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Rundgang der Kunstpädagogik in Frankfurt

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Die rund 550 Studierenden des Instituts für Kunstpädagogik in Frankfurt-Bockenheim zeigen teils politische Arbeiten, etwa zu den Schattenseiten des Kapitalismus. 

Es ist einer der letzten Rundgänge am Institut für Kunstpädagogik in der Bockenheimer Landstraße 1–3. Denn das Institut zieht um, auf den Campus Westend, voraussichtlich im Frühjahr 2021, in einen Neubau, den es sich mit dem Fachbereich 9 teilt.

Die rund 550 Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen, etwa neun von zehn sind weiblich, haben den Rundgang in diesem Jahr unter das Motto „Kunsträume(n)“ gestellt. Ein Wortspiel, das den Umzug aufgreift.

„Man spürt, dass es für viele einen Einschnitt darstellt, es gibt unter den Studierenden das Bewusstsein, der letzte Jahrgang an diesem traditionsreichen Standort zu sein“, sagt Professorin Kerstin Gottschalk, die am Institut den Schwerpunkt Malerei und Grafik leitet. Gemeinsam mit Ursula Döbereiner und Team organisiert sie den Rundgang.

In den vier Stockwerken des Hauptgebäudes, im Keller, der Garage, der Ausstellungshalle sind Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Videoarbeiten, Soundprojekte sowie Rauminstallationen zu sehen. Einige Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeiten sich hervorheben, dürfen ganze Räume bespielen. Auch in diesem Jahr sind viele Arbeiten darunter, die sich kritisch mit der gesellschaftlichen Situation auseinandersetzen.

Rundgang der Kunstpädagogik

Der Rundgang des Instituts für Kunstpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt hat am Donnerstagabend unter dem Motto „Kunsträume(n) eröffnet. Die Ateliers in der Sophienstraße 1-3 sind für die Öffentlichkeit am Freitag, 14-20 Uhr, und Samstag, 12-20 Uhr, zugänglich. Am Freitag, 18 Uhr, findet in Raum 306 ein Gespräch mit Frankfurter Kollektiven statt unter dem Titel „Dazwischen//geräumt - wie lässt sich städtischer Übergang künstler*isch nutzen?“ Die Rundgangsparty ist am Samstag, 23 Uhr, in der Ausstellungshalle. Der Eintritt beim Rundgang ist frei. Website: www.sophienstrasse1-3.de 

Etwa in der Ausstellungshalle: Schwarzes Granulat liegt im Schein von Leuchtstoffröhren unter einer Rampe, Abertausende Kügelchen, fein sortiert. Wie viele es sind, lässt sich nur vermuten, vielleicht mehr als eine Million, darauf deutet zumindest der Titel der Arbeit von Yasmine Sophie Adam hin: „1 056 164 Leben in zwölf Stunden“. In zwölf Stunden, hat die Künstlerin recherchiert, würden in Deutschland 1 056 164 Tiere geschlachtet, Küken, Hühner, Schweine, Rinder, um die Kühlregale der Supermärkte zu füllen oder wie die Schredder-Küken in den Müllverbrennungsanlagen zu enden. Eine Schattenseite des Kapitalismus.

Eine andere zeigt Luisa Reuscher. Sie hat einen Raum in der Ausstellungshalle mit Kassenzetteln tapeziert, Wände, Rohre, Fenster und die Heizung beklebt, mit Bons von Rewe, Tchibo, Flying Tiger, Siesmayer und dergleichen mehr. Tütenweise habe sie, gemeinsam mit Freunden, die Zettel aus Thermopapier gesammelt, das nicht ins Altpapier gehört, sondern in den Hausmüll, der in Frankfurt im Müllheizkraftwerk Heddernheim verbrannt wird. Täglich kommen so unfassbare Mengen an Papier zusammen, das kurz nach dem Ausdrucken weggeworfen wird, das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Seit Januar muss auch der Einzelhandel, unter anderem die Bäckereien, die elektronische Kassen haben, Kassenzettel verteilen, wodurch sich das Müllproblem verschärft.

Einen anderen Aspekt der Verschwendung zeigt Madeleine Heck, die Styropor und Plastikfolie, welche unter anderem bei Paketlieferungen anfallen, in einem Anbau der Ausstellungshalle drapiert hat. Auf dem Boden steht ein Glas mit Mehlwürmern, die Styropor fressen. Fünf Gramm pro Tag würden die Mehlwürmer verdrücken, sagt Gottschalk. Gegen die Müllberge, welche die Verpackungsindustrie produziert, kämen nur riesige Mehlwurmfarmen an.

Dem Körper der Frau als Medium der Kunst widmen sich Jou Preuß, Lina Lätitia Blatt und Noa Peifer auf unterschiedliche Weisen. Jou Preuß hat den altehrwürdigen Sitzungssaal des Instituts, in dem ab den 1960er Jahren vornehmlich Männer tagten, mit Toilettenpapier ausgelegt, das rot von Menstruationsblut gefärbt ist. Neben der Aneignung des männlich dominierten Raums 314 gehe es ihr um die Sichtbarmachung der Menstruation, die immer noch einem Tabu unterliege, sagt Gottschalk.

Im Keller des Hauptgebäudes haben Lina Lätitia Blatt und Noa Peifer 3-D-Klitoris-Modelle genäht und auf Tellern angerichtet, wobei sie sich auf Judy Chicagos „The Dinner Party“ beziehen, wie sie sagen, aber auch auf Odile Fillod, die 2016 die erste dreidimensionale Klitoris geschaffen hat. „The Inner Party“ heißt das Kunstwerk, eine Sichtbarmachung des weiblichen Geschlechts, eine Brechung des männlichen Blicks, ein Ausdruck von Empowerment, der sich auch auf Instagram fortsetzt. Dort zeigen die Künstlerinnen unter „glitterclit_“ 3-D-Klitoris-Modelle in unterschiedlichen Posen. Die Modelle kämen mittlerweile auch in der Sexualberatung zum Einsatz, sagen sie.

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