Einer der Brennpunkte in der Corona-Krise in Frankfurt ist für die Polizei im 8. Revier das südliche Mainufer.
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Einer der Brennpunkte in der Corona-Krise in Frankfurt ist für die Polizei im 8. Revier das südliche Mainufer.

Interview

Polizei-Arbeit in Frankfurt in der Corona-Krise: „Vorher rief der Wirt an, jetzt der Nachbar“

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Dirk Wächtershäuser leitet das 8. Polizeirevier in Frankfurt und erzählt, wie sich die Arbeit der Polizei in Zeiten von Corona verändert hat.

  • Das 8. Polizeirevier in Frankfurt ist für etwa 70.000 Einwohner in Sachsenhausen und Oberrad zuständig.
  • In der Corona-Krise hat sich die Arbeit der Polizei stark verändert.
  • Im Revier gab es zudem bereits Corona-Verdachtsfälle.

Dirk Wächtershäuser ist 52 Jahre alt und leitet seit Oktober 2018 das 8. Polizeirevier in Frankfurt. 

Herr Wächtershäuser, wie hat sich die Arbeit der Polizei in Sachsenhausen seit Ausbruch der Pandemie verändert?
Die Schwerpunkte haben sich verschoben. Da die Kneipen in Alt-Sachsenhausen geschlossen sind, ist die dortige Eventkriminalität komplett zum Erliegen gekommen. Stattdessen sind wir jetzt mehr wegen Kontrollen im Bereich des Infektionsschutzgesetzes im Einsatz.

Freuen sich die Beamten, dass sie nicht mehr nach Alt-Sachsenhausen ausrücken müssen?
Wer zum 8. Revier kommt, weiß, worauf er sich einlässt. Die Kollegen sind ja auch gerne in Alt-Sachsenhausen.

Dirk Wächtershäuser und seine Leute sind auch für das Mainufer zuständig.

Polizei in Frankfurt: Corona-Krise ändert Einsatzplan

Haben Sie Ihre Schichtpläne denn umgestellt, weil es jetzt mehr Einsätze tagsüber als nachts gibt?
Nein, die personelle Ausgestaltung hat sich nicht verändert, aber wir haben das ein oder andere umgestellt aus Infektionsschutzgründen. Wir achten darauf, dass immer dieselben Kollegen miteinander Dienst tun, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Wir haben auf dem 8. Revier vier Dienstgruppen mit jeweils 15 bis 20 Leuten. Die jeweiligen Dienstgruppen bleiben unter sich.

Gab es denn schon Verdachtsfälle von Covid-19 auf Ihrem Revier?

Wir hatten schon Verdachtsfälle, aber nicht viele. Es wurde bei der hessischen Polizei auch eine übergeordnete Koordinierungsstelle geschaffen, damit einzelne Reviere personell unterstützt werden können, falls eine Dienstgruppe wegen eines Verdachtsfalls ausfallen sollte.

Wie schützen sich die Beamten vor einer Ansteckung?
Bei Einsätzen wird auf Abstände geachtet, wo es möglich ist. Aber wenn unmittelbarer Zwang angewendet werden muss, dann wird das gemacht. Sich da zurückzuhalten, wäre der falsche Weg.

Mal schnell die Hände waschen ist ja auf Streife nicht so einfach …
Die Kollegen haben Desinfektionsmittel in jedem Fahrzeug und auch eine kleinere Ration in der Tasche.

Polizei in Frankfurt: Viele Ahndungen wegen Kontaktverbots in Corona-Krise

Ist es nicht eine Belastung für die Kollegen, zu wissen, dass sie immer wieder körperliche Nähe zu anderen Menschen herstellen müssen?
Natürlich ist das belastend für die Kollegen und nicht immer angenehm. Aber die Stimmung ist nach wie vor sehr, sehr gut.

Das 8. Polizeirevier ist für etwa 70.000 Einwohner in Sachsenhausen und Oberrad zuständig. Zum Revierbereich gehören auch Alt-Sachsenhausen, die Uniklinik und der Stadtwald. ote

Wie reagieren die Bürger denn bei den Kontrollen?
Es ist wie überall. Es gibt viele, die sich an die Vorgaben halten, und einige wenige, die das nicht tun.

Wie viel Bußgeld wurde in Ihrem Revierbereich denn bereits verhängt und weswegen?
Es gibt durchschnittlich etwa fünf bis zehn Ahndungen am Tag. Zu 99 Prozent geht es dabei um das Kontaktverbot. Dass ein Geschäft unerlaubt auf hatte, hatten wir gar nicht.

Hessenweit heißt es, sei die Kriminalität infolge der Corona-Pandemie rückläufig. Beobachten Sie das auch in Sachsenhausen und Oberrad?
Das ist für die einzelnen Deliktbereiche in dieser kurzen Zeitspanne schwer zu sagen, aber Gewaltkriminalität gibt es weniger häufig. Auch die Zahl der Unfallfluchten hat abgenommen. Es gibt weniger Verkehr, also auch weniger Unfälle. Das ist für uns natürlich eine schöne Entwicklung.

Polizei in Frankfurt: Mainufer ist Corona-Brennpunkt

Haben denn auch Delikte zugenommen, etwa häusliche Gewalt?
Ich würde nicht von häuslicher Gewalt sprechen. Aber wir kriegen schon Anrufe, dass es bei den Nachbarn hoch herginge und da rumgeschrien würde. Das sind dann aber verbale Streitigkeiten. Ob das zugenommen hat, weiß ich gar nicht, vielleicht nehmen wir das jetzt subjektiv anders war. Das meinte ich vorhin mit dem verschobenen Schwerpunkt. Vorher rief der Wirt in Alt-Sachsenhausen an, weil jemand nicht zahlen will, jetzt ruft der Nachbar an, weil rumgeschrien wird.

Rufen denn viele Menschen an und gibt es bestimmte Brennpunkte?
Ja, wir bekommen viele Anrufe, aber von Brennpunkten würde ich nicht sprechen. Natürlich das Mainufer, aber auch Straßenecken und Hinterhöfe, wo sich Jugendliche treffen. Wobei ich sagen muss, dass am Mainufer ungewohnt wenig los ist, gegenüber sonst.

Wie erleben Sie als Leiter eines großen Polizeireviers diese Zeit?
Es ist völliges Neuland, ungewohnt, völlig dynamisch. Jede neue Verordnung muss transparent gemacht werden, das ist nicht immer einfach. Wie jeder andere, sehne auch ich mir eine gewisse Normalität zurück.

Auch in Alt-Sachsenhausen?
Auch in Alt-Sachsenhausen (lacht).

Interview: Oliver Teutsch

Corona-Regeln werden in Frankfurt oft gebrochen: Auf dem Frankfurter Opernplatz und am Paulsplatz verhängte die Polizei in Frankfurt Corona-Bußgelder, weil die Menschen sich nicht an die Mindestabstände hielten – zudem gab es Demonstrationen.

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