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Das Modell der Stielaugenzwergspinne ist nichts für schwache Gemüter – insbesondere bei Dunkelheit.

Ferien zu Hause 

Im Schein der Taschenlampe durchs Senckenberg Museum

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Im Frankfurter Senckenberg Naturmuseum geht es manche Nacht wachsamer zu als während der täglichen Öffnungszeiten.

In der Finsternis fallen neongelbe Lichtkreise auf die Vitrinen, in denen die ausgestellten Tierkörper unmittelbar etwas Gruseliges bekommen. Allen voran die Netzpython, deren sechs Meter langes Skelett im bloßen Schein der Taschenlampe noch unheimlicher aussieht als bei Tageslicht. Und dann erst das Modell einer hundertfach vergrößerten Spinne, die den meisten schon das Fürchten lehrt, wenn alle Lichter brennen. Doch jetzt, im stockfinsteren Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt, wenn nur das kalte Licht der Taschenlampe die achtbeinige Riesenspinne beleuchtet, ist der Grusel schier zum Davonlaufen.

Was mag da los sein, wenn es nachts im Museum, da doch eigentlich keine Menschenseele mehr in den dunklen Gängen ihr Unwesen treibt, nur mit Taschenlampe bewaffnet von Vitrine zu Vitrine geht? Ein Stromausfall? Einbrecher gar? Weit gefehlt. Auf der Weste von Sebastian Lotzkat steht „Guide“, was den Museumsmitarbeiter direkt als solchen zu erkennen gibt. Er ist ganz offiziell an Ort und Stelle – Taschenlampe hin oder her, die er sich des Effektes wegen auch gerne mal unter das Gesicht hält. Dann ist er nicht minder gruselig wie Netzpython, Spinne und Co, die er von Zeit zu Zeit mit seiner Taschenlampe anstrahlt. Und seine Gefolgschaft mit ihm.

Assoziation mit „The Night at the Museum“

Denn das Senckenberg Naturmuseum hat zu einer seiner beliebten Taschenlampenführung geladen. Der Run auf den nächtlichen Gang durchs Museum ist riesig – welchen Beitrag die Verfilmung von Milan Trencs Kinderbuch „The Night at the Museum“ aus dem Jahr 2006 dazu geleistet hat, sei dahin gestellt. Jedenfalls bezieht sich auch Lotzkat auf den Film, der wohl vor allem bei Kindern ein ganz neues Interesse an naturkundlichen Museen mit allerlei Getier geweckt hat. „Solange wir alle zusammen bleiben, garantiere ich dafür, dass unsere Tiere euch nichts tun“, sagt der Guide in Richtung der Kinder, die zu der späten Führung gekommen sind.

Anfassen erlaubt: ein Zahn des berühmten „T-Rex“

Aber auch die Erwachsenen kämen auf ihre Kosten, verspricht der 38-Jährige. Schließlich sei es angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit ja jetzt auch erlaubt, ein bisschen über Sex und Liebe zu plaudern – und das sogar gebotenermaßen im animalischsten Sinne. Klar, dass es dabei mehr um das Erlebnis als um die „knallharten Fakten“ geht, sagt Lotzkat.

Besucher meiden die Vitrine mit der Stielaugenzwergspinne

Doch die bleibt der studierte Biologe in der kommenden Stunde keineswegs schuldig – und hält dabei, was er versprochen hat. Besagtes Spinnenmodell im zweiten Stock des Museums macht den Auftakt seiner Führung. Eine Stielaugenzwergspinne sei da in der Vitrine ausgestellt. In jener Vitrine, um die die meisten Besucher schon bei Tageslicht einen weiten Bogen machten.

Wiewohl sie im Schein der Taschenlampe umso unheimlicher aussehen mag, so hat es doch auch einen Vorteil, wenn wagemutige Besucher ganz gezielt auf das Modell leuchten, scheint so die filigrane Handarbeit doch umso heller auf, die hinter dem Modell steckt. „Unsere Spinne wurde von Hand coloriert, jedes einzelne Härchen mit der Hand eingesetzt“, erklärt Lotzkat.

Liebe, Sex und Zärtlichkeiten

Das eigentliche Stichwort, auf dass er abheben will, kommt aber aus dem Kreis der Besucher: „Spinnenweibchen fressen ihre Männchen.“ Bingo, es sollte ja auch um Liebe, Sex und Zärtlichkeiten gehen. Doch ist es bei der Fortpflanzung der Spinnen freilich nicht weit her mit Zärtlichkeit. Um seinem Schicksal zu entgehen, klärt der Biologe auf, versuche es Herr Spinnerich mit einer Fliege für seine Partnerin, frei nach dem Motto: „Friss die Fliege, dann musst Du mich nicht fressen“, sagt Lotzkat vor den halb angewiderten, halb angetanen Besuchern.

