+
Michael Quast beim Gespräch mit der FR auf der Probebühne der Fliegenden Volksbühne am Großen Hirschgraben.

Kultur in Frankfurt

„Das saftige Theater hat eine Chance“

  • schließen

Der Komödiant Michael Quast über zehn Jahre Fliegende Volksbühne, die Sehnsucht nach schwitzenden Schauspielern und die Herausforderung der Seßhaftigkeit im kommenden Jahr.

Michael Quast (59) wurde am 2. März 1959 in Heidelberg geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. 1985 begann er als Kabarettist mit Soloprogrammen. Er ist Mitbegründer des Sommerfestivals „Barock am Main“. Im Dezember 2008 gründete er die Fliegende Volksbühne Frankfurt. 2019 soll sie mit dem Cantatesaal ein festes Domizil beziehen.

Herr Quast, wieviel Vorbereitungsarbeit braucht die Komik?
Wenn wir ein Stück produzieren für Barock am Main – übrigens: der Vorverkauf läuft! –, benötigen wir eine Probenzeit von fünf, sechs Wochen. Das ist relativ knapp bemessen, wenn man bedenkt, dass abends noch Vorstellungen sind. Außerdem muss ja das Theater tagsüber geführt werden.

Sie beschäftigen sich intensiv mit den Stücken. Mit den Autoren, mit den Geschichten ...
... ja, oft habe ich eine sehr lange Vorlaufzeit. Das ist immer das Schönste für mich: das Jagen und Sammeln. Das ist immer eine schöne Phase.

Wo jagen und sammeln Sie?
In Gesprächen, im Internet, in Bibliotheken. Ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen. Das ist immer spannend. Die Ergebnisse hängen hier an der Wand. Das sind die Recherchen zum 30-jährigen Krieg. Unser letztes Stück bei Barock am Main, Horribilis von Huckevoll, spielt in der Zeit des 30-jährigen Krieges. Da drüben hängt etwas zur Frankfurter Altstadt.

Ihnen liegt an Ausgrabungen, daran, Autoren und Stücke wieder hervorzuholen, die in der Geschichte vergessen worden sind.
Ja. Genau. Am Montag, 10. Dezember, unsere Aufführung in den Kammerspielen, das ist so eine Ausgrabung, die mir unheimlich viel Spaß macht. Der Maximilian Leopold Langenschwarz ist ein Schatz, den man noch heben kann. Eine sehr skurrile, windige Figur. Ein Lebenskünstler, auch einer, der die Tinte nicht halten konnte. Der hat unheimlich viel geschrieben. Ganz unterschiedliche Sachen. Theoretische Werke über Sprache.

Wie sind Sie auf den gestoßen?
Das hängt mit der Gründung der Fliegenden Volksbühne zusammen. Sabine Hock, die Historikerin, die ja das Buch über Liesel Christ geschrieben hat, aber auch Programmhefte für das Volkstheater, die hat mir den Hinweis gegeben. Da gibt es einen, sagte sie, der feiert 200. Geburtstag, und keiner macht was. Das war genau das Richtige für mich. Dann habe ich recherchiert. Habe Texte zusammengestellt für die allererste Veranstaltung der Fliegenden Volksbühne. Das war toll. Ich habe vor, nach New York zu fliegen und dort in Archiven nach dem Langenschwarz zu graben. Der hat ja zum Schluss in New York gelebt und dort eine Zeitschrift für deutsche Emigranten herausgegeben.

Bei der Feierstunde für die Volksbühne im Römer ist das ja so gelobt worden: das Von-Ort-zu-Ort- ziehen, das Improvisieren, das Fliegen. Aber das hat auch seine Schattenseiten. Wie war das in den zurückliegenden zehn Jahren?
Das Fliegen macht großen Spaß. Und das Konzept, dass wir wirklich zu den Leuten hingehen, hat ziemlich gut funktioniert. Was mühsam war, war nie, Aufführungsorte zu finden, sondern einen Produktionsort zu finden. Da haben wir mal hier zwei Wochen gearbeitet, dann dort ein paar Tage. So schön, wie wir es jetzt hier haben mit unserer Probenbühne, hatten wir es nie.

Wie lange sind Sie jetzt hier am Großen Hirschgraben?
Seit April. Im Nachbarhaus zu den „Goethehöfen“. Wir haben jetzt Geld gesammelt, wir können es auch bezahlen.

Wie groß ist das Team der Fliegenden Volksbühne?
Wir sind sechs festangestellte Leute. Matthias Faltz ist neu dabei als Regisseur und Mitarbeiter in der Intendanz.

Das wird jetzt eine ganz neue Situation für Sie: Sie werden sesshaft.
Richtig. Und diese Zuwendung zum Publikum, die wollen wir im festen Haus beibehalten. Es reicht nicht, einfach ein Theaterstück anzubieten. Das Erlebnis muss beginnen, wenn man das Haus betritt. Die Leute müssen angenehm empfangen werden.

Wie könnte das aussehen?
Wir überlegen noch, wie wir die Foyers gestalten, wie man die Leute überrascht. Die Begrüßung des Publikums, die ist bei Barock am Main schon fester Bestandteil der Aufführung und schafft gleich eine besondere Atmosphäre. Das ist wichtig. Dann darf die Bewirtung nicht 08/15 sein.

Es wird einen Wein geben ...
Bestimmt. Und was Kleines zu essen. Und das müssen Leute sein, die das mit Freude machen. Die Zuwendung zum Publikum ist ein Kennzeichen eines Volkstheaters, das für alle da ist.

Wann wollen Sie eröffnen am Großen Hirschgraben?
Wir wollen versuchen, im September zu eröffnen. Die Übergabe der Räumlichkeiten soll im März sein.

Was wird die erste Produktion sein im neuen Haus?
Da lasse ich die Katze noch nicht aus dem Sack. Im Frühjahr legen wir unser Programm 2019/2020 vor.

Bekommen Sie das hin, ein Theaterdirektor zu sein eines festen Hauses ?
Ja, mit meinem guten Team. Ich bin sehr froh, Matthias Faltz gefunden zu haben, das ist ein echter Glücksfall. Er hat eine ähnliche Vergangenheit wie ich. Er kommt aus der Kleinkunstszene, in Ostberlin, dann war er nach der Wende europaweit unterwegs, mit seiner Truppe Finke-Faltz. Da sind wir uns auch schon begegnet. Dann hat er immer mehr Theater gemacht. Er war Leiter des Jungen Staatstheaters in Wiesbaden und Intendant in Marburg.

Der Verleger Karlheinz Braun hat das in seiner Rede im Römer gesagt: Sie brauchen mehr Autoren und Regisseure für die Fliegende Volksbühne.
Daran arbeiten wir. Ich bin ja auch ständig daran, Sachen auf die Beine zu stellen, bei denen ich nicht dabei bin.

Das ist eine spannende Angelegenheit.
Das ist aus Sicht des Publikums riskant. Die Leute kaufen Karten, wenn Sie wissen: Der Quast ist auf der Bühne. Wir müssen ein Profil entwickeln, dass die Leute sagen: Das hat der Quast initiiert, auch wenn er nicht selbst auf der Bühne steht.

Wie sehr werden Sie in Zukunft noch selbst auf der Bühne sein?
Ich werde natürlich auf der Bühne sein, das ist ja meine Kernkompetenz. Aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verschleiße. Dass es nicht zu viel wird. Wir planen fünf Premieren, und im Moment bin ich bei einem Stück nicht dabei (lacht).

Wieviel Menschen haben Platz im neuen Theater?
340. Das ist viel. Das haben wir schon bemerkt, als wir es interimistisch bespielt haben. Das ist nicht selbstverständlich, das vollzukriegen.

Und an wievielen Abenden in der Woche?
Da wollen wir erst mal vorsichtig sein. Wir müssen nicht mehr so ranklotzen wie damals. Drei, vier Vorstellungen in der Woche.

Sie haben bei Ihrer Rede im Kaisersaal angedeutet, dass noch ein wenig Geld fehlt.
Es ist verabredet, dass wir für die technische Ausstattung zuständig sind und sie bezahlen. Wir bauen die Beleuchtung des Volkstheaters wieder ein. Wir werden eine neue Beleuchtungsstange haben, dass wir die Bühne von vorne oben ausleuchten können. Das finanzieren wir. Und wir werden eine neue Tonanlage einbauen. Das kostet ein Heidengeld.

Sie brauchen noch Geld von der Stadt.
Die Stadt engagiert sich schon sehr, indem sie unsere Miete bezahlt. Aber weil die Miete so hoch ist, fehlt uns Geld für den künstlerischen Etat und für das Personal. Und wir brauchen noch Startkapital. Für Licht- und Tontechnik, für Außenwerbung. Da renn’ ich rum und sammel’ Geld. Wir haben zum Beispiel drei Stiftungen: die Cronstettenstiftung, die Dr.-Marschner-Stiftung und die Haeuser-Stiftung, die uns helfen.

Sie machen Graswurzel-Theater. Wenn Sie die Diskussion verfolgen über einen Neubau der Städtischen Bühnen für vielleicht 900 Millionen Euro, was denken Sie?
(lacht) Ich finde das richtig, dass die Stadt dafür Geld ausgibt für solche wichtigen kulturellen Orte. Für Frankfurt ist das lebenswichtig., Ich wünsche mir natürlich, das wir 0,01 Prozent davon für uns bekommen. Da wären wir überglücklich. Was wir benötigen, ist im Vergleich ein Witz, was wir bewirken, ist im Vergleich enorm. Unser Theater beschäftigt sich mit den Fragen: Wo kommen wir her? Was gibt es hier für Wurzeln? Wie kann man das weiterdenken in die Zukunft? Unser Frankfurt-Bezug ist viel mehr wert als die paar Hunderttausend Euro, die wir bekommen. Und in Relation zu den Millionen von den Städtischen Bühnen werden wir sicher eine große Aufmerksamkeit finden.

Es geht auch um das Aufmüpfige, um das Kritische ...
... das ist für uns ganz wichtig.

Friedrich Stoltze war nicht einfach ein Mundartdichter, er war ein Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse ...
... der hat sich eingemischt und ist großes Risiko gegangen. Der hat wirklich noch Leib und Leben riskiert mit seinen frechen Texten. Die Stadt Frankfurt hat ihn geschützt.

Wo findet das Volkstheater noch seinen Platz im Zeitalter intensiver sozialer Medien? Sie müssen sich behaupten.
Je mehr die Entfremdung zunimmt, desto mehr haben die Leute eine Sehnsucht nach dem Echten. Die Leute haben eine Sehnsucht nach schwitzenden Schauspielern, die live, zum Anfassen, für das Publikum spielen. Das wird immer wichtiger werden. Da sind wir genau richtig mit unserer offensiven Komödiantik. Wir machen ja keine ästhetischen Experimente, sondern versuchen, die Leute zu unterhalten. Das saftige Theater hat eine Chance in einer Welt, in der man nur noch mit den Fingerspitzen rumwischt und sich irgendwelche Ersatzbefriedigung holt. Unser Theater ist echt und zum Anfassen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare