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Auch Journalisten warten auf d a s Bild, hier an der Absperrung am Eisernen Steg.

Reportage

Viele Schaulustige bei Bomben-Sprengung in Frankfurt

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Schaulustige versammeln sich und hoffen auf eine große Fontäne. Derweil vertreiben sich viele Anwohner in Kirchen und Kellern die Zeit. 

Um acht Uhr verlässt Andrea Braunberger-Myers am Sonntag ihre Wohnung in der Frankfurter Altstadt. Mit Mann, Sohn und Hund. Auf die Minute pünktlich sind sie: Um acht müssen die Bewohner in der Sperrzone aus ihren Häusern sein. Die Straßen sind um die Zeit menschenleer. Bis auf die Polizisten, die in ganzen Pulks durch die Gassen laufen und an jeder Haustür klingeln. Damit auch niemand in seiner Wohnung bleibt, schließlich soll doch am Vormittag die im Main gefundenen Weltkriegsbombe unschädlich gemacht werden. „Ich glaube, viele sind übers Wochenende weggefahren“, sagt Braunberger-Myers. Sie habe schon früher am Morgen auf die Straße geschaut und niemand sei zu sehen gewesen. „Sieht hier aus wie in einer Geisterstadt.“

Einen Zufluchtsort außerhalb der Geisterstadt hat die Familie: das neue Gemeindehaus der St.-Pauls-Gemeinde in der neuen Altstadt, nur ein paar Meter weiter. Ein logischer Zufluchtsort für sie, schließlich ist Braunberger-Myers die Pfarrerin der Paulsgemeinde, deren Gotteshaus die Alte Nikolaikirche ist. Um 9.30 Uhr wird sie auch den Gottesdienst wie immer abhalten. Die Kirche am Römerberg liegt außerhalb der Sperrzone. „Aber die Jubiläumskonfirmation haben wir abgesagt“, sagt Braunberger-Myers. Da kämen Ältere von weither, und es sei vielleicht schwierig, sich bei den Sperrungen zurechtzufinden. Aber prinzipiell findet ihr Mann Jeffrey Myers: „Am Palmsonntag draußen zu sein, das passt eigentlich ganz gut.“

Vor allem die rund 600 Bewohner der ersten Häuserreihen am Main rund um die Alte Brücke müssen sich in Sicherheit bringen. Wer nicht weiß, wohin er soll, kann in den Ratskeller des Frankfurter Römers gehen. Dort hat das Deutsche Rote Kreuz eine Betreuungsstation eingerichtet. Etwa 30 Leute sind gekommen, es gibt Kaffee, Tee und kalte Getränke, heiße Rindswurst oder Frankfurter Würstchen, Brot und Marmelade.

Marion Scholl sitzt dort und ist müde. Schließlich ist sie erst am Tag zuvor aus Lissabon zurückgekehrt. Wegen des Eintracht-Spiels am Donnerstag war sie da. „Es wäre schön gewesen, heute im eigenen Bett auszuschlafen – aber das hat sich ja direkt erledigt“, sagt sie. Besondere Dinge hat sie nicht aus der Evakuierungszone mitgenommen. Nur die Dauerkarte ihres Mannes hat sie schnell eingesteckt. „Die Eintracht spielt ja heute noch“, sagt Scholl. Und wer weiß schon, wie lange alles dauern wird und ob man vor dem Spiel noch nach Hause kann.

Auch Anwohnerin Dorothea Ludwig trinkt einen Kaffee, sie ist das erste Mal im Ratskeller. „So kommt man hier auch mal rein“, sagt sie. „Ist ganz schön hier.“ Das mit den Evakuierungen erinnert die 84-Jährige an Kriegszeiten. Damals als sie – noch in Thüringen lebend – in die Keller mussten. „Aber da konnte man dann keinen Kaffee trinken“, sagt sie. Ohnehin habe es ja nur „Blümchenkaffee“, also Malzkaffee gegeben.

Ihr gegenüber sitzt Heike Wirth und strickt ein himmelblaues Tuch. Sie hat genügend Wolle dabei, um mehrere Stunden zu überbrücken. Aber so lange hat sie gar nicht Zeit. Um 13 Uhr beginnt ihre Schicht als Straßenbahnfahrerin, sie ist schon in Dienstkleidung. Ihr Mann ist auch da: der Bahn-Babo, Peter Wirth, Frankfurts berühmtester Straßenbahnfahrer. Früher als sonst musste er aufstehen und vor allem: sein morgendliches Workout ausfallen lassen. „Die Bombenentschärfung hat mich völlig aus meinem Rhythmus gebracht“, sagt er. Um 13.08 Uhr muss er zum Dienst antreten, dann fährt er auf der Strecke der Linie 18.

Polizisten räumen und kontrollieren mit einem Großaufgebot die Sperrzone.

