Schausteller Thomas Roie.
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Schausteller Thomas Roie.

Porträt

„Schausteller ist eine Lebenseinstellung“

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
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Schausteller Thomas Roie bedauert den Ausfall des Frankfurter Wäldchestags.

Ein sonniger Nachmittag im Frankfurter Stadtwald, ein einsamer Radfahrer ist zu sehen, ansonsten Stille. Was nach einer idyllischen Szenerie klingt, ist für Schausteller Thomas Roie ein trauriger Anblick. Denn es ist Pfingsten und normalerweise würden sich rund um das Oberforsthaus Menschenmassen durch Buden und Fahrgeschäfte zwängen. Denn an Pfingsten wird in Frankfurt Wäldchestag gefeiert. Roie ist Schausteller und normalerweise mit seinem Kettenkarussell „Wellenreiter“ auf dem Wäldchestag vertreten. Wegen der Corona-Pandemie muss das Frankfurter Volksfest in diesem Jahr aber ausfallen.

Die vergangenen Monate waren für Roie die schwierigsten in seinem Leben. Und ja, man kann tatsächlich von seinem gesamtem Leben sprechen, denn Leben und Beruf sind bei Thomas Roie schwer voneinander zu trennen. „Wir gehen nicht auf eine Arbeitsstelle, wir leben in unserem Beruf“, sagt Roie. Der 55-Jährige wurde am Wäldchestag geboren. „Ich bin am 1. Juni 1965 geboren. Mein Vater war im Kassenhaus, meine Mutter im Krankenhaus“, sagt er lachend. Seine Familie ist seit fünf Generationen im Schaustellergewerbe tätig. Seine Kindheit hat Thomas Roie auf Volksfesten verbracht, nach seinem Schulabschluss ist er in das Geschäft des Vaters eingestiegen. Etwas anderes ist für ihn nie infrage gekommen. Weil er es nicht anders kannte, kam ihm sein Leben nie außergewöhnlich vor.

Eine Volksfestdynastie

Thomas Roie sieht nicht unbedingt so aus, wie man sich einen typischen Schausteller vorstellen würde. Er hat kurze, weiße Haare, seine Brille hat er nach oben auf die Stirn geschoben, er trägt ein hellblaues Hemd, eine dunkle Jeans, braune Lackschuhe. Der 55-Jährige wirkt selbstbewusst, beim Reden hat er seine Hände entweder hinter dem Rücken oder vor der Brust verschränkt.

Dass er mit Leidenschaft dabei ist, merkt man ihm an, wenn er über sein Lieblingsfest, den Wäldchestag, spricht. „Hier vorne steht die Ochsenbraterei, in dem Bereich eine Bühne mit einer Cocktailbar, hier neben das Kindertrampolin, ein paar Spielattraktionen für kleinere Kinder und Junggebliebene“, erzählt er, während er im Stadtwald steht. Mit dem ausgestreckten Arm zeigt er in die entsprechende Richtung. Wo sich welche Bude und welches Fahrgeschäft befindet, er sieht es vor seinem geistigen Auge. Den Wald nun so verlassen zu sehen, nimmt ihn sichtlich mit. Thomas Roie hat bis jetzt jeden seiner Geburtstage auf dem Wäldchestag verbracht.

Der Wäldchestag, der zwischen dem 30. Mai und dem 2. Juni 2020 geplant war, wurde „zum Schutz der Schausteller und Besucher“ wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Es ist das erste

Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass das Frankfurter Volksfest ausfällt.

2019 gab es 142 Geschäfte und Stände auf der 1,5 Kilometer langen Strecke im Stadtwald. Erwartet wurden 250 000 Besucher.

Die Roie-Dynastie ist von den Festen Frankfurts und der Region nicht wegzudenken; die 50-köpfige Familie ist fast überall mit zahlreichen Attraktionen vertreten. Auch das nostalgische Karussell, das während des Weihnachtsmarkts auf dem Römerberg steht, wird von Thomas und seinem Bruder Peter Roie betrieben. Seine Familie hat sich in unterschiedlichen Bereichen spezialisiert, so dass es keine innerfamiliäre Konkurrenz gibt. Konkurrenzdenken scheint generell kein Thema unter Schaustellern zu sein. Seine Schaustellerkollegen bezeichnet Roie als seine Familie. Auch seine Frau hat er auf einem Volksfest kennengelernt, sie stammt aus einer Schaustellerfamilie aus Stuttgart. Partner, die nicht selbst in einer Schaustellerfamilie aufgewachsen seien, trennten sich oft nach einer gewissen Zeit wieder, weil sie das Leben im Wohnwagen auf Dauer nicht aushielten, sagt Roie. Ab- oder Zugänge gebe es in der Branche kaum, alles seien Familienbetriebe. Die Tage als Schausteller sind lang und weit entfernt von einem Nine-to-Five-Job. Zwischen zehn und elf Monate im Jahr sind Thomas Roie und seine Familie unterwegs, die restliche Zeit nutzen sie, um die Fahrgeschäfte zu warten.

Thomas Roie hat einen 30-jährigen Sohn und eine 28-jährige Tochter. Er habe seine Kinder ermutigt, etwas anderes zu machen, doch beide sind trotzdem im Schaustellergeschäft geblieben. Damit alles funktioniere, müsse jeder seinen Aufgabenbereich abdecken, sagt er. Das Rollenbild ist eher traditionell: Frauen sind für die Personalküche, den Haushalt und die Buchhaltung verantwortlich, während die Männer die körperlich schweren Arbeiten erledigen. Thomas Roie ist darüber hinaus auch Vorsitzender des Schaustellerverbands Frankfurt-Rhein-Main. Er hat Verständnis dafür, dass der Wäldchestag in diesem Jahr nicht stattfinden kann. „Wir sind die Letzten, die verantwortlich sein wollen, wenn jemand krank wird. Dafür haben wir unser Publikum zu gern.“ Als aber Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, Schausteller seien nicht systemrelevant, habe ihn das schon einen Moment lang verletzt. Denn für ihn ist es wichtig, das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden. Dennoch wirkt Roie nicht verärgert. „Wir Schausteller sind voller Lebensmut“, sagt er. Es gehört zu seiner Natur, optimistisch zu bleiben.

Großveranstaltungen sind bis 31. August untersagt, Thomas Roie hofft, dass es danach wieder losgehen kann. Die Planungen für die Herbst-Dippemess laufen. „Wenn wir einen Gesamtjahresausfall zu verkraften hätten, weiß ich nicht, wer das schaffen würde“, sagt Roie. Für viele seiner Kollegen sei die aktuelle Situation existenzbedrohend, die meisten hätten ihre letzten Einnahmen auf dem Weihnachtsmarkt generiert.

Auch wenn ihm die aktuelle Situation Angst mache, würde er sich immer wieder für ein Leben als Schausteller entscheiden. „Schausteller ist eine Lebenseinstellung“, sagt er. Und er ist überzeugt, dass die Kirmes Zukunft hat. Denn: „Kirmes kann man nicht aufs Handy laden.“

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