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Der Eindruck täuscht: So leer ist es in der Van-Gogh-Ausstellung nicht. Jedenfalls nicht zu Öffnungszeiten.

Städel-Museum

Making van Gogh in Frankfurt: Kunst und Kommerz reichen sich die Hände

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Im Städel-Museum in Frankfurt werden gerade die Werke von Vincent van Gogh ausgestellt. Die Ausstellung sprengt sämtliche Rekorde. Ein Besuch. 

Wenn der Name Vincent van Gogh fällt, dann denkt der gemeine Deutsche zuerst an Sonnenblumen. Und dann an Ohrenschmerzen. Beides gedeiht auch hierzulande prächtig und vielleicht haben die Deutschen darum van Gogh dermaßen ins Herz geschlossen. Aber, auch das beweist die Ausstellung im Städel: Vincent van Gogh war Ausländer. Fast überall. Nur nicht in den Niederlanden.

Daran kann auch die Ausstellung „Making van Gogh“ nichts ändern, und das will sie auch gar nicht. Sie versucht vielmehr darzustellen, warum van Gogh in Deutschland so rasend populär ist, welchen Einfluss er auf die Malerei in Deutschland hatte und wie er zu dem wohl nicht gänzlich berechtigten Nimbus eines halbverrückten und zu Lebzeiten gänzlich erfolglosen Malergenies gekommen ist.

Making van Gogh: Der Maler und die Deutschen - nicht immer Sonnenblumenschein

Sie zeigt auch, dass das Verhältnis zwischen van Gogh und den Deutschen nicht immer eitel Sonnenblumenschein gewesen ist. Etwa 1910, als einige Maler im „Protest deutscher Künstler“ ihrem Ärger darüber Luft machten, dass die Kunsthalle Bremen für ein damaliges Heidengeld (30.000 Mark) van Goghs „Mohnblumen“ eingekauft hatte. Prima Maler fänden sich doch auch in deutschen Landen, sagten die protestierende Maler aus ebendiesen, warum also nach Holland schweifen? Der Protest brachte ihnen nicht viel ein. Van Goghs „Mohnblumen“ aber blühen heute noch, derzeit im Städel.

Verbeugung vor einem Genie.

Einem anderen Werk ist dieses Glück nicht beschieden. Nämlich dem „Bildnis des Dr. Gachet“, einem Porträt von van Goghs Nervenarzt. Dabei hatte das Städel vor vielen anderen Museen erkannt, dass van Gogh einmal der Allergrößte werden könnte, und hatte vor dem großen Hype bereits 1908 das „Bauernhaus in Nuenen“ (1885) und die „Kartoffelpflanzerin“ (1885) eingekauft. 

Van Gogh - für die Nazis entarteter Ausländer

Drei Jahre später kaufte das Städel dann das Nervenarztporträt, aber die Nationalsozialisten, die der Ansicht waren, dass van Gogh nicht nur Ausländer, sondern auch noch entartet gewesen sei, konfiszierten das Bild 1937. Genauer: Hermann Göring verleibte es kurzfristig seiner Privatsammlung ein und verkaufte es zu einem stolzen Preis an einen Amsterdamer Bankier. 1990 wurde das Werk schließlich zum damaligen Rekordpreis von 82,5 Millionen Dollar an einen japanischen Unternehmer verkauft. Wo es heute hängt, weiß niemand. Dem Städel ist nur der alte Rahmen geblieben. Er dient jetzt in der Ausstellung als Selfie-Fotostation, ähnlich dem „Ich“-Denkmal von Hans Traxler nahe der Gerbermühle.

Abgesehen von der frühen Wertschätzung seitens des Städels hatte Vincent van Gogh mit Frankfurt rein gar nichts am Hut. Das weiß man eigentlich ja auch. Und steht dann trotzdem in der Ausstellung staunend vor dem Bild „Roter Turm im Park“. Diese Farben, diese Dynamik – als habe der Visionär bereits damals schon geahnt, dass der Frankfurter Goetheturm dereinst ein Raub der Flammen werde. Hat er aber nicht. Das Bild ist gar nicht von van Gogh, sondern von Karl Schmidt-Rottluff (1910-12), und es zeigt auch nicht den Goethe-, sondern irgendeinen Turm und hängt hier nur, um van Goghs Einfluss auf die deutschen Meister zu illustrieren. Trotzdem schön.

Selfie in leerem Rahmen (Innenansicht).

Wer die Ausstellung besucht, wird zudem mit einem langen Blick auf das Landschaftsbild „Frankfurt von südlicher Mainseite aus gesehen“ belohnt. Auch nicht von van Gogh, sondern von der Realität. Die langen Schlangen an den Kassenhäuschen erlauben eine ausführliche Betrachtung. Im Inneren des Museums wird der Besucher verwundert feststellen, dass die meisten Besucher gar nicht auf die Bilder, sondern auf ihre Handys glotzen. Das hat aber seinen guten Grund: Den Audioguide zur Ausstellung gibt es natürlich auch als App. Auch ein van Gogh geht mit der Zeit.

Van Gogh im Städel in Frankfurt: Kunst und Kommerz reichen sich die Hände

Die Bilder mögen zu Lebzeiten des Malers Ladenhüter gewesen sein. Die Macher der Ausstellung aber sind mittlerweile auf Marketingideen gekommen, die selbst Vincents Bruder Theo im Leben nicht eingefallen wären. Neben so sinnvollen Sachen wie dem Ausstellungskatalog bietet der Museumsshop auch Socken, Krawatten, Kühlschrankmagnete und allerhand anderen Unfug im Stile des Meisters an. Besonders bizarr: das „van-Gogh-Absinth-Starter-Kit“, das einen kunstvollen Einstieg in die Welt des irremachenden Schnapses bietet. Lediglich auf ein Van-Gogh-Rasiermesser haben die Organisatoren vermutlich aus Pietätsgründen verzichtet. Vielleicht ist ihnen aber auch einfach die Geschäftsidee nicht gekommen.

Kunst und Kommerz reichen sich denn auch beim Verlassen des Städels einträchtig die Hände. Eingedenk des alten Vorurteils, dass jeder große Künstler mehr oder weniger einen an der Waffel habe, bietet der Foodtruck am Ausgang zu Ehren des genialen Niederländers „Herzhafte Gouda-Waffeln“ für 6,90 Euro an. Mit – Tusch! – Sonnenblumenkernen! Mehr van Gogh geht eigentlich nicht.

Oder vielleicht doch. „Ich habe die ,Seerosen‘ vermisst, das ist mein Lieblingsbild von van Gogh“, beckmessert eine junge Besucherin, bevor sie kraftvoll in die herzhafte Gouda-Waffel mit Sonnenblumenkernen beißt. Doch dann entspannt sie sich beim Betrachten des großen Kunstwerks „Frankfurt von südlicher Mainseite aus gesehen“. Diese Explosion der Farben, diese Dynamik, dieser unverwechselbare Pinselstrich! Ein typischer van Gott. Auch ein ganz Großer.

Info: Making van Gogh - Die Ausstellung im Städel-Museum in Frankfurt

  • „Making van Gogh“ ist im Städel-Museum, Schaumainkai 63, bis zum 16. Februar 2020 zu sehen.
  • Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs und am Wochenende von 10 bis 19 Uhr, donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr.
  • Einzeltickets kosten – je nach Besuchszeit – 14 bis 18 Euro. Das Familienticket gibt es für 30 Euro. Für Kinder unter zwölf Jahren ist der Eintritt frei. 
  • Zu sehen sind 50 Werke van Goghs: 43 Gemälde, sechs Zeichnungen und eine Radierung. Sie kommen zum Teil von weit her: „Segelboote am Strand von Les Saintes-Maries-de-la-Mer“ etwa aus dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam, „Bauernhaus in der Provence“ aus der National Gallery of Art in Washington. Die Ausstellung ist in drei Komplexe aufgeteilt: „Mythos“, „Wirkung“ und „Malweise“.
  • Rekordverdächtig ist die Ausstellung bereits jetzt. Die Macher rechnen mit einer halben Million Besucherinnen und Besuchern. Bisher stärkste Publikumsmagneten waren die Ausstellungen zu Monet (430 000 Eintritte) und Botticelli (370.000). 

Führungen im Städelmuseum erklären, wie deutsche Museen und Galerien Vincent van Gogh zur Geltung verhalfen.

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