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Viele Frankfurter sind mit dem Fahrrad unterwegs.

Warnstreik im Nahverkehr

Auf Umwegen irgendwie doch noch zum Ziel

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  • Carolin Diel
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Fast der komplette Nahverkehr in Frankfurt stand durch den Warnstreik still. Der Ausstand der VGF-Fahrer lässt viele Menschen ratlos zurück.

Die Anzeigetafel an der U-Bahnstation Weißer Stein weist auf den Streik hin. „Die VGF wird bestreikt“ blinkt es dort. Unter der Tafel sitzen an diesem Mittwochmorgen etwa ein Dutzend Menschen und warten auf die U-Bahn, die nicht kommen wird. Als es einem dämmert und er die anderen informiert, trotten die Werktätigen zur benachbarten Bushaltestelle, wo der Schienenersatzverkehr üblicherweise abfährt. Gelernt ist gelernt.

Doch an diesem Mittwoch gibt es auch keinen Schienenersatzverkehr. Ein Pendler aus der Wetterau drückt auf seinem Smartphone herum. „Keine Ahnung, wie ich hier wegkomme“, sagt der Pendler und gesteht, dass er davon ausgegangen sei, dass der Streik an Ostern ist. Ärgerlich für ihn: Er saß in der S6, mit der er bis Hauptbahnhof hätte durchfahren können. Aber gewohnheitsmäßig stieg er an der Haltestelle Eschersheim aus.

Die Station ist jetzt leer, bis auf eine Dame, die auf ihrem Smartphone herumdrückt. Sie muss über sich selbst lachen, als sie erfährt, dass keine U-Bahnen fahren. „Da kann ich ja lange warten.“ Die Eschersheimerin arbeitet an der Alten Oper, jetzt will sie das Auto von zu Hause holen und selbst fahren.

Der Streik der U-Bahn und Straßenbahnfahrer trifft die Pendler ins Mark. Viele können es gar nicht glauben, dass die U-Bahn nicht fährt auf einer Strecke, auf der sonst alle drei Minuten verlässlich eine Bahn Richtung Innenstadt und Südbahnhof fährt. Die Gewerkschaften bezeichnen den Streik als vollen Erfolg, wie auch Landesstreikleiter Ronald Laubrock von Verdi verkündet. „Wir haben unser Streikziel voll erreicht.“

An den Warnstreiks im Öffentlichen Dienst beteiligten sich auch Beschäftigte der Müllabfuhr und der Stadtentwässerung. Doch nirgends waren die Auswirkungen so extrem wie bei U- und Straßenbahnen, wo mit den Busfahrern in Offenbach und Wiesbaden insgesamt 2000 Beschäftigte im Ausstand waren. „Der kommunale Nahverkehr stand wie geplant“, vermeldet Verdi.

Auf die Variante das eigene Auto zu nutzen, setzen allerdings nicht viele an diesem Morgen, die Eschersheimer Landstraße stadteinwärts wirkt wegen der Osterferien eher leerer. Viele setzen auf den Bus. Die Linie 32, die von Bornheim an die Bockenheimer Warte fährt, ist gut gefüllt. An der Haltestelle Miquelallee steigt auch Jonas Bischof aus. Er hat einen kleinen Koffer und Skier dabei und will nun umsteigen in den 64er Richtung Hauptbahnhof. „Eigentlich hätte ich an der Nationalbibliothek nur in die U5 steigen müssen“, sagt Bischof, der unterwegs zum Skifahren in die Schweiz ist. Stattdessen jetzt also umsteigen und zweimal mit dem Gepäck in den vollen Bus. Die Idee, ein Taxi zu nehmen, hat er verworfen. „Wenn man ein Landesticket hat.“ Der 64er kommt und ist schon gut gefüllt. Bischof quetscht sich als letzter rein mit seinen Skiern. Aber nicht alle kommen mit.

Einige haben sich von den Menschenmassen an den Bushaltestellen abschrecken lassen und flüchten sich zu einem der Mietfahrräder der Bahn. Viele andere schenken den Bussen ebenfalls keine Beachtung und steuern direkt den Taxistand an. „Ich müsste mit dem Bus zweimal umsteigen, da brauche ich ja ewig“, sagt eine Frau in der Taxischlange am Hauptbahnhof. „Zu voll“, „zu langsam“, „zu umständlich“ heißt es von anderen. Als alternatives Transportmittel beim heutigen Streik stehen die Busse bei vielen Reisenden am Hauptbahnhof offensichtlich nicht hoch im Kurs.

Der VGF-Mitarbeiter rät immer wieder zum Laufen

Um 8.15 Uhr ist der Taxiparkplatz so gut wie leer. Jedes Taxi, das hier einbiegt, wird sofort von allen Seiten in Beschlag genommen. Ist ein Fahrgast zur einen Tür raus, drängt sich zur anderen Tür schon der nächste auf die Rückbank. Gegen 8.30 Uhr hat sich vor dem Taxistand eine meterlange Schlange gebildet. Mit jeder S-Bahn, die wegen der Tunnelsperrung am Hauptbahnhof endet, wird sie länger und länger. Eins ist sicher, für die Taxifahrer hat sich der Streik auf jeden Fall gelohnt.

Leidtragende hingegen sind die Servicemitarbeiter, die Auskünfte erteilen. Der VGF-Mitarbeiter vor dem Eingang der U4 in der B-Ebene am Hauptbahnhof kommt kaum zum Luftholen. Auf einen hilflosen Reisenden folgt der nächste. „Wie komme ich zur Konstablerwache?“, fragt eine ältere Dame, „welche Bahn fährt zur Taunusanlage?“, fragt eine andere Frau. „Was ist hier eigentlich los?“, will ein junger Mann wissen. Der VGF-Mitarbeiter stellt sich geduldig den Fragen. Er hat sich heute eine Standardantwort zurechtgelegt, die er wie eine Bandaufnahme immer wieder abspult: „Zur Konstablerwache? Am besten zu Fuß“, „zur Taunusanlage? Am besten zu Fuß“. „Die U-Bahnen fahren heute nicht, gehen Sie am besten zu Fuß.“

Ob die U- und Straßenbahnen nochmal bestreikt werden, ist noch unklar. Die dritte Verhandlungsrunde für die 2,3 Millionen Beschäftigten des Bundes und der Kommunen ist am 15. und 16. April in Potsdam. Bis dahin ist zumindest der S-Bahntunnel wieder befahrbar.

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