Renate Wagner (74) macht alles allein in ihrem 100 Jahre alten Laden in der Paradiesgasse.
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Renate Wagner (74) macht alles allein in ihrem 100 Jahre alten Laden in der Paradiesgasse.

Sachsenhausen

Bald gehen die Lichter endgültig aus

  • vonSabine Schramek
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Mit der Schließung von Elektro-Leiber verschwindet ein Stück Tradition aus Sachsenhausen.

Ihre rosa-weiß gestreifte Bluse ist tipptopp gebügelt. Die dünne Daunenweste in Bordeaux hebt das dünne weiße Perlenkettchen mit Jugendstilanhänger dezent hervor. Renate Wagner (74) steht mit blauer Maske über dem Mund hinter der langen 50er-Jahre-Holztheke mit gläsernen Fächern voller Stecker, Steckdosen und Schaltern. Hinter ihr ist ein großer Holzschrank voller kleiner Schubladen mit goldfarbenen Griffen. An dünnen Ketten schweben Deckenlampen über den Köpfen von Kunden. Die Tapete ist im 50er-Jahre-Stil mit grünen psychedelischen Kreismustern. Eine Bambustapete verbindet Schrank und Regale. Frische gelbe und rote Tulpen stehen auf einer Seite des Tresens, eine rote und eine gelbe Rose auf der anderen Seite.

Das Haus, in dem der jetzige Laden in der Paradiesgasse 63 ist, wurde 1959 erbaut. „Nach dem Krieg war ja alles zerstört. Bis auf das Haus nebenan.“ Wagner deutet auf ein handkoloriertes Foto gegenüber der Theke an der Wand. „Erbaut 1542, zerstört 1943“ steht darunter und zeigt die historischen Häuser mit der eingemeißelten Wandinschrift „Brod- und Feinbäckerei von Julius Leiber“.

„Stück für Stück hat mein Opa dieses Haus hier nach dem Krieg gebaut. Sechs Jahre lang hat es gedauert. Ich habe auf den Trümmern gespielt und Unkraut versetzt“, erinnert sich Renate Wagner. Bei ihrem Großvater hat sie ihre Lehre und ihren Abschluss gemacht. „Mit Note eins“. Bis auf sechs Jahre Pause arbeitet Wagner hier zwischen Lampenfassungen, Dimmern, Schaltern, Rotlichtgeräten, Wasserkochern, Adaptern, Bügeleisen, Rasierern, Trafos, Drähten, LED- und Halogenleuchten.

Defekte Geräte repariert

Bis vor kurzem hat sie auch noch defekte Geräte repariert. „Technisch ist das überhaupt kein Problem für mich, aber meine Hände machen nicht mehr richtig mit“, sagt sie schulterzuckend. Sie leidet an Arthrose. „Und es wird schlimmer.“ Jetzt berät sie ihre Kunden hauptsächlich. „Sie kommen rein und fragen, wie es geht. Dann frage ich, ob sie auch bei mir kaufen wollen oder nur den Rat haben möchten. Wer dann im Internet kaufen will, soll halt den Google fragen“, sagt sie selbstbewusst. „Es kann ja nicht angehen, dass sie nur mein Fachwissen wollen. Das gebe ich zwar gerne, aber ein bisschen Einkauf sollte schon dabei sein.“ Ihre blauen Augen funkeln. Bis 1986 hat sie gemeinsam mit ihrer Mutter das Geschäft geführt. Sie starb und Renate Wagner macht seither alles allein. Von der Schaufensterdekoration über Reparaturen bis hin zum Ein- und Verkauf.

„Einzelhandel in der Größe dieses Ladens lohnt sich heute nicht mehr. Darum findet sich auch niemand, der übernehmen möchte“, sagt sie klar und ist dennoch ein bisschen traurig. „Kunden kaufen im Internet, Ware muss vorfinanziert werden. Dazu kommen die Kosten der Berufsgenossenschaft, Krankenversicherung, IHK, weitere Versicherungen, Strom, Gas, Wasser. Man will ja auch etwas trinken und essen und einmal im Jahr in den Urlaub fahren.“ Das sei fast nicht mehr möglich. Seit Corona sei fast nichts mehr los bei ihr. „Die älteren Kunden trauen sich nicht raus, ihre Kinder bestellen die Sachen online.“

Seit dem 20. April hat sie wieder geöffnet. „Das ist besser, als zu Hause rumzusitzen, aber es ist bitter, dass kaum Kunden kommen.“ Erlebt hat sie vieles. Die Zeiten, als die Amerikaner noch Alt-Sachsenhausen bevölkert haben. „Da gab’s weniger Ärger als jetzt. Wenn es Stress gab, kam die MP vorbei. Dann war Ruhe“, erzählt Wagner, die früher Judo gemacht hat. Jetzt sei Rücksichtslosigkeit in Alt-Sachsenhausen Alltag. „Viele fordern und fordern, machen Dreck, sind unhöflich und selbstbezogen. Das Wort ‚danke‘ ist gerade nicht so in. Da lobe ich mir meinen kleinen Garten und die Pflanzen.“

Wagner überlegt, den Laden Ende des Sommers zu schließen. „Das Jahr wollte ich eigentlich noch durchhalten, aber meine Gesundheit macht wohl nicht so richtig mit.“ Nichts zu tun kommt für die waschechte Frankfurterin nicht infrage. „Vielleicht mache ich dann etwas Ehrenamtliches. Die Lockdown-Wochen waren schon sehr langweilig. Das mag ich nicht und das bin ich auch nicht.“

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