Als wolle er den Bogen des nächtlichen Nervenkitzels nicht überspannen, verschafft der Guide den Teilnehmern sodann eine Verschnaufpause vor der Vitrine voller Schmetterlinge. Auch hier steht und fällt alles mit den Effekten, die überhaupt nur des Nachts zum Vorschein kommen. Es geht um Lotzkats Lieblingsexemplar aus der Welt der Schmetterlinge: der Blaue Morphofalter. Blau? Denkste. „Denn wir sehen eine Farbe, die eigentlich gar nicht da ist“, erklärt der Biologe, und schwenkt seine Taschenlampe von der frontalen Beleuchtung auf die blauen Flügel des Falters – hinter das Tier.

Aus wunderbar blau wird „hässlich kackbraun“

Und tatsächlich: Jetzt erstrahlt der Morphofalter „hässlich kackbraun“, meint Lotzkat. Die Erklärung bleibt er den verdutzt dreinschauenden Besuchern nicht schuldig, das blau sei lediglich eine „physikalische Farbe“. Nano-strukturen auf der Flügeloberfläche fangen das Licht ein, brechen es und werfen es so zurück, dass der Flügel blau erscheint.

Im Schein der Taschenlampe wirken die Löwen noch lebendiger.

„Was bringt ihm das?“, will einer der Teilnehmer berechtigterweise wissen. Tarnzwecke, sagt Lotzkat auf dem Weg zum Rostschwanzmonal-Pärchen einen Stock tiefer, nicht ohne dass die Besucher mit ihren Taschenlampen neugierige Lichtblicke auf die Vitrinen rechts und links des Weges werfen, als sorgten sie sich, dass die Tiere nicht vielleicht doch zum Leben erwacht sind – eben wie in „Nachts im Museum“. Anders, als im Film, erteilt der Senckenberg-Führer den nächtlichen Besuchern als nächstes aber eine Lektion über die Geschlechterverhältnisse im Vogelreich. Warum der Hahn so viel hübscher anzusehen ist als die gefiederten Damen, weiß der Jüngste der Gruppe: „Damit die Weibchen ihn schön finden.“ Klar. Dafür dürfen sich die Hennen aussuchen, mit welchem Artgenossen sie ihr Nest teilen, lernt der Besucher, und bekommt ganz nebenbei eine Lektion in Sachen Gender-Gerechtigkeit in der Welt der Vögel erteilt.

Aufregendes Finale bei den Dinosauriern  

Nach einem Taschenlampenschwenk auf das Löwen-Pärchen, die im vorbeistrahlenden Lampenlicht noch viel lebendiger und, ja, freilich auch gruseliger aussehen, führt Lotzkat seine Truppe endlich zu den Dinos. Ein bisschen, als fiele die Kugel nun ins Loch, schließlich steht im insgeheim patestehenden Film auch ein Tyrannosaurus Rex im Mittelpunkt. Ein Glück nur, dass die Gruppe zusammenbleibt und der „T-Rex“ nicht – wie andernfalls angekündigtermaßen zu befürchten stünde – zum Leben erwacht. Dabei ist der Zahn des wohl berühmtesten Dinosauriers, den der Guide vor dem Skelett stehend herumreicht, gar nicht mal so spitz. „Es ist mehr die Wucht, mit der er seine Zähne in die Opfer rammt, die ihn so gefährlich machte“, erklärt der Biologe.

Im Schein der Taschenlampen erfahren die Besucher sodann, woran sie ein echtes Dino-Skelett von den Nachbildungen im Senckenbergmuseum unterscheiden können, erfahren die Wahrheit hinter derjenigen Tierplastik, um die sich seit ihrer Überführung in das Frankfurter Naturmuseum im Jahr 1927 wohl „die meisten Unwahrheiten“ entspannt haben und gehen auf T(a)uchfühlung mit dem größten Tier im Museum, das sogar den vormaligen Tyrannosaurus Rex in den Schatten stellt.

Zum Leben erwacht ist an diesem Abend keines der Tiere. Dafür waren die Besucher umso wacher, um nicht zu sagen: wachsamer. Wacher und wachsamer als vermutlich mancher Tagesgast – und das trotz, oder gerade weil es mitten in der Nacht war.

Verlosung

Die FR verlost 8 x 2 Karten für eine Führung am 2. August um 22 Uhr durch das Frankfurter Senckenberg Naturmuseum . Einfach unter https://fr.de/gewinnspiel mit dem Losungswort „Taschenlampenführung“ registrieren. Einsendeschluss ist der 26. Juli, 10 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Nur Gewinner werden benachrichtigt.

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