Die Oper soll an der Neuen Mainzer Straße entstehen. 
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Die Oper soll an der Neuen Mainzer Straße entstehen.

Diskussion

Schauspiel Frankfurt: Traum von einer „Kulturmeile“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Schauspielintendant Weber appelliert an die Stadtpolitiker, ihre Blockade zu beenden.

Der Auftritt dieses Abends im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt gehört Anselm Weber. Der Intendant des Schauspiels wächst immer mehr in die Rolle eines energischen Fürsprechers nicht nur der 1100 Beschäftigten der Städtischen Bühnen hinein, sondern auch der 380 000 Menschen, die in einer Spielzeit die 860 Vorstellungen von Oper und Schauspiel besuchen. Dieses Publikum aus ganz Deutschland, fünfzehn Prozent davon kommen von außerhalb Hessens, brauche „Planungssicherheit“, so Weber. Und genau die gebe es nicht mehr.

Der Geschäftsführer der Städtischen Bühnen GmbH beschreibt die Situation der Technik in der überalterten Theaterdoppelanlage von 1963 als dramatisch. Die größte Probebühne etwa sei seit zwei Monaten gesperrt, weil die Lüftungsanlage ausgefallen sei, es gebe keine Ersatzteile mehr. Weber richtet deshalb einen „dringenden Appell in die Politik“. Er bittet alle politisch Verantwortlichen, „sich zusammenzusetzen und nach Lösungen zu suchen“ für einen Neubau der Bühnen. „Wir singen Ihnen das auch“, fügt Weber hinzu, dem eigentlich nicht nach Scherzen zumute ist.

Das Problem: Auf der unter Corona-Bedingungen improvisierten Bühne im DAM mit wenig Publikum ist nur eine der drei Parteien der Römer-Koalition von CDU, SPD und Grünen vertreten. Nämlich Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Die hatte am 3. Juni im Interview mit der FR die Standortvarianten für Neubauten von Oper und Schauspiel vorgestellt, die jetzt von der städtischen Stabsstelle für die Zukunft der Bühnen untersucht worden sind.

An diesem Abend spricht sich Hartwig für die Lösung aus, die sie unter dem Titel „Kulturmeile“ einführt: Ein Neubau der Oper an der Neuen Mainzer Straße auf dem Grundstück der Frankfurter Sparkasse hinter dem Japan-Tower. Und ein Neubau des Schauspiels auf dem heutigen Bühnengrundstück am Willy-Brandt-Platz, aber zur Neuen Mainzer hin.

Hochhaus der Helaba neben Oper geplant

Der Leiter der städtischen Stabsstelle, Michael Guntersdorf, hat die Zustimmung des Vorstands der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) für einen Deal erhalten. Auf dem Sparkassengrundstück würde neben der Oper ein Hochhaus der Helaba errichtet, in dem auch eine Dependance des Museums der Weltkulturen unterkäme. Ein teures Interim für die Oper entfiele so. Hartwig hat vom Hamburger Architekturbüro Gerkan Marg Computersimulationen anfertigen lassen, die diese „Kulturmeile“ im schönsten Licht zeigen. Sie nennt diese Lösungen reizvoll.

Es bleibt dem Stadtplaner Torsten Becker vorbehalten, diese Vision richtig einzuordnen. Sie ergebe nur dann Sinn, sagt der Vorsitzende des Städtebaubeirats, wenn Frankfurt in der Innenstadt „eine andere Urbanität“ schaffe, endlich „weg von der autogerechten Stadt“. Die Neue Mainzer dürfe keine dreispurige Durchgangsstraße bleiben, keine „Vorfahrtsstraße für Porschefahrer“. Mit den Wallanlagen und der Neuen Mainzer verfüge Frankfurt über „wahnsinnig aufregende Stadträume“, um die andere Städte „uns beneiden“. Es brauche aber „ganz andere öffentliche Räume“ in der City, mit mehr Platz für die Fußgänger. Dem von der CDU favorisierten Neubau von Oper und Schauspiel im Osthafen erteilt Becker eine klare Absage. Das dortige Grundstück am Wasser sei ein „peripherer Standort“. Die Bühnen aber gehörten ins Herz der Kommune. „Wir brauchen keine Fotomotive für Kreuzfahrttouristen“, fügt er hinzu.

Was also wird nun politisch geschehen? Natürlich hat die Kulturdezernentin diese Podiumsdiskussion angesetzt, um politischen Druck insbesondere auf die CDU auszuüben. Die ersten Versuche freilich der Stabsstelle, bei den CDU-Politikern für die „Kulturmeile“ zu werben, sind nicht vielversprechend verlaufen. Bürgermeister und Kämmerer Uwe Becker (CDU), auf dessen Wort es sicher ankäme, habe ein Treffen abgelehnt, so ist zu hören.

Ende der Blockade erbeten

Der Schauspielintendant ahnt, dass die Vision von der „Kulturmeile“ in der Mühle der Frankfurter Kommunalpolitik zerrieben werden könnte. „Wir sind die Einzigen, die keine Zeit mehr haben“, beschreibt er die Lage der Bühnen. Und noch einmal fordert er die Politiker der Stadt auf: „Bitte hören Sie auf, sich gegenseitig zu blockieren!“ Weber lobt die „Kulturmeile“. Sie erlaube es „der Familie“ der Bühnen zusammenzubleiben. Man könne künftig von der Oper zum Schauspiel „rüberschlendern“.

Die Probebühnen sind in die Neubauten integriert, man bräuchte also kein eigens ausgegliedertes Logistikzentrum. Die Neubauten müssten freilich auch nachhaltig und ökologisch sein. Heute stelle die Theaterdoppelanlage schlicht „eine Dreckschleuder“ dar. Weber hat schon früher an den Städtischen Bühnen als Regisseur gearbeitet und mittlerweile zum dritten Mal in Frankfurt seinen Wohnsitz angemeldet. „Wenn die Stadt sich entscheiden könnte, etwas Historisches zu leisten, könnte ich mir vorstellen zu bleiben“, sagt er am Ende des Abends. Da kommt sogar schütterer Beifall aus dem spärlichen Publikum.

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