Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Wird ausgezeichnet: Prof. Dr. Sandra Ciesek, Virologin.
+
Wird ausgezeichnet: Prof. Dr. Sandra Ciesek, Virologin.

Corona

Sandra Ciesek: „Ich will Laien helfen, die Informationen einzuordnen“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
    schließen

Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek wird als Hochschullehrerin des Jahres ausgezeichnet. Ein Interview über zögerliche Corona-Politik und die Rolle von Wissenschaftskommunikation.

Ende Mai erhält Sandra Ciesek die Auszeichnung „Hochschullehrer des Jahres“ des Deutschen Hochschulverbands. Eine Überraschung für die Frankfurter Virologin. Sie teilt sich den Preis mit ihrem Kollegen Christian Drosten von der Berliner Charité. Beide ließen in dem NDR-Podcast Corona-Update ein Millionenpublikum an wissenschaftlichen Debatten partizipieren und führten einer breiten Öffentlichkeit anschaulich vor Augen, wie das Abenteuer Forschung funktioniert, heißt es in der Begründung.

Frau Ciesek, Sie bieten der Bevölkerung Rückhalt und Orientierung, sagt der Präsident des Hochschulverbandes. Wünschen Sie sich nicht manchmal, dass die Politik mehr auf Sie hört?

Es gibt Politiker, die sich für die Hintergründe interessieren, und andere, die sind nicht so wissenschaftsnah. Nein, die Politik soll nicht eins zu eins umsetzen, was wir sagen. Ich wünsche mir aber, dass sie in der aktuellen Situation nicht nur reagiert, sondern stattdessen vorausschauender handelt. Wir haben ja die Daten, die Erfahrungen der Nachbarländer. Ich wünsche mir auch mehr Offenheit. Wissenschaft heißt neue Erkenntnisse suchen, Theorien immer neu anpassen. Ein nicht naturwissenschaftlich ausgebildeter Politiker ist gewöhnt sich festzulegen und dann zu seiner Richtung zu stehen. Ich würde mir wünschen, dass es nicht als Schwäche gesehen wird, wenn man seine Meinung dem aktuellen Wissensstand anpasst. Das ist etwas ganz Normales bei so etwas Neuem wie diesem Virus.

Das Virus hat Ihr Betätigungsfeld erweitert. Neben Lehre und Forschung sind sie jetzt auch zuständig fürs Erklären. Wie kamen Sie dazu?

90 Prozent meiner Zeit bin ich hier in der Klinik weiter für die Diagnostik zuständig und mache Forschung. Was neu hinzugekommen ist, ist die Wissenschaftskommunikation. Speziell seit August der Podcast. Das ist eine neue Erfahrung. Bisher hörten mir hauptsächlich Studenten zu, jetzt auch Laien. Die Pandemie ist für uns alle neu. Ich habe eine sehr gute Ausbildung bekommen – zwei Fachärzte, ein Medizinstudium. Ich fühle mich verpflichtet, davon etwas weiterzugeben und Laien zu helfen, die Informationen besser einordnen zu können.

Neben dem Podcast sind Sie auch seit einem Jahr auf Twitter unterwegs. Sie haben viele Follower, sind recht aktiv. Ein gutes Medium?

Ich würde sagen, Fluch und Segen. Man kann schnell ganz viele Informationen bekommen, von Kollegen, gerade auch aus dem Ausland. Ohne Twitter ist es schwierig, so nah am Geschehen zu bleiben. Gleichzeitig ist es ein Fluch. Durch die Anonymität ist der Ton sehr rau. Viele würden im wahren Leben gewiss manches anders formulieren.

Auf Twitter setzen Sie sich auch Anfeindung aus.

Jeder hat das Recht, über den aktuellen Stand informiert zu werden. Wer das nicht möchte, muss ja den Podcast nicht hören. Ich lasse ich mich davon nicht beeinflussen. Ich lese auch nicht jede E-Mail.

zur person

Sandra Ciesek ist seit 2019 Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt sowie Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität. Zu ihren Schwerpunkten gehören neue Therapien für Hepatitis C.

