+
Nähen geht von Hand ganz gut, aber mit Maschine gehts einfach schneller.

Sachsenhausen

Modefestival im Brückenviertel

  • schließen

Das Pop-up-Festival „Stilblüten“  in Sachsenhausen mit feinster Mode, plastikfreien Strohhalmen und amerikanischem Rap.

Samstagabend in der Sachsenhausener Schulstraße: Unter Pavillons und Sonnenschirmen wird gebrutzelt und gekocht. Was darf es sein, Chötbullar oder doch das japanische Curry? Silke und Ralf Puntheller haben sich für das Curry entschieden. „Wir mögen den alten Teil von Sachsenhausen“, sagt sie. Die Läden hier seien „klein und individuell“, das Publikum „jung und interessant“. Ihre zwei Kinder holen sich gerade ein Eis, was gefahrlos möglich ist: Für den „Markt uff de Gass“ hat die Stadt die Straße gesperrt. Autos müssen an diesem Wochenende draußen bleiben.

Seit einer Stunde sind die Punthellers schon da. Drinnen, in der Ausstellungshalle, waren sie noch nicht. Um sie zu finden, muss man einen schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern nehmen. Er mündet in einem Hinterhof mit Kopfsteinpflaster. An den Bachsteinfassaden der umliegenden Häuser rankt und wächst es. Hier war einst der beliebte „Markt im Hof“ zu Hause. Einige der damaligen Gastronomen sind auch heute dabei, nur eben „uff de Gass“.

Am Ende des Hofs befindet sich die Ausstellungshalle, die früher eine Waschhalle war. In den 1960er Jahren erbaut, kommt sie ohne Stützen, aber mit industriellem Charme daher. Am Eingang werden drei Euro fällig. So viel kostet der Eintritt in die Modeausstellung des Stilblüten-Festivals. Rund 20 Designerinnen und Designer zeigen hier ihre Kollektionen.

Viele von ihnen sind aus der Region. Nathali Mack zum Beispiel stellt in Frankfurt „feinste Tuchwaren“ her. „Ich bin immer schon eine Tuchliebhaberin gewesen“, sagt die Gründerin des Labels „Capitana“. Zweimal im Jahr fährt sie nach Norditalien, um neue Stoffe zu kaufen – überwiegend Seidenstoffe. Wenn sie besonders aufwendig hergestellt sind, tragen sie klangvolle Namen wie „3D-gewebter Seidenjacquard“. „Das ist dann schon richtige Stoffkunst“, sagt Mack.

Charakteristisch für ihre Tücher sind die „wilden Patchworks“: Kombinationen aus verschiedenen Materialien, Oberflächen und Mustern – und zwar beidseitig. Damit alles individuell bleibt, stellt sie von jedem Design höchstens zehn bis zwölf Exemplar her. Klar, dass das seinen Preis hat.

Regina aus dem Frankfurter Nordend, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen mag, hatte eben noch ein Tuch anprobiert. Später darauf angesprochen, sagt sie: „Ich finde es toll, wenn jemand noch Handwerk macht.“ Gekauft hat sie das fast 300 Euro teure Tuch aber nicht: Für den Preis sei es „nichts, was man mal eben mitnimmt“. Das Stilblüten-Festival kennt sie schon länger – ihr gefällt, dass es so etwas in Frankfurt gibt: „Das würde ich eher Berlin zutrauen!“

Tatsächlich ging das Festival schon in unterschiedlichen Formaten über die Bühne. 2005 habe alles „ganz klein angefangen“, sagt Initiatorin Stella Friedrichs. Ihre Motivation? „Es gibt Modemacher in Frankfurt, aber keine Plattform für sie.“ Mit den Jahren wuchs das Festival von 20 auf 100 Aussteller an, als es in einer großen Halle im Osten Frankfurts stattfand – die jedoch seit 2016 nicht mehr verfügbar ist. „Seitdem machen wir diese kleineren Pop-up-Formate“, sagt Friedrichs.

In der Ausstellungshalle an der Schulstraße sind die Stilblüten zum dritten Mal zu Gast. Eine Premiere aber ist, dass zeitgleich der „Markt uff de Gass“ zum Schlemmen einlädt, am Samstag sogar bis 22 Uhr. Vor dem „Canpire“, einem Laden für Graffitibedarf, legt DJ Yesta auf. „Wir machen heute Hip-Hop und Musik für die Leute“, sagt er, „bekannte Sachen“ aus den Charts und amerikanischer Rap. „Klein aber fein“ findet er das Festival.

Sita Ober ist mit Vanessa und Long-An Sun unterwegs. In ihren Händen halten sie zwei Himbeer-Thymian-Spritz und eine Limettenlimonade – mit Strohhalmen aus Röhrennudeln, völlig plastikfrei, wie sie betonen. Das einzige Problem: Die Nudeln weichen ein, mit dem Trinken sollte man sich also besser beeilen.

Viel Zeit bleibt hingegen für einen Besuch in den umliegenden Läden: Sie haben heute bis 24 Uhr geöffnet. Silke Gehrig ist Inhaberin eines „Näherholungsgebiets“, wie sie selbst behauptet: Nähen mache „viele Leute glücklich“, vor allem Berufstätige, die „diesen Ausgleich suchen“. Einige würden sogar sagen, dass Nähen das neue Yoga sei. Sie selbst kann es verstehen, in der zunehmend digitalisierten Welt sei schließlich immer weniger „anfassbar“.

Tagsüber hatte Gehrig Kindern ab acht Jahren Nähworkshops auf der Straße gegeben. Weil Regen angekündigt ist, hat sie inzwischen aber alle Maschinen weggeräumt. Gegen 21 Uhr, als es dunkel wird und die Ausstellungshalle von lila Scheinwerfern in Szene gesetzt ist, fallen dann die ersten Tropfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare