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Das Innere der Lukaskirche heute.

Sachsenhausen

Gemeinde erinnert an einstige Pracht der „Frankfurter Bilderkersch“

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Bevor die Lukaskirche bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, pilgerten die Menschen zu ihr, um das prächtige Innere zu besichtigen. 

Dass das Innere der Lukaskirche einst so beeindruckend war, dass nicht nur alle Konfirmanden, sondern auch Touristen und Frankfurter zu ihr strömten, ist heute schwer vorstellbar. Nicht viel erinnert an die alte Pracht, die vor dem Zweiten Weltkrieg in der Gartenstraße zu finden war. Kahle Wände rahmen den Kirchenraum mit Holzbänken, Orgel und Altar ein.

„Hier etwa hing eines der Bilder des Malers Wilhelm Steinhausen“, sagt Pfarrer Volker Mahnkopp und zeigt auf ein leeres Rechteck auf hellgelbem Putz. Bei einer Passionsandacht in der kommenden Woche will der Geistliche acht Reproduktionen der Kunstwerke an die Wand projizieren. Das sei natürlich nur ein Hauch einer Idee von der Wirkung, die die Originale damals ausstrahlten.

Über die Grenzen der Stadt hinaus war das 1913 eingeweihte Gotteshaus als „Frankfurter Bilderkersch“ bekannt. Die Ausmalung des Innenraums war die umfangreichste und teuerste einer deutschen Kirche im 20. Jahrhundert. „Das muss ungeheuer eindrucksvoll gewesen sein“, sagt Mahnkopp. Augenzeugen berichten von der hellen, großen, bunten Kirche, das Gesamtwerk empfanden sie als imposant – weniger die Einzelbilder. Die Innenwände schmückten 20 großformatigen Ölgemälde, von denen Steinhausen viele während des Ersten Weltkriegs schuf. Der Künstler habe die biblische Geschichten seiner Bilder oft mit Motiven der Region illustriert, wie dem Rhein oder Hunsrück. Jesus und der Besessene von Gerasa etwa sind vor dem Loreleyfelsen zu sehen. Steinhausen habe an der Kirche sein Lebenswerk versucht, so Mahnkopp.

Die Rekonstruktion zeigt, wie die Kirche einmal ausgesehen haben könnte.

Davon ist nichts übrig geblieben. Bei den Bombenangriffen am 22. März 1944 zerstörten Brandbomben die Lukaskirche, sie brannte komplett aus. Eigentlich wurden bedeutsame Kunstgegenstände in Luftschutzräume gebracht. Doch obwohl die Kirche unter Denkmalschutz stand, beschloss man die Gemälde vor Ort zu belassen. Ausschlaggebend war wohl, dass sowohl der Maler als auch die Stifterin Rose Livingstone jüdische Elternteile hatten, sagt Mahnkopp. Somit galten sie als nicht schützenswert. Geblieben sind lediglich einige Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Skizzen und Entwürfe.

Mahnkopp, der seit 1995 Pfarrer der heutigen Maria-Magdalena-Gemeinde ist, hat sich tief in die Geschichte der Kirche eingearbeitet. Dabei fand er heraus, dass die Gemeinde während der NS-Herrschaft gespalten war. In der entscheidenden Zeit habe der Kirchenvorstand versagt, es wären andere Entscheidungen möglich gewesen.

Volker Mahnkopp ist seit 1995 Pfarrer in der Gemeinde.

So sagte denn auch ein Frankfurter Kirchen-Vorsitzender, Hans Scheffner, nach der Zerstörung öffentlich, es sei eine Strafe Gottes gewesen. „Man gab nicht den Briten die Schuld, sondern übernahm Verantwortung“, sagt Mahnkopp. Darum wurden auch ein Großteil des Aufbaus und die neue Orgel selbst finanziert. Die Orgel, die seinerzeit die größte und modernste in Frankfurt war, überlebte den Angriff ebenso wenig, von ihr blieb nur ein großer geschmolzener Klumpen, berichtet Mahnkopp. Arzt Albert Schweitzer spielte hier häufig. 1928 gab er nach der Verleihung des Goethepreises ein Konzert.

Blick auf den zerstören Chor, 1951.

Die Kirche wurde von 1951 bis 1953 wieder aufgebaut. Währenddessen feierte man den Gottesdienst in einer Notkapelle. Bei der Neugestaltung zog man eine Zwischendecke ein, und nutzt seitdem den unteren Teil als Gemeinderaum. In dieser Zeit bekam die Kirche auch ihre bunten Glasmosaikfenster. Bei der Innensanierung 2006 griff man die ursprüngliche Konzeption Steinhausens für die Farbgebung wieder auf: Blautöne als Symbol für Buße und Rottöne als Symbol für Gnade. Die rote Orgel stehe dem blauen Altarraum gegenüber, sagt Mahnkopp, und versinnbildliche eine gewisse Spannung, zwei Dualitäten.

Bei einer Passionsandacht wird am Donnerstag, 21. März, um 19.30 Uhr in der Lukaskirche, Gartenstraße 67, an die Zerstörung erinnert.

Die alte Lukaskirche in Sachsenhausen

Im Zuge der Südwest-Erweiterung der Stadt entstand 1903 mit dem neu erschlossenen Wohngebiet eine neue, wohlhabende Kirchengemeinde, die ihre Lukaskirche mit dem 41 Meter hohen Turm im Oktober 1913 einweihte.

Der Entwurf im Jugendstil stammte vom Frankfurter Architekten Carl Friedrich Wilhelm Leonhardt.

Vier der fünf nach 1922 aus Spenden (wieder) beschafften Bronzeglocken wurden 1942 konfisziert und, wie bereits im Ersten Weltkrieg, zu Kriegszwecken eingeschmolzen.

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