Zu Covid-19 forscht die Medizinerin und Virologin seit Landung des Rückkehrflugs aus Wuhan in Frankfurt. Mit ihrem Team wies sie im Februar 2020 nach, dass auch symptomfreie Personen Träger und somit Überträger des Virus sein können. Ihre Suche nach Medikamenten unterstützt die Johanna-Quandt-Stiftung mit 250 000 Euro. Seit August ist sie abwechselnd mit Christian Drosten zu Gast im NDR-Podcast Coronavirus-Update.

Die 43-Jährige hat einen direkten Draht zu den Corona-Experten im hessischen Sozialministerium. Sie leitete unter anderem die Kinderstudie des Landes und die Lehrerstudie.

Der Preis „Hochschullehrer des Jahres“ ist mit 10 000 Euro dotiert und wird Drosten und Ciesek laut Mitteilung des Deutschen Hochschulverbands am 31. Mai bei der digitalen „Gala der Deutschen Wissenschaft“ verliehen. jur

Corona hat viele zu Experten gemacht. Gefühlt kennt sich die Hälfte der Republik in Virologie, Infektiologie aus. Nervt das manchmal?

Auch das hat zwei Seiten. Gerade in dieser Phase der Pandemie ist ein Grundverständnis von der Erkrankung wichtig. Die Verantwortung wird in einigen Bereichen auf den Bürger übertragen, da stimme ich mit Herrn Wieler vom RKI überein. Je mehr man die Gefahr einschätzen kann, desto besser kommt man mit einer solchen Pandemie zurecht. Das ist wichtig. Eher störend ist, wenn jemand nicht offen ist für Argumente und seit einem Jahr immer das Gleiche abspult. Viele verlassen sich ja gerne komplett auf die Politik. Nach dem Motto: Wenn ich etwas darf, dann muss das richtig und sicher sein.

Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen durch den Wissenstransfer im Podcast oder den Talkshows mündiger geworden sind?

Es gibt einige Leute, bei denen das bestimmt so ist. Die offen sind, versuchen sich hineinzudenken. Wir erreichen aber nicht alle Leute mit unseren Informationen.

Normalerweise wird eine Wissenschaftlerin für Forschungsergebnisse geehrt, wenn sie etwas Neues entdeckt hat. Jetzt werden Sie für ihre gute Kommunikation ausgezeichnet. Eine Überraschung?

Ja. Und ich habe mich sehr darüber gefreut. Auch dass ich mal ein Feedback bekomme. Dass die Kommunikation, in die wir beide sehr viel Arbeit stecken, Wertschätzung genießt. Das machen wir ja nicht aus dem Stegreif.

Werden Sie dieses Engagement nach Corona fortsetzen?

Nicht in der Frequenz. Aber es gibt viele Bürger, die Interesse an solchen Formaten haben, in denen Wissenschaftlerinnen oder Ärzte einmal länger über ihre Arbeit berichten. Ich kann mir gut vorstellen, dass es künftig mehr Podcasts wie diese geben wird zu ganz unterschiedlichen Themen aus dem Gesundheitsbereich.

Aber so weit sind wir noch nicht. Die Intensivstationen füllen sich wieder.

So ist es. Und das bereitet mir große Sorge. Wir dürfen jetzt nicht auf den letzten Metern versagen. Israel hat gezeigt, wie es funktioniert, im Lockdown die Bevölkerung zu impfen. Auch Großbritannien ist stringenter als wir. Das würde ich mir für Deutschland wünschen, sonst besteht die Gefahr, dass in der teil-immunen Bevölkerung Mutationen auftreten, so wie in Brasilien. Natürlich sind alle genervt. Aber wenn wir nicht konsequent sind, nutzt das Virus das gnadenlos aus. Wir müssen noch ein paar Wochen durchhalten, die Zahlen niedrig halten. Meiner Einschätzung nach waren die politischen Maßnahmen in letzter Zeit zu halbherzig.

Interview: Jutta Rippegather

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare