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Gesetzgebung

Russisches Roulette ohne Anschnallen

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Seit Jahren versucht die Justiz, den Autorennen ein Ende zu setzen, bevor sie begonnen haben.

Der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) bezeichnete sie als „russisches Roulette auf deutschen Straßen“. Um den illegalen Autorennen Einhalt zu gebieten, hatte der Bundestag im Juni 2017 ein neues Gesetz beschlossen, seit dem 13. Oktober 2017 ist es in Kraft. Durch den Paragrafen 315d erwarten Rennfahrer nun deutlich höhere Strafen.

Illegale Autorennen müssen nun nicht mehr als Ordnungswidrigkeit, sondern können als Straftaten bewertet werden. Teilnehmern drohen Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren. Werden dabei fremde Leben über das übliche Maß hinaus gefährdet, kann das Strafmaß auf fünf, werden sie beendet, bis auf zehn Jahre steigen. Es geht aber auch ganz anders: Im Februar 2017 hatte das Berliner Landgericht zwei Totraser wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt – das Urteil war allerdings vom Bundesgerichtshof wieder gekippt worden.

Was für viele der Raser aber die Höchststrafe bedeutet, ist, dass für illegale Rennen, aber auch für andere Arten des rücksichtslosen Heizens, Auto und Führerscheine auch ohne Todesopfer und Verletzte einkassiert werden können. Auch wenn viele der Rennautos nur gemietet sind und ihr Verlust daher verschmerzbar ist, kommt ein Führerscheinentzug in Raser- und Poserkreisen einer Kastration von Amts wegen gleich.

Seit Jahren bemüht sich die Justiz, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Auch vor dem Paragrafen 315d gab es dafür Möglichkeiten. So hatte das Frankfurter Landgericht im Dezember 2016 den 22 Jahre alten Yassine A. wegen Totschlags zu einer vergleichsweise hohen Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt. A. hatte im April 2015 am Schwanheimer Ufer, an dem er mit einem geliehenen 300-PS-BMW mit Tempo 140 entlanggerast war, einen 43-Jährigen totgefahren.

Anschnallen gilt als unmännlich

Vor Gericht gab sich A. zerknirscht: Er sei sonst lediglich Kleinwagen gefahren und von der Motorkraft des Boliden regelrecht überrumpelt worden. Blöde nur, dass A. schon mehrfach als Verkehrsrüpel in Erscheinung getreten war, nur wenige Wochen nach der Todesfahrt auf Facebook ein Grinseselfie mit einem 585-PS-Mercedes postete und auch sonst ganz gut Bescheid wusste.

Denn in Raser- und Poserkreisen gilt Anschnallen als extrem unmännlich. Da moderne Autos Gurtmuffel aber mit Piepton bestrafen, führen Profiraser gerne eine lose Gurtschnalle mit sich, damit sie in Ruhe rasen können, ohne um ihre Männlichkeit fürchten zu müssen. Eine solche hatte auch Yassine A. dabei.

Ein Autorennen aber leugnete er, und es war ihm nicht nachzuweisen, auch wenn seine Kumpels dieselbe Straße zeitgleich in nur leicht langsamerem Tempo entlanggefahren waren. Noch immer fällt es den Gerichten schwer, ein Rennen zu beweisen. Auch wenn es keiner Verabredung, keines klaren Ziels und keines eindeutigen Gewinners bedarf – ein gegenseitiges Kräftemessen muss nachweisbar sein.

Manchmal hat die Jagd auf Raser auch unerwartete Nebenwirkungen. Nach dem Diebstahl der 100-Kilo-Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Berliner Bode-Museum kam die Polizei den mutmaßlichen Tätern auch durch Goldstaubreste in einem Auto auf die Spur: Es war nach einem Autorennen konfisziert worden.

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