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Die Karussells sollen sich auch in der Corona-Krise weiter drehen.

Schausteller

„Wir sind existenziell gefährdet“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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In verzweifelter Lage bauen Schausteller in der Innenstadt einen kleinen Herbstmarkt auf. Die Corona-Pandemie bringt viele Schausteller in eine verzweifelte Situation.

Thomas Roie ist mit Leib und Seele Schausteller. Seit dem 19. Jahrhundert, seit fünf Generationen, ist seine Familie auf allen großen Märkten in Frankfurt am Main und in der Region präsent. Die Corona-Pandemie aber hat den 55-jährigen und viele aus seiner Branche in eine verzweifelte Situation gebracht, die es so noch nie gab. „Wir stehen bundesweit kurz vor dem Exitus“, sagt der Vorsitzende des Schaustellerverbandes Frankfurt/Rhein-Main. Und fügt hinzu: „Es ist ein katastrophaler Zustand.“

Roie ist keiner, der zu blumigen Wortgirlanden und zu Übertreibungen neigt. Er spricht sehr sachlich, geradezu wie ein Manager, über die Situation der 110 Schausteller-Familien, die dem Verband angehören. Seit dem Frühjahr sind alle großen Volksfeste ausgefallen, auf denen die Branche normalerweise ihr Geld verdient: Dippemess, Wäldchestag, Mainfest, Höchster Schlossfest, Bad Homburger Laternenfest. Wegen Corona mussten alle diese Veranstaltungen abgesagt werden.

Einige Monate konnten die Familien ohne jede Einnahmen überstehen. Alle großen Fahrgeschäfte sind eingemottet, auch das bekannteste der Roies. Ihnen gehört unter anderem das große Kettenkarussell mit den zwei Etagen, das jeden Weihnachtsmarkt in Frankfurt prägt. Jetzt aber wird die Lage sehr ernst. „Die Banken und Versicherungen sind uns zunächst entgegengekommen und haben Zahlungen gestundet.“ Nun aber, sagt der Sprecher des Verbandes, müssten die Mitglieder die letzten Reserven angreifen, die eigentlich für das Alter gebildet worden waren. „Wir sind existenziell gefährdet.“

In dieser prekären Situation versuchen die Schausteller in Frankfurt, nach sieben Monaten Stillstand ein erstes Lebenszeichen auszusenden. Vom 8. Oktober bis zum 7. November planen sie, auf verschiedenen Plätzen in der Frankfurter Innenstadt, ihre Fahrgeschäfte und einige Buden aufzubauen. Ein kleiner „Herbstmarkt“ soll die Menschen anlocken und ein wenig Atmosphäre im öffentlichen Raum der City schaffen. Ihr großes Kettenkarussell wollen die Roies auf dem Römerberg seine Runden drehen lassen. Der Rossmarkt wird eingezäunt und bietet eine „Berg- und Talbahn“. Auch auf dem Opernplatz und an der Hauptwache wollen die Schausteller präsent sein. Ihr Vorsitzender spricht mit bitterer Ironie von einem „kleinen Überlebenstraining“.

Aber werden die Menschen dieses Angebot auch annehmen? Die Roies und viele andere Betreiber hoffen es sehr. Sie setzen auch darauf, dass sie wieder die wirtschaftliche Unterstützung großer Brauereien bekommen. Etliche von den Schaustellern haben ihre bisher letzten Einnahmen auf dem Weihnachtsmarkt in Frankfurt 2019 verbucht. Üblicherweise kommen drei Millionen Besucherinnen und Besucher von Nah und Fern zu diesem Ereignis. In diesem Jahr wird dieser Zuspruch, das ist jetzt schon klar, bei weitem nicht erreicht werden. Vor allem die Touristen fehlen fast ganz.

Die Marktbeschicker wissen, dass sich die Angst der Menschen vor dem Corona-Virus nicht so einfach überwinden lässt. Werden die Volksfeste jemals wieder so sein können wie früher, mit dichtestem Gedränge und unbeschwertem Konsum? Roie kann diese Frage nicht beantworten. In den verschiedensten Branchen geht es derzeit um die sehnlichst erhoffte Rückkehr zur Normalität. Der Sprecher der Schausteller weiß nur eines: „In dieser Zeit heute ist gar nichts sicher.“

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