Auf dem Römerberg und in der neuen Altstadt geht derweil alles seinen gewohnten Gang. Touristen machen Selfies vorm Römer, fotografieren Stoltzebrunnen und Goldene Waage. In der evangelischen Nikolaikirche hat Braunberger-Myers inzwischen den Gottesdienst begonnen. Schön warm ist es in der Kirche, während draußen eisige Temperaturen herrschen. Rund 25 Leute sind gekommen. „Mehr als ich gehofft habe“, flüstert Ehemann Jeffrey Myers. Er hatte befürchtet, dass die vielen Sperrungen deutlich mehr Leute vom Kommen abhalten würden. Dorothea Ludwig ist auch aus dem Ratskeller hinübergelaufen. „Ich war schon lange nicht mehr da“, sagt sie. Doch so eine Bombe treibt nun auch sie wieder mal in die Kirche.

Nicht aber die Katholiken. Sie würden zwar gerne und stehen daher ziemlich verwirrt um zehn Uhr vor dem Dom. Eigentlich sollte nun Messe sein. Immer wieder versuchen Leute, die Domtür zu öffnen. Doch es hilft auch kein Rütteln. Der Dom ist geschlossen, liegt gerade so noch in der Sperrzone. „Warum hängen die denn da kein Schild an die Tür“, ärgert sich ein Mann. Und die viel größere Frage: Wohin nun zur Messe? „Ist doch ein besonderer Sonntag“, sagt eine Besucherin. Es ist schließlich Palmsonntag. Auf die Nikolaikirche will man da nicht ausweichen. Ist ja evangelisch. „Und mit einer Bombenentschärfung in der Nähe ist das auch ein bisschen unheimlich“, sagt eine junge Frau. Im Schaukasten an der Seite des Doms finden die Katholiken dann doch noch den Hinweis auf eine Alternative: 11.30 Uhr: Palmsonntagsmesse mit Palmweihe und Prozession in Heilig Geist. „Und wo ist Heilig Geist?“, fragt eine Frau. Schulterzucken um sie herum.

Am Mainufer bei der St.-Leonhards-Kirche haben sich inzwischen Schaulustige eingefunden. Es ist 10.30 Uhr. Vladimir Popravka schaut durch ein Fernglas und beobachtet das Boot des Kampfmittelräumdienstes zwischen Alter Brücke und Eisernem Steg. „Ein Taucher ist runter“, verkündet er. Popravka ist in der Hoffnung da, dass die Bombe im Wasser gesprengt und „eine große Fontäne zu sehen sein wird“. Was der Kampfmittelräumdienst vorhat – sprengen oder entschärfen –, weiß zu diesem Zeitpunkt keiner. Aber auch die Schmids aus Nieder-Eschbach sind gekommen, weil sie auf eine Fontäne hoffen. „20 Meter soll die ja dann hoch sein“, sagt Helmut Schmid.

Seine Frau Sigrun würde sich allerdings wünschen, dass vorher noch mal ein Brezelmann vorbeikommt. Schließlich warten sie schon seit neun Uhr am Main. Den 17-jährigen Enkel Marvin Völker haben sie auch mitgebracht. Eigentlich lebt er in Neu-Anspach, ist aber gerade zu Besuch und will sich die Bombenentschärfung nicht entgehen lassen. Als Nachwuchsfotograf und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr ist das für ihn „sehr spannend. Wir hätten nur Brötchen und Klappstühle mitnehmen sollen.“

Eine asiatische Reisegruppe stoppt an der Menschenmenge am Main und wartet ebenfalls, dass etwas passiert. Gegen eine Bombe kommen eben selbst Römer und neue Altstadt nicht an. Popravka blickt immer wieder durch sein Fernglas und hält auf dem Laufenden. „Das Boot ist zur Seite gefahren.“ Oder: „Nun wird sich am Ufer besprochen.“

Es ist 11.15 Uhr, als die asiatische Reisegruppe aufgibt und sich auf den Weg Richtung Römerberg macht. Man hat ja nun als Tourist auch nicht ewig Zeit. Und bevor man nur mit Fotos vom ruhig dahinfließenden Main mit dem Eisernen Steg im Hintergrund nach Hause kommt, verzichtet man doch lieber auf die Bombe. Von der ja nun immer noch keiner weiß, was mit ihr geschieht. Und ob es überhaupt etwas zu sehen gibt. Fünf Minuten später verkündet Popravka: „Alle sind weg. Keine Bewegung mehr.“ Und zehn Minuten später ist klar, was das zu bedeuten hat.

Ein lauter Knall schreckt alle auf. Die Erde unter den Füßen zittert – und eine 30 Meter hohe Wasserfontäne schießt vor der Alten Brücke in die Höhe. Menschen schreien kurz auf vor Schreck. „Das war richtig laut“, ruft eine Frau. „Mein Herz.“ Zehn Sekunden später ist es auch schon wieder vorbei. Helmut Schmid ist zufrieden. „So hab ich mir die Fontäne vorgestellt.“ Und Enkel Marvin hat im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt. „Ich hab zwar auch eine kleine Schocksekunde gehabt“, sagt er. „Aber ich hab alles im Kasten.“ Alles, worauf die Schaulustigen so gehofft hatten.

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