Die Blicke auf Elena Schroll (2020) und Arles (1889). Für das Bild, das sonst in München hängt, musste das Städel lange kämpfen.
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Die Blicke auf Elena Schroll (2020) und Arles (1889). Für das Bild, das sonst in München hängt, musste das Städel lange kämpfen.

Städel Frankfurt

Van Gogh ist „der Traum eines jeden Kurators“

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Elena Schroll hat jahrelang an der Van Gogh-Ausstellung im Städel in Frankfurt mitgearbeitet und wird auf der Zielgeraden etwas wehmütig. Ein Porträt.

Wie viele Male Elena Schroll in den vergangenen Monaten durch die van Gogh-Ausstellung im Städel geführt hat, weiß sie nicht. Die kuratorische Projektleiterin der Ausstellung fängt an zu rechnen: „Mindestens fünf Führungen in der Woche… 80 Führungen bestimmt.“ Wer in den vergangenen Wochen im Städel in die Obhut von Schroll kam, hatte Glück. Denn die 31-Jährige kann wie kaum jemand Auskunft geben über die aufwendigste Ausstellung, die es jemals im Frankfurter Städel gegeben hat.

Fünf Jahre lang bereiteten die Mitarbeiter die Ausstellung vor. Das Team steckt noch mitten in der Konzeptfindung, als die junge Volontärin Schroll dazustößt. „Wir haben uns erstmal überlegt, welche Werke überhaupt in die Ausstellung passen“, erinnert sich Schroll. Schließlich sollten die Bilder irgendeinen Bezug zu Deutschland oder deutschen Künstlern haben, die von Vincent van Goghs Werk beeinflusst wurden. „Es ist der Traum eines jeden Kurators, an so einem Projekt mitarbeiten zu können“, sagt Schroll. Die gebürtige Oberbayerin, die im Rheinland aufwuchs, studierte in Marburg Kunstgeschichte. Schon während des Studiums waren ihr die Ausstellungen im Städel „eine der wichtigsten Inspirationsquellen“. Da kam es nicht von ungefähr, dass sie schon während des Studiums aus dem bei Studierenden so beliebten Marburg nach Frankfurt zog. „Frankfurt bietet im Alltag mehr Kulturszene“, begründet Schroll ihren ungewöhnlichen Schritt. Schließlich wollte sie die Theorie ihres Studiums mit der „Praxis im Alltag“ verbinden.

Bei der Vorbereitung der Ausstellung bekam Schroll mehr Praxis und Verantwortung, als sie sich anfangs gedacht hatte. „Es ist eine einmalige Chance für eine junge Kunsthistorikerin, van Gogh ist ja ein bestimmtes Kaliber, da wird man mit allen Wassern gewaschen.“ Denn viele Museen sind nicht gerade begeistert, wenn sie ihre einmaligen Exponate auf Reisen schicken sollen. Teilweise gab es sehr zähe Leihverhandlungen. „Wir mussten argumentieren, warum wir genau dieses Bild brauchen.“ Das war nicht immer einfach. Als Schroll gefragt wird, vor welchem Bild sie sich gerne fotografieren lassen will, steuert sie spontan „Blick auf Arles“ an. „Ein fantastisches Bild und ein Bild, bei dem wir lange verhandelt haben, denn es geht fast nie auf Reisen.“ Die Neue Pinakothek in München hat schließlich nachgegeben.

Die Ausstellung

Die Öffnungszeiten  wurden für die letzte Woche noch einmal erweitert. So hat das Museum auch am heutigen Montag sowie Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Sonntag von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Am Freitag und Samstag können die Meisterwerke sogar bis 23 Uhr bestaunt werden.

Tickets  gibt es nur noch für 16 Euro (Erwachsene) an der Tageskasse, nicht mehr online. Zwei Stunden vor Kassenschluss gibt es die Tickets zwei Euro günstiger.

Dann begann das van Gogh-Team zu überlegen, wie die Ausstellung präsentiert werden soll. Es gab Gespräche mit Architekten über die Umgestaltung und Beleuchtung der Räume. Für den Titel der Ausstellung „Making van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe“ wurde eigens eine Marketing-Agentur beauftragt. Für die Städel-Mitarbeiter blieb auch so noch genug Gelegenheit, sich den Kopf zu zerbrechen. „Wir haben unglaublich viel strategisch überlegt“, so Schroll. Etwa, wie bei dem zu erwartenden Ansturm die Besucher gesteuert oder die Bilder gehängt werden sollen. So hängen die Werke zum Beispiel höher als bei üblichen Ausstellungen. Beim konstruktiven Austausch zur Hängung der Bilder hat sich auch die wissenschaftliche Mitarbeiterin Schroll eingebracht. „Ich wollte unbedingt, dass das Bild aus Boston in einer schönen Blickachse hängt“, verrät sie. „Häuser in Auvers“, eine Leihgabe des Museum of Fine Arts, habe „eine unglaubliche Fernwirkung“, findet Schroll, die auch sehr viel Arbeit in die Entwicklung des Ausstellungskatalogs gesteckt hat.

Dann, im Oktober ging es endlich los mit der Ausstellung. „Es ist unglaublich schön, den Enthusiasmus, den man entwickelt hat, auch weitergeben zu können“, sagt Schroll. Dazu hatte sie in den vergangenen Wochen ausreichend Gelegenheit. Sie führte große Gruppen und kleine, auf Deutsch und auf Englisch, Förderer, Sponsoren und Besucher aus aller Welt. Neben Übersichtsführungen gab Schroll auch einen Blick hinter die Kulissen. Diese Führungen waren bei den Besuchern besonders beliebt. Kein Wunder, denn Schroll hat viel zu erzählen. „Jedes Bild hat seine eigene Anreisegeschichte.“ Schroll wollte bei den Führungen aber nicht nur Monologe halten. „Der persönliche Kontakt war mir wichtig.“ Schließlich will man ein Feedback, wenn man jahrelang für ein Projekt gearbeitet hat.

Das Feedback der Besucher sei überwiegend positiv gewesen. „Die Besucher haben gemerkt, dass es eine einmalige Chance ist, so viele van Goghs in Deutschland zu sehen.“ Da haben die Besucher auch in Kauf genommen, dass es meist sehr voll war.

Wenn die Kunsthistorikerin selbst eine Ausstellung besucht, geht sie analytisch vor und interessiert sich nicht zuletzt für die Präsentation. „Ich gehe meist zweimal durch eine Ausstellung.“ In der ersten Runde achtet sie auf Beleuchtung, Hängung und Vermittlungskonzept, in der zweiten Runde schaut sie sich dann die Werke selbst an. In ihrer Freizeit hat Schroll aber nicht nur Kunst im Sinn. Die 31-Jährige ist Naturliebhaberin, wandert gerne im Taunus oder klettert. „Meine Arbeit ist sehr gedankenintensiv, da brauche ich einen physischen Ausgleich.“

Zuletzt war dafür eher wenig Zeit. Der Terminkalender war prall gefüllt, die Anzahl der Überstunden und der Zeitdruck hoch. „Aber das Projekt hat dafür entschädigt“, betont Schroll. Und so ist sie auf der Zielgeraden der Ausstellung auch ein bisschen traurig. „Man muss sich von den Kunstwerken verabschieden und wird an die Bilder nie mehr so nahe rankommen.“ Daher bekommt Schroll auch nicht genug von den Meisterwerken. An manchem Montag, wenn das Museum zu war, ist sie alleine durch die Ausstellung gelaufen und hat studiert, wie die Bilder auf unterschiedliche Entfernungen ihre Wirkung verändern. Ob sie vor einem der Werke ein Selfie macht, bevor es in der Transportkiste verschwindet? „Vielleicht vom Selbstporträt aus Chicago, ein Selfie vor einem Selbstporträt, das hat doch was.“ Vor dem Selfie steht für Schroll aber noch eine allerletzte intensive Arbeitswoche Goghs an. Ein paar Führungen werden noch dazukommen.

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