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„Ein gesperrter Mainkai bedeutet eine Mehrbelastung für den Süden“

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Von: Sebastian Theuner

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Christian Becker auf der Kleinen Rittergasse in Sachsenhausen, wo es oft laut ist.
Christian Becker auf der Kleinen Rittergasse in Sachsenhausen, wo es oft laut ist. © Michael Schick

Ortsvorsteher Christian Becker spricht im Interview über die Folgen einer dauerhaften Sperrung am Main, über die Situation der Schulen und die Neugestaltung des Schweizer Platzes.

In einer Serie blicken wir zurück auf das Jahr in den 16 Ortsbeiräten. Was waren die wichtigsten Themen, die den Ortsbezirk in den vergangenen zwölf Monaten bewegt und beschäftigt haben? Welche Erfolge oder Niederlagen gab es für das Stadtteilparlament? Wie geht es im kommenden Jahr weiter? Heute der Ortsbeirat 5 (Niederrad, Oberrad, Sachsenhausen).

Herr Becker, die Stadt hat vor einem Jahr eine Machbarkeitsstudie zur Neugestaltung des Schweizer Platzes und der Schweizer Straße in Sachsenhausen vorgestellt. Der Ortsbeirat 5 fordert nun eine Alternativplanung. Ist es dafür nicht zu spät?

Wir befinden uns noch immer in einem frühen Planungsstadium. Eine alternative Planung, die beispielsweise die Straßenbahnhaltestelle nicht auf dem Schweizer Platz vorsieht, ist daher sinnvoll. Wenn die Bürgerinnen und Bürger mitentscheiden sollen, muss man ihnen auch etwas zum Abwägen vorlegen.

Der Standort der Straßenbahnhaltestelle ist dabei nur ein Aspekt?

Die Bürgerinnen und Bürger beschäftigt vor allem die Frage: Was passiert mit den Straßen, die bislang auf den Schweizer Platz münden? Werden sie zu Sackgassen? Werden sie in sich geschlossen sein? Oder aber werden sie weiter auf den Schweizer Platz führen? Es wird mehr Grün und mehr Aufenthaltsqualität geben. Die Frage aber ist, wie der Verkehr bei einer Minimierung der Verkehrsfläche sortiert wird.

Die Beteiligungsveranstaltungen der Stadt im November wurde von Bürgern und Bürgerinnen einerseits sowie Ortsbeiratsmitgliedern andererseits kritisiert und unter anderem als „Alibi-Veranstaltung“ bezeichnet. Teilen Sie diese Sichtweise?

Die Aussage einer „Alibi-Veranstaltung“ weise ich weit von uns. Es wurde von Seiten der Stadt nicht nur gesagt, dass etwas nicht geht, sondern auch, warum etwas nict geht. Der Platz in der Schweizer Straße ist nun mal begrenzt. Die Anzahl derer, die sich über die Beteiligungsformate beschwert haben, war gemessen an der Größe unseres Ortsbezirks aber relativ gering.

Viele Beschwerden gab es dafür über die Zustände in Alt-Sachsenhausen. Anwohner und Anwohnerinnen beklagen dort Lärm und Müll, den feiernde Menschen verursachen. Haben sich die Probleme verschärft?

Die Beschwerden per se sind nicht neu, die gibt es seit Jahren. Leider sind wir vom Magistrat nicht immer ausreichend gehört worden. Wir haben dort Gewerbefreiheit, das soll auch so bleiben. Aber die Stadt muss gucken, welche Regulierungsmöglichkeiten sie hat. Und wenn es mehr Präsenz von Polizei ist.

Auf einer Ortsbeiratssitzung im November warf Ihnen eine Anwohnerin des Viertels vor, nichts zu unternehmen. Liegen die Nerven der Betroffenen zunehmend blank?

Ich kann den Unmut nachvollziehen. Aber der Ortsbeirat macht seine Arbeit ehrenamtlich. Jemandem vorzuwerfen, dass er vormittags nicht zu erreichen ist, weil er arbeitet, finde ich unverschämt. Die meisten Äußerungen von Anwohnerinnen und Anwohnern sind sehr sachlich vorgetragen. Darum kümmern wir uns entsprechend. Dem Ortsbeirat per se Ignoranz vorzuwerfen – das ist einfach unzutreffend. Da stelle ich mich vor meine 18 Kolleginnen und Kollegen.

Was tut der Ortsbeirat, um die Lage in Alt-Sachsenhausen zu verbessern?

Wir haben statistische Zahlen abgefragt, etwa zur Anzahl der dort begangenen Straftaten in den vergangenen zwei Jahren. Und, ganz wichtig: Wir haben den Magistrat aufgefordert, im kommenden Frühjahr eine Informationsveranstaltung abzuhalten, bei der er gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern Rede und Antwort für seine Politik stehen muss.

zur person

Christian Becker (CDU) ist seit 2011 Vorsteher im Ortsbeirat 5. Der 45-jährige Gymnasiallehrer ist in Oberrad aufgewachsen und seit 2001 Mitglied des Stadtteilgremiums.

Der Ortsbezirk 5 ist mit gut 65 000 Quadratmetern Fläche der größte in Frankfurt. In den drei Stadtteilen Sachsenhausen, Oberrad und Niederrad leben 104 446 (Stand 30. Juni 2022) Menschen.

Die 19 Mandatssitze sind derzeit wie folgt verteilt: Grüne und CDU halten je fünf, die SPD verfügt über drei, FDP und Linke über je zwei und AfD sowie BFF über je einen Sitz.

Die erste Ortsbeiratssitzung des neuen Jahres findet voraussichtlich am 27. Januar 2023 um 19 Uhr in der Aula der Hochschule St. Georgen, Offenbacher Landstraße 224, statt. sth

Ebenfalls ein Dauerthema sind die Schulen im Süden, die teils seit Jahren mit Raummangel oder Schimmelbefall zu kämpfen haben. Konnten hier Fortschritte erzielt werden?

In Sachsenhausen konnte die Mühlbergschule kurz vor den Herbstferien in den Lettigkautweg zurückkehren. Dort gibt es nun ein modernes Schulgebäude, man hat es geschafft, den Altbau mit einem Neubau zu koppeln. Für Oberrad bekommen wir im Ortsbeirat voraussichtlich im Januar die Auslagerung der Gruneliusschule vorgestellt. Auch hier wäre dann eine Verbesserung erreicht, für die wir lange gekämpft haben.

Fehlende Schul- und Betreuungsplätze bleiben aber ein Problem, oder?

Frankfurt wächst. Weil immer öfter beide Elternteile arbeiten, muss man schauen, dass man eine Nachmittags- und Hausaufgabenbetreuung hat. Die Kinder müssen ein vernünftiges Mittagessen bekommen. Das trifft primär die Grundschulen, aber auch alle weiterführenden Schulen. Die Kapazitäten von Grundschulen müssen zudem die steigenden Bedarfe in den jeweiligen Bezirken decken. Das ist eine mordsmäßige Aufgabe. Auch bei den Betreuungsplätzen ist die Lage angespannt. Wenn eine Grundschule neu geplant wird, müssen aus meiner Sicht Hortplätze von vornherein mitgeplant werden. Es muss in allen Altersklassen nachgelegt werden.

Der nördliche Mainkai war im Sommer zum zweiten Mal für Autos gesperrt. Wie hat sich das auf den Frankfurter Süden ausgewirkt?

Fakt ist: Ein gesperrter Mainkai bedeutet eine Mehrbelastung für den Süden. Und es kann nicht sein, dass wir im Süden auf verkehrsentlastende Maßnahmen wie Radwege verzichten, weil der Autoverkehr über den Süden umgelenkt wird. Wir brauchen ein ganzheitliches Verkehrskonzept. Und wir leben nun mal mit dem Auto. Für viele ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen sichert das Auto Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das dürfen wir nicht vergessen.

Dennoch soll die dauerhafte Sperrung des Mainkais kommen. Was müsste sich bis dahin ändern?

Unter den derzeitigen Prämissen wäre eine dauerhafte Sperrung nicht vorstellbar. Der Fehler steckt im Ansatz: Zunächst sollte man darüber nachdenken, wie man es schafft, den Verkehr zu reduzieren, bevor man ihn auf andere Straßen verteilt. Der Verkehr muss großflächig bereits vor der Stadt abgefangen werden. Ebenso müsste der öffentliche Personennahverkehr aufgerüstet werden.

Würde das auch in Niederrad helfen? Dort bricht der Verkehr bei Veranstaltungen im Waldstadion regelmäßig zusammen.

Auch hier muss geschaut werden, dass wir entweder den öffentlichen Personennahverkehr verbessern oder mehr Parkmöglichkeiten schaffen. Gerade wenn auch noch irgendwann die Multifunktionshalle am Waldstadion gebaut wird, muss die Frage des Parkraums in noch größerem Maße berücksichtigt werden.

Dabei ist es wichtig, auch die Meinungen der Bürger und Bürgerinnen zu hören. Hat das dank der aufgehobenen Corona-Beschränkungen wieder besser funktioniert?

Ich bin sehr dankbar, dass wir jetzt wieder eine Bürgerfragestunde haben, wieder länger und in allen Stadtteilen tagen können und Vorstellungen von Projekten haben. Das ermutigt, wenn wir die Bürgerinnen und Bürger wieder mehr mit einbeziehen können. Wobei ich deutlich sagen möchte, dass wir auch zuvor immer für alle ansprechbar waren.

Interview: Sebasthian Theuner

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