Sehr nah und tief neben der alten Villa in der Darmstädter Landstraße wird derzeit gebaut.
+
Sehr nah und tief neben der alten Villa in der Darmstädter Landstraße wird derzeit gebaut.

Sachsenhausen

Sachsenhausen: Angst um alte Villa

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
    schließen

Neben der alten Villa in der Darmstädter Landstraße 109 entstehen mehr als 200 Wohnungen. Bewohner und Historiker fürchten, dass das denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1898 in Mitleidenschaft gezogen wird.

Die alte Villa in der Darmstädter Landstraße 109 mit wildem Wein bewachsen und dem großen Garten ist von der Straße kaum zu sehen. An Gartentischen und Stühlen können es sich die Bewohner unter hohen Bäumen gemütlich machen. Am Ende des Gartens ist es allerdings mit der Idylle vorbei. Ein großes Baugrundstück mit Zugang vom Hainerweg öffnet sich unmittelbar davor. Der neue Henninger Turm reckt sich daran angrenzend in den Himmel. Lärm dringt herüber. Auf dem Gelände sollen rund 270 Wohnungen entstehen mit bis zu acht Stockwerken und einer großen elf Meter tiefen, mehrstöckigen Tiefgarage, sagt Rudolf K. Wagner.

Wagner ist Historiker und hat eine besondere Verbindung zu dem mehr als 100 Jahre altem Gebäude. Sein Großvater Rudolph Henrich lebte einst mit seiner Familie in dem Haus. Vor einigen Jahren hat Wagner ein Buch über die Villa mit den Ergebnissen seiner Forschungen über die wechselvolle Nutzung der Villa mit vielen Dokumenten und Bildern veröffentlicht.

Die bisherigen Abrissarbeiten mit schwerem Gerät haben die Bewohner der Villa, die nicht namentlich in der Zeitung erwähnt werden möchten, sehr beunruhigt. Die heftigen Erschütterungen seien im Haus deutlich zu spüren gewesen. Wagner befürchtet ebenfalls, dass Risse und Schäden am Gebäude auftreten könnten. „Ich vermute, dass diese Beeinträchtigungen noch heftiger beim Aushub der alten Kellergewölbe auftreten werden.“ Das stehe wohl unmittelbar an.

Wagner hatte seine Bedenken dem Denkmalamt mitgeteilt, und auf Unterstützung gehofft. Die Eigentümerin, die FAAG, eine Tochtergesellschaft der ABG unternehme seiner Meinung nach nicht genug, um dokumentieren zu können, falls Schäden an der Villa auftreten sollten.

Die Geschichte der Villa
Die Villa wurde 1898 auf dem Grundstück der Brauerei Joh. Gerh. Henrich vom Firmenbesitzer Carl Friedrich für die Familie seines Sohnes als Einfamilienwohnhaus gebaut. Mitte der 1930er zog eine Führerinnenschule des BDM dort ein. Wahrscheinlich kam sie 1943 im Zuge einer Zwangsversteigerung in den Besitz der Stadt.

1945 zogen die Diakonissen ein, um unter anderem einen großen Kindergarten der Dreikönigsgemeinde zu leiten. Die Dreikönigsgemeinde, Berg- und Südgemeinde unterhielten nach deren Auszug bis 1974 weiterhin den Kindergarten, ihr Pfarrer Fritz Creter wohnte viele Jahre in der Villa.

1976 mietet das „Institut Cultural Affairs“ die Villa von der Stadt. Der Mietvertrag wurde 2000 an die derzeitigen Eigentümer, die FAAG, umgeschrieben. Seitdem wohnt dort eine gelegentlich wechselnde Hausgemeinschaft. 

Die Leiterin des Denkmalamts, Andrea Hampel, sieht das anders: Natürlich achte man darauf, dass dem Kulturdenkmal kein Schaden zustößt, sagt sie. Aber es habe keinen Hinweis darauf gegeben. Man habe ein Beweissicherungsverfahren in die Wege geleitet, das sei so üblich. Man werde es auch weiter beobachten. Aber es sei schließlich nicht selten in Frankfurt, dass sehr dicht am Nachbargebäude gebaut werde.

Ähnlich äußert sich Frank Junker, Geschäftsführer der ABG. Bevor Bauarbeiten anstünden, stelle man den Zustand fest und wenn diese beendet seien, erneut. Falls man Veränderungen oder Schäden feststelle, müsse das der Nachbar ausbessern oder ersetzen.

Wagner bedauert darüber hinaus, dass die Villa rundherum zugebaut wird und dadurch ganz viel von ihrem Charme verliere beziehungsweise bereits verloren hat. Wenn man bedenke, was alles einmal zum Grundstück der Villa gehörte und mit Umspannwerk in der Geleitsstraße und Wohnhochhaus bereits zugebaut wurde, wo früher nur Gartengrundstück war, kann man eigentlich nur sehr wütend sein, sagt Wagner.

„Was muss diese Villa auf dem unbebauten Grundstück früher mal ein Juwel gewesen sein.“ Welchen Wert hat diese Villa noch als amtlich geschütztes Denkmal, die für eine frühere Zeit ein einzigartiges Zeugnis ablegt, wenn nur noch die Bewohner und ihre Besucher Notiz von ihr nehmen können, fragt sich Wagner. Schade sei auch, dass lediglich die Villa unter Denkmalschutz stehe und nicht das Ensemble mit Zufahrt und dem kompletten Garten, so wie es 1898 geplant und angelegt worden war.

Solange der Denkmalschutz für die Villa nicht aufgehoben werde, um den Platz für einen weiteren Wohnblock lukrativ zu veräußern, solange könne die jetzige gut harmonierende Hausgemeinschaft in dem versteckt liegenden Haus das Zusammenleben aller Altersgruppen fortführen, findet Wagner.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare