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Polizei (Symbolbild)

Frankfurter Amtsgericht

Frankfurt: Mit 120 Sachen durch Sachsenhausen

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Nach einer Verfolgungsjagd übt sich das Amtsgericht im Geschwisterraten. Polizisten werden nun doch geladen, um einen Fahrer zu identifizieren. 

Als der Angeklagte um 14.20 Uhr vor das Amtsgericht gerufen wird, betritt ein bedrohlich wirkendes Quartett den Saal. Alle vier Männer sehen aus, wie Bushido es täte, wenn der als kleines Kind in einen Kessel voll Zaubertrank gefallen wäre. Der größte und finsterste der Hünen nimmt auf der Anklagebank Platz, die anderen drei im Zuschauersaal. „Kommt auch noch ein Anwalt?“, fragt der Richter. „Ich bin der Anwalt“, sagt der Mann, zieht seine Robe an und winkt einen der drei Bushidobelixe aus dem Publikum an seine Seite: Hussein F. (31), angeklagt der straßenverkehrsgefährdenden Raserei.

Laut Anklage entzog sich Hussein F., nach eigenen Angaben gelernter Maschinenbauer, am 5. Juli 2018 gegen 3 Uhr am Steuer eines AMG-Mercedes in der Darmstädter Landstraße einer Verkehrskontrolle. Er raste mit mehr als 120 Kilometer pro Stunde durch Sachsenhausen, auch durch Tempo-30-Zonen, bretterte über zwei rote Ampeln, gab am Oberforsthaus richtig Gas und hängte seine Verfolger ab.

Beweismängel mitgebracht

Schlimm, sagt der Anwalt, aber nicht die Schuld seines Mandanten. Bereits vor ein paar Wochen sei am Amtsgericht ein anderes Ordnungswidrigkeitsverfahren, „die ihm angelastet wurde“ und die er 20 Minuten vor der jetzt angeklagten Raserei begangen haben sollte, mangels Beweisen eingestellt worden. Die Beweismängel habe er mitgebracht: Es handele sich um zwei von Husseins zahlreichen Brüdern, Ahmed (35) und Abbas (23). Wie man sehe, seien die beiden vom Original mit dem menschlichen Auge nicht zu unterscheiden, aber einer der beiden sei damals gefahren. Welcher, verrate man aber nicht, weil: „Sind Brüder!“ Und der als Zeuge in der letzten Verhandlung geladene Polizist habe einen der Brüder nicht vom anderen unterscheiden können. Das klingt glaubhaft.

Ahmed und Abbas haben sichtlich viel Spaß an dem Prozess, verweigern aber die Aussage, weil: „Ist Bruder!“ Husseins Aussage beginnt in einer Shisha-Bar und endet damit, dass er einem seiner Brüder den AMG-Schlüssel gegeben habe, aber er verrate nicht wem, weil: „Sind Brüder!“ Höhepunkt der Konversation zwischen Richter und Angeklagtem: „Welche Farbe hatte die Jacke, die Sie in dieser Nacht trugen?“ „Schwarz!“ „Welches Material?“ „Wellensteyn!“

Wenig Licht im Dunkel

Auch die Aussage der Freundin Husseins bringt wenig Licht ins Dunkel. Sie war in jener Nacht mit den dreien unterwegs. „Sind Brüder“, erinnert sie sich, aber sonst an wenig, weil sie dafür zu betrunken gewesen sei. Außerdem hätte sie gerne einen Gerichtsbeleg für die Schule, die sie wegen des Prozesses heute morgen nicht habe besuchen können.

Das Gericht setzt daraufhin einen zweiten Verhandlungstag an und will nun doch die erst nicht geladenen Polizisten, die in dieser Nacht mehr oder weniger die Nähe der drei Brüder gesucht hatten, als Zeugen hören. Möglicherweise könne ja einer der Beamten den Fahrer identifizieren.

Unwahrscheinlich, aber der nächste Verhandlungstag beginnt um 8 Uhr morgens, und wie frühe Vögel sehen Hussein & Gebrüder nicht gerade aus. Vielleicht ist das ja Strafe genug.

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