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Die kommissarische Direktorin Eva Raabe inmitten der Ausstellung über das Alter.

Ortsbesuch

Frankfurts vergessenes Museum

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Von der Kommunalpolitik ignoriert, macht das Ethnologen-Team in den drei kleinen Villen am Schaumainkai gute Arbeit und ein interessantes Ausstellungsangebot. Ein Besuch vor Ort.

In all den Jahren hat Eva Raabe ihre Contenance zumindest in der Öffentlichkeit nicht verloren. 1985 kam die junge Ethnologin in das Frankfurter Museum für Völkerkunde. 1992 musste sie erleben, dass die Stadtregierung den geplanten, 160 Millionen Mark teuren Neubau für das Museum in letzter Minute kippte – die Bäume im Museumspark waren schon gefällt. Begründung damals: Es muss gespart werden.

2012 war ein unterirdischer Erweiterungsbau des Museums bereits in allen Einzelheiten konzipiert – wieder strich der Magistrat das Projekt, dessen Kosten auf 80 Millionen Euro geschätzt worden waren. Begründung: Es muss gespart werden. 2015 entließ die Stadt die damalige Museumsdirektorin Clémentine Deliss fristlos, unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen. Eva Raabe wurde vor vier Jahren kommissarische Direktorin des Hauses – und blieb es bis heute. Die Kommunalpolitik scheint das Museum buchstäblich vergessen zu haben. Deshalb also ein Besuch in der denkmalgeschützten Villa Schaumainkai 35, dem Sitz von Verwaltung und Bibliothek.

Eva Raabe ist inzwischen 61 Jahre alt, die Pensionsgrenze rückt näher. Sie sagt tapfer: „Ich würde mir wünschen, unsere Sammlung in einem größeren Maßstab präsentieren zu können – für mich bleibt die Erweiterung auf der Tagesordnung.“ Es müsse ja, fügt sie hinzu, nicht gleich ein Bau für eine zweistellige Millionensumme sein.

Die Sammlung des Hauses umfasst etwa 65 000 Objekte – vom pazifischen Langboot bis zur winzigen afrikanischen Schmuckbrosche. Nie konnte mehr als ein kleiner Bruchteil gezeigt werden. Denn das Museum samt der Verwaltung und der 22 Beschäftigten ist nach wie vor auf die drei kleinen Villen Schaumainkai 29,35 und 37 zusammengedrängt.

Man sollte meinen, dass in Zeiten einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit ein Museum der Weltkulturen wichtiger denn je wäre. Wo könnte besser für die Verständigung zwischen den Völkern geworben werden als hier?

Das sieht auch Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) so – sie hebt im Gespräch mit der FR die Bedeutung des Hauses und die gute Arbeit des Teams hervor. Schon jetzt, fügt die Stadträtin hinzu, habe das Museum 60 Prozent seines diesjährigen Einnahmesolls erreicht. Doch was folgt daraus?

Thomas Dürbeck, der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Römer, hat kürzlich gewagt, das allgemeine Schweigen der Kommunalpolitiker zum Museum der Weltkulturen zu durchbrechen. Er brachte in der Sitzung des Stadtparlaments am 23. Mai die Frage an die Kulturdezernentin ein, wann denn nach vier Jahren Vakanz die Stelle der Direktorin wieder besetzt werde. Leider wurde die Frage aber nicht mehr aufgerufen, weil die Frist von einer Stunde für die Fragestunde überschritten war.

Auf die Frage der FR, ob denn an eine Wiederbesetzung der Direktorenposition gedacht sei, teilt Kulturdezernentin Hartwig lediglich mit, sie werde „in Kürze eine Entscheidung“ bekanntgeben.

In dieser schwierigen Situation versucht das Team des Museums, einfach weiterzuarbeiten – und trotz der widrigen Umstände ein interessantes Ausstellungsangebot zu machen. Und siehe da: Das gelingt.

Bilder aus der aktuellen Ausstellung über das Alter.

Gerade einmal 100 000 Euro im ganzen Jahr können die Kuratorinnen und Kuratoren für die inhaltliche Arbeit ausgeben. Entsprechend lange sind die Laufzeiten der Ausstellungen.

Am 26. Oktober 2018 eröffnete „Grey is the new Pink“. Es geht um Momentaufnahmen des Alterns in den verschiedenen Kulturen. Es geht auch um „einen Dialog mit der Öffentlichkeit“, wie die Ethnologin Raabe sagt. Das Museum startete einen Aufruf im Internet, doch Gedanken und Reflexionen über das Alter einzusenden. Es gab etwa 350 Einsendungen von mehr als 150 Teilnehmern.

Tatsächlich haben sich die Besucherzahlen positiv entwickelt. 2015 kamen nur noch 6000 Menschen in die Museums-Ausstellung, 2019 sind es laut Raabe schon „mehr als 16 000“.

Die frühere Direktorin Clémentine Deliss hatte versucht, die Bildende Kunst einzusetzen, um die Ausstellungen attraktiver zu machen. Eva Raabes Ansatz und der ihres Teams ist ein anderer: „Wir verstehen uns als Gesellschaftswissenschaftler.“

Das zeigen die beiden nächsten ausgeklungen sehr deutlich. Am 27. Juni eröffnet „Plakatiert!“. Die Schau untersucht, wie die Lebenswelt der indigenen Bevölkerung Nordamerikas in Plakaten dargestellt wird – und zwar von den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute. Noch deutlicher in der Gegenwart verhaftet ist dann vom 24. Oktober an die Ausstellung „Weltenbewegend“. Es geht um die Migration und um die Geschichten, die rund die großen Wanderungsbewegungen entstehen. „Wir blicken international auf den Umgang mit Minderheiten, die vertrieben werden“, sagt die kommissarische Direktorin.

Mitte Juni bereits kommen betroffene Menschen aus Südamerika zu Besuch ins Museum. Es sind Repräsentanten des Volkes der Guarani, die zu den ältesten Bewohnern des südamerikanischen Kontinents zählen. Heute sind sie über die Staaten Brasilien, Bolivien, Paraguay, Argentinien und Uruguay verteilt. Die Guarani stehen allerorts unter Druck und werden von ihren angestammten Siedlungsgebieten verdrängt.

Raabe und ihr Team sind stolz auf diesen Kontakt, der über NGOs, Nichtregierungsorganisationen, zustande gekommen ist. „Wir sind auch eine Anlaufstelle“, sagt sie. Doch die Ungewissheit über die Zukunft des Hauses macht die Arbeit schwierig. Es wäre an der Zeit, dass sich die Kommunalpolitik des Museums der Weltkulturen annimmt.

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