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Das Diakoniezentrum Weser 5, der wohl wichtigste Ort im Bahnhofsviertel für Obdachlose.
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Das Diakoniezentrum Weser 5, der wohl wichtigste Ort im Bahnhofsviertel für Obdachlose.

Flüchtlinge in Frankfurt

Schicksal eines Flüchtlings

  • Johannes Vetter
    VonJohannes Vetter
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Ein weinender und blutender Flüchtling taucht plötzlich am Frankfurter Hauptbahnhof auf. Er ist nur geduldet. Keiner kennt ihn. Später bricht er vor einem Tagestreff für Obdachlose zusammen.

Das Blut ist zum Teil geronnen. Auf seinen Lippen klebt eine solche geronnene Schicht. Auch auf der Stirn hat er sie, in seinen tiefen Falten, auch an den Wunden. Nein, da ist nicht mehr viel Jugendliches im Gesicht dieses hageren Mannes. Über seine Wangen tropft ein Gemisch aus Tränen und Blut fast beständig vom Kinn auf den Tisch, wo eine kleine Pfütze entstanden ist. Aus Blut, Tränen und Rotz. Der Weltschmerz will sich darin spiegeln. Wegen der abgelaufenen Duldung, die danebenliegt. Oder alles nur Drogen? Das meint ein Tischnachbar.

Nadim, der eigentlich anders heißt, ist an diesem Tag barfuß vor dem Hauptbahnhof herumgelaufen. Blutend, leicht bekleidet, verwahrlost, heulend wie ein Schlosshund. Er kann weder Deutsch noch Englisch. Aber mit Sprechen ist sowieso nicht viel an dem kleinen Imbisstisch im Hauptbahnhof. Nur heulen.

Nadim hat kleinere Schürfwunden am Körper, auch auf den Knöcheln seiner Hand, als habe er gegen eine Rauputzwand geboxt. Irgendetwas ist passiert. Nadim mimt immer wieder einen Schlagenden und bricht dann erneut heulend auf dem Tisch zusammen. Und er deutet immer wieder auf sein Ausweisdokument, das er aus einem leeren Portemonnaie herausgenommen und auf den Tisch gelegt hat. Seine Duldung ist demnach zehn Tage zuvor abgelaufen.

Es dauert eineinhalb Stunden, bis Nadim im Imbiss die Schuhe von der Bahnhofsmission anziehen kann. Nach einem Milchkaffee und einer Pizza kommt er mit ins nahe Diakoniezentrum Weser 5, dort haben sie eine Matte und einen Schlafsack für ihn. Nadim kann sich beruhigen. Die Mitarbeiter im Weser 5 vermuten, sein Zustand habe etwas mit Drogen zu tun.

Nadim ist 38 Jahre alt und algerischer Staatsbürger. So steht es in seinem Dokument, das den Stempel eines Landkreises im Frankfurter Umland trägt. Was Nadim passiert ist und wie es ihm jetzt geht, das wissen sie auch in seiner Gemeinschaftsunterkunft nicht. Eine Mitarbeiterin im Flüchtlingsmanagement des Landkreises berichtet, die zuständige Sozialarbeiterin wisse nichts über den Mann. Zwar habe er ein Zimmer in einer Unterkunft, sei dort aber nicht anzutreffen. Der Mann existiere bei ihnen im Grunde nur auf der Liste. Laut ihren Unterlagen sei er seit zwei Jahren in Deutschland. Eine andere Mitarbeiterin erzählt, seine Duldung sei um einen Monat verlängert worden.

Auch in der Sozialarbeit im Bahnhofsviertel ist der Mann offenbar nicht bekannt. Eine erfahrene Sozialarbeiterin berichtet, Nachfragen in Obdachlosen- und Drogenhilfeeinrichtungen des Viertels hätten zu keinem Ergebnis geführt. Auf der internen Liste „vital gefährdeter Personen“ tauche der Mann ebenfalls nicht auf. Rund 80 Menschen stünden auf der Liste, neun seien Flüchtlinge.

Was mit Nadim passierte, als der Tagestreff des Weser 5 an jenem Tag zumachte, berichtet Jürgen Mühlfeld, der Leiter der Einrichtung. Als die Mitarbeiter des Tagestreffs Nadim vor die Tür gebracht hätten, sei er zusammengebrochen. Ein Rettungswagen habe ihn dann abgeholt.

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