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Kurator Bastian Eclercy vor der "Madonna mit Kind, Johannes dem Täufer und der heiligen Elisabeth" (um 1432/33-1516) von Giovanni Bellini.

Städel-Museum

Der Renaissance-Erklärer

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Der Kurator Bastian Eclercy organisiert die bundesweit erste Überblicksausstellung zu Tizian im Städel-Museum.

Überlebensgroß schaut der junge Mann mit dem verträumten Blick schon bald von Bannern vor dem Städel-Museum. In Wirklichkeit ist das einzige Gemälde, welches das Kunstinstitut von dem venezianischen Maler Tizian (um 1488/90-1576) besitzt, nur postkartengroß.

Kurator Bastian Eclercy deutet in der Städelschen Sammlung zu den Alten Meistern auf Tizians „Bildnis des jungen Mannes“ (um 1510), ein Frühwerk. „Wer der junge Mann ist, wissen wir nicht. Charakteristisch für das Bild ist der sinnende, etwas weltfremde Gesichtsausdruck, das plissierte, weiße Unterhemd, und die ausgeprägte Farbigkeit.“

Noch hängt es in einer Nische des Museums, umgeben von weiteren Renaissance-Klassikern. Ab dem 13. Februar wird es in der deutschlandweit ersten Überblicksausstellung zum venezianischen Künstler Tizian zu sehen sein, als eines von insgesamt 106 Objekten, auf zwei Geschossen im Erweiterungsbau des Städels.

Seit drei Jahren bereitet Bastian Eclercy die Ausstellung „Tizian und die Renaissance in Venedig“ vor. Sie wird neben der Van-Gogh-Schau ab Oktober im Städel ein Höhepunkt im diesjährigen Frankfurter Ausstellungskalender sein.

Bastian Eclercy hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Der 40-Jährige ist seit 2014 Kurator am Städel. Er leitet die Sammlung für italienische, französische und spanische Malerei vor 1800. „Intern nennen wird das ‚Aldi-Süd‘ - ‚Aldi Nord‘ ist die Sammlung Holländische und Flämische Malerei vor 1800“, scherzt er. Für die Alten Meister aus den Niederlanden ist Kurator Jochen Sander zuständig. Bei ihm hat Bastian Eclercy volontiert. Danach arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Städel. Ab 2010 wechselte er als Kurator für Alte Meister ans Landesmuseum Hannover und kam vier Jahre später nach Frankfurt zurück, wo er bis 2016 seine ersten Ausstellung „Maniera“ zu Renaissance-Künstler aus Florenz organisierte. Bezüge zum Florentiner Manierismus wird er auch in der Tizian-Ausstellung herstellen.

Die Kunst wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Vater war Ingenieur für Elektrotechnik, seine Mutter Krankenschwester. „Die waren etwas überrascht, dass ich Kunstgeschichte studiert haben, denn Malen und Zeichnen war nie meine Stärke.“ Aufgewachsen im bayrischen Landshut besuchte er mit seiner Schulklassen die Neue Pinakothek in München, ein Erweckungserlebnis. „Vielleicht wollte ich gerade weil ich nicht so gut malen konnte stärker mit der Geschichte der Kunst auseinander setzen.“

Heute schreibt Bastian Eclercy die Renaissance-Forschung fort. Für den Katalog, der zur Eröffnung der Tizian-Ausstellung erscheint, hat er unter anderem das Gemälde „Dame in Blau mit Parfümbrenner“ (um 1510/11) von Sebastiano del Piombo analysiert, und um eine Deutung bereichert. Früher habe man gedacht, die Frau sei eine der „klugen Jungfrauen“ aus dem Gleichnis von Jesus im Matthäus-Evangelium. „Ich habe mit den Gegenstand, den sie in der Hand hält, hochaufgelöst angesehen – da wird etwas verbrannt, da kamen Funken raus.“ Die Frau sei keine biblische Jungfrau, sondern eine Bella Donna, ein idealisierter Frauentyp. Das Forschungsergebnis werde im Katalog festgehalten – er sei eben auch ein „Handbuch für Spezialisten“, sagt er.

Auf Schreibtischen in seinem Büro stehen zwei Modelle für die Ausstellungsarchitektur, im Maßstab 1 zu 25, mit klitzekleinen Ausdrucken von Bildern und Zeichnungen. Zum Auftakt sehen Besucher den Riesenholzschnitt „Ansicht von Venedig“ (1498-1500) von Anton Kolb, der die Lagunenstadt aus der Vogelperspektive zeigt. „Hier holen wir alle die Besucher ab“, sagt er, auch jene, die Venedig nur der geografischen Lage nach kennten, und von Tizian vielleicht schon mal gehört hätten.

Umgeben von aubergine-farbenen Wänden, die mit Räumen in Rosé gekontert sind, folgt eine thematische Übersicht darüber, was die venezianische Malerei in der Renaissance ausmachte: Madonnen, die sich in einem sogenannten heiligen Gespräch befinden, idealisierte Landschaften, mythologische Szenen, die die Künstler teilweise selbst erfunden hätten – wie Tizians „Knabe mit Hunden in einer Landschaft“ (um 1570-76). „Diese Szene lässt sich nicht bei Ovid nachlesen; der Malerei hat sich die poetische Freiheit genommen, einen Mythos selbst zu erschaffen“, sagt er. Die Deutung gebe bis heute Rätsel auf. Die „Dame in Blau mit Parfümbrenner“ treffen die Besucher im letzten Raum im Untergeschoss wieder, als eine Darstellung der Belle Donne, der Idealbilder schöner Frauen. Im Obergeschoss ist das verträumte „Bildnis des jungen Mannes“ zu sehen, ganz klein in der rechten Ecke, umgeben von weitern Männerporträts in Hermelin und Rüstung.

„Venedig war zu jener Zeit ein Zentrum des Farbenhandels, und auch die Renaissancemalerei zeichnet sich durch eine hohe Farbigkeit aus“, sagt er. Den Farben und Effekten ist ein Raum gewidmet, gefolgt von muskulösen, männlichen Akten. Dort greift Bastian Eclercy auf die „Maniera“-Ausstellung zurück, und zeigt die Auseinandersetzung der Renaissance-Künstler in Florenz und Venedig. Das Schlusskapitel widmet sich der Wirkungsgeschichte, unter anderem mit großformatigen Fotografien von Thomas Struth, der in „Galleria dell’Accademia 1“ (1992) Museumsbesucher in Venedig festgehalten hat. „Die Story ist, dass wir ein großen Panorama der venezianischen Renaissance-Kunst zeigen wollen“, sagt Bastian Eclercy. Wenn die Op-Art-Ausstellung zu Victor Vasarely im Erweiterungsbau am 13. Januar endet, sind es noch vier Wochen bis zur Eröffnung der lange vorbereiteten Tizian-Ausstellung.

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