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Anwohnerin Elvira Dilba trauert um die gerade gefällten Bäume an der Breslauer Straße in der Fritz-Kissel-Siedlung.

Sachsenhausen

„Die Siedlung verliert ihren Charme“

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Anwohnerinnen und Anwohner der Fritz-Kissel-Siedlung in Sachsenhausen trauern um ihre Bäume, die im Zuge der Nachverdichtung gefällt wurden. Auch bei der geplanten Aufstockung der Häuser fühlen sich manche Mieter überrumpelt.

Es ging Knall auf Fall. Kaum hatte die Nassauische Heimstätte (NH) angekündigt, dass 24 Bäume in der Fritz-Kissel-Siedlung gefällt werden müssen, rückten die Bagger und Baumschneider schon an. Vor gut einer Woche fingen sie an, einen Baum nach dem anderen kurz und klein zu sägen.

„Ich habe die Nachbarn schreien gehört“, berichtet Anwohnerin Elvira Dilba von dem Drama, das sich an der Breslauer Straße abspielte. Sie selbst habe sich schnell vom Ort des Geschehens entfernt, um nicht mit ansehen zu müssen, wie der große Ahorn-Baum, dessen Zweige schon fast in ihren Balkon hineinragten, „geschlachtet wird“. Jetzt ist er weg. Vor ihren Fenster nichts als kahle Leere und der ungewohnt freie Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile.

Grund für die Fällungen ist, dass die Nassauische Heimstätte (NH) die Gebäude an der Breslauer Straße nach und nach um je ein Geschoss aufstockt. Geplant sind 120 Wohnungen. „Mit der Aufstockung fallen die Gebäude in eine höhere Gebäudeklasse und benötigen eine neue Feuerwehrzufahrt“, erklärt die NH. Die geplanten Feuerwehrzufahrten verliefen parallel zum Gebäude. Dort, wo noch vor kurzem die Bäume standen.

Eine Anwohnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, findet es schlimm, „dass 24 wunderschöne alte und kräftige Bäume der Aufstockung zum Opfer fallen“. Bäume, in denen viel Leben war: Eichhörnchen, die unter Artenschutz stehen, Vögel und kleine Insekten. Die Bäume boten Schatten, erhöhten die Lebensqualität, waren Symbol für Umweltschutz und Artenerhaltung. „Es gibt ein Förderprogramm der Stadt ,,Frankfurt frischt auf“, unsere Siedlung erfährt gerade das Gegenteil.“ So verliere die Siedlung, die unter Denkmalschutz stehe, ihren Charme.

Brückel sieht das anders: Der Charakter der Siedlung verändere sich nicht durch die Fällung, das stelle auch ein eigens beauftragter Landschaftsarchitekt sicher. Jeder Baum werde ersetzt. Ein schwacher Trost für die Anwohner, schließlich seien die Bäume nach ihrer Schätzung 70 Jahre alt gewesen.

Mieter fühlen sich überrumpelt

Auch die Pläne zur Aufstockung der Siedlungshäuser stoßen auf Kritik. Kenneth Haiav wohnt in einem der Häuser. Er sei nicht erfreut, „mein Abstellraum auf dem Dachboden fällt weg“. Erst hieß es, man bekomme im neuen Parkhaus einen Raum, das sei nun doch nicht so.

Sorge mache ihm der Baulärm. Die NH hatte angekündigt, dass die Mieter dieser Wohnungen für fünf Tage ausquartiert werden, in Hotels und Pensionen. Aber danach werde es ja immer noch laut sein, vermutet Haiav.

Laut NH-Sprecher Patrick Brückel sei man derzeit auf der Suche nach Ausgleichsflächen für die Abstellräume der Mieter. Zum Schutz vor Baulärm werden zwischen der Zimmerdecke des Mieters und dem Fußboden der aufgestockten Wohnung ein gut gedämmter Zwischenraum eingesetzt, sodass vom Innenausbau so gut wie keine Lärmbelästigung zu erwarten sei, so Brückel.

Haiav fühlt sich überrumpelt. Monatelang habe man nichts gehört, nun komme alles auf einmal. Mietern, mit denen er gesprochen habe, gehe es ähnlich.

Brückel widerspricht: „Wir sind sehr früh in die Kommunikation gegangen.“ Bereits bei Vorbesichtigungsterminen 2019 habe die NH über die Aufstockung informiert. Weitere Details folgten, nachdem die Stadt ein positives Signal zum Bauantrag gegeben habe. Als Corona kam, habe man extra eine virtuelle Mieterversammlung einberufen.

In den kommenden Wochen, so Brückel, werden die restlichen Bäume gefällt. Die Bäume am Ziegelhüttenweg müssten erst zu einem späteren Zeitpunkt weichen, sobald dort modernisiert werde. (mit Stefanie Wehr)

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