und Ostparkstraße: Container werden vom Zug auf den Lastwagen umgeladen, oder umgekehrt. Im Zwei-Schicht-Betrieb, seit dem Jahr 1968. 2004 wurde die Anlage komplett modernisiert.

Was die großen Metall-Kisten beinhalten, interessiert die 22 DUSS-Mitarbeiter nicht. Es sei denn, es handelt sich um Gefahrentransporte. Die sind mit speziellen Etiketten versehen und werden besonders vorsichtig behandelt. Vier bis fünf Züge kommen täglich in der Nacht an – die meisten von den großen Häfen in Bremerhaven und Hamburg. In der Regel bringen sie Konsumartikel aus Fernost, die im Umkreis von 150 Kilometern die Regale der Geschäfte füllen, sagt Schulz: Baumarktartikel, Schuhe, Klamotten, Elektronikartikel, „teilweise auch Chemie“.

Frankfurt schlägt aber auch Zubringerteile für die BMW-Werke rund um Landshut um. Der Trend zur Arbeitsteilung in der globalisierten Welt ist gut fürs Geschäft der Umschlagexperten. Doch aktuell sei festzustellen, so Schulz, dass Betriebe aus Qualitätsgründen wieder auf heimische Produktion setzen.

Doch den Expansionsdrang der Branche wird das wohl nicht bremsen. Es werden weiter munter Waren rund um den Globus geschickt. Erst seit wenigen Wochen haben die Frankfurter den neuen Kunden, der Ladungen auf der Schiene nach Griechenland transportieren lässt – im italienischen Ancona kommen die Züge auf die Fähre. Und die Kapazitäten sind längst nicht erschöpft: Weitere Aufträge sind erwünscht. Für 110 000 Umschläge ist der Terminal Frankfurt-Ost ausgelegt. Derzeit sind es 70 000 pro Jahr.

Im Vergleich zu den großen Terminals in München, Köln oder Hamburg ist das nicht besonders viel. Doch in der Rhein-Main-Region gibt es nun mal wenig produzierendes Gewerbe. So erklärt der Direktor die Tatsache, dass Frankfurt als bundesdeutscher Verkehrsknoten in der Liga der 22 Terminals nur im Mittelfeld rangiert. Aber auch von der Politik wünscht er sich mehr Einsatz für diese umweltfreundlichere Variante. In den Alpenländern Schweiz und Österreich etwa werde der Lastwagenverkehr mit Erfolg stark reglementiert: „Drei Viertel der Transporte finden dort auf der Schiene statt.“ In Deutschland hingegen seien es weniger als die Hälfte.

Zurück zu Kranführer Reinhart. In einer halben Stunde hat er Feierabend. Auch der Betrieb kommt langsam zum Ende. Nur noch vereinzelt fahren Lastwagen beim so genannten Checker vor, der sie und ihre Papiere in Empfang nimmt. Als 14-Jähriger habe er seine Ausbildung bei der Bahn angefangen, erzählt Reinhart. Und sei immer dabei geblieben. In allen möglichen Tätigkeiten. Aber die Arbeit hier in der Kanzel, die ist erkennbar genau das richtige für ihn. „Ja“, gibt der 61-Jährige unumwunden zu. „Es macht Spaß.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare