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Bei Erlensee siedeln sich immer mehr Logistikunternehmen an.

Frankfurt wächst

Rund um Frankfurt wachsen die Logistikhallen in die Breite

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In Frankfurt wird immer mehr online eingekauft – mit Folgen für die Kommunen im Umland.

Riesige Hallen ragen an den Autobahnen rund um Frankfurt empor. Meist mehr als baumhohe Lager, Umschlag- und Verteilzentren, die die stark wachsende Region mit Waren versorgen, sind auf Ackerflächen und Wiesen entstanden. Und es werden noch viel mehr. Noch brummt die Wirtschaft in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet. Die Bewohner im Ballungsraum haben eine überdurchschnittliche Kaufkraft. Und gerade sie bestellen immer mehr Schuhe, Bücher, Pullis, Parfüms, Spielwaren im Internet und lassen sie sich nach Hause liefern.

Frankfurt ist das mit Abstand größte Logistik- und Verkehrsdrehkreuz in Deutschland. In keiner Großstadtregion ist die Nachfrage nach Logistikimmobilien so hoch. Entsprechend kräftig wird gebaut. Riesige Hallen entstehen überall. Immobilien mit 100 000 Quadratmeter Fläche wie in Lich bei Gießen, mit mehr als 80 000 wie im südhessischen Bürstadt, mit 70 000 Quadratmetern wie in Elsenfeld im Landkreis Miltenberg. Nach Zahlen des Maklerhauses Colliers sind derzeit in der Metropolregion um die 670 000 Quadratmeter neue Logistikfläche in Bau oder geplant.

Überwiegend entstehen die Großprojekte im weiteren Umland Frankfurts. Innerhalb der Großstadt gibt es kaum noch Flächen für große Hallen, auch im engeren Umkreis werden diese rar. Viele einst militärisch oder industriell genutzte Areale sind schon zu Logistikzwecken umgewandelt worden. Was es in und um Frankfurt herum noch gibt an Flächen, ist sehr teuer. Im Stadtgebiet kosten Baugrundstücke für Logistik nach Zahlen von Colliers 180 bis 600 Euro pro Quadratmeter. Auch Offenbach und der Kreis Offenbach, Darmstadt und der Kreis Darmstadt-Dieburg sind mit bis zu 500 Euro pro Quadratmeter nicht eben günstig. Kein Wunder, dass Projektentwickler sich immer weiter nördlich und östlich von Frankfurt umschauen, wo es teils noch Flächen ab 35 Euro pro Quadratmeter gibt, die an oder in Nähe von A5, A7 oder A66 liegen.

Immer den Überblick behalten - eine logistische Herausforderung.

Auch in Gewerbegebieten im Rhein-Main-Gebiet stehen Logistikimmobilien leer. Doch die Nachfrage nach älteren Gebäuden ist, wie Nina Ewald, Logistik- und Industrieexpertin bei Colliers in Frankfurt, sagt, gering. Diese seien oft nicht groß genug. Eine Umwandlung, etwa durch Abriss und Neubau, sei den Entwicklern meist zu langwierig und damit auch zu teuer. Eine Logistikhalle auf dem Acker könne dagegen in acht Monaten stehen, sagt Ewald.

Viele Menschen in der Region sehen die Entwicklung mit großer Sorge, ja mit Wut. Sie wollen nicht hinnehmen, dass immer mehr Flächen im ländlicheren Raum mit riesigen Hallen bebaut werden, dass die Zersiedlung zunimmt, Grün verschwindet, der Lastwagenverkehr wächst und wächst – und sie wehren sich gegen die Neubauprojekte. Heftigen, bisher vergeblichen Widerstand gibt es etwa gegen den Bau eines Rewe-Lagers in Wölfersheim.

Zu den schärfsten Kritikern der wachsenden Flächenversiegelung durch Logistikimmobilien zählt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Dessen Landesvorsitzender, Jörg Nitsch, weist etwa auf die Zerstörung wertvoller Böden hin, die der Bau der riesigen Betonklötze mit sich bringt. Auch aus anderen ökologischen Gründen fordert der BUND, dass in Hessen höchstens ein Hektar Land pro Tag versiegelt wird. Langfristig pocht er auf die „Netto-Null“. Das hieße: für jede neu versiegelte Fläche entsprechend große Flächen zu entsiegeln. Umso schärfer kritisiert Nitsch, dass das neue regionale Entwicklungskonzept für Südhessen eine deutliche Ausweitung der Logistikflächen vorsieht. Bisher sind 980 Hektar Fläche logistisch genutzt, künftig sollen es 1250 Hektar sein dürfen. Das Argument, die Logistik schaffe Arbeitsplätze, lässt Nitsch nur zum Teil gelten. Zum größten Teil entständen schließlich schlecht bezahlte Jobs.

Klar hält es der BUND für nicht eben vernünftig, wenn Menschen in Frankfurt dreimal die Woche etwas im Internet bestellen – und sich das in Last- und Lieferwagen an die Haustür bringen lassen, statt in der Innenstadt einzukaufen. Dass sehr schnell alle umdenken – und der Bedarf an Logistikflächen stagniert oder abnimmt, glaubt Nitsch nicht. Neue Logistikflächen sollten nach seinen Vorstellungen aber nur noch durch Konversion, die Umnutzung versiegelter Flächen entstehen. Dafür müsse die Politik aber den Druck auf Eigentümer erhöhen, damit diese ihre Flächen nicht liegen lassen, sondern neu entwickeln. Eine Möglichkeit sei auch, mehrgeschossige Hallen zu bauen. Technisch gehe das, sagt auch Maklerin Nina Ewald. Konzepte für Hallen, die auf zwei Stockwerken LKW-Rampen bieten, gebe es schon eine ganze Zeit. Auf dem Logistikmarkt spielten diese aber noch keine Rolle.

Unsere Serie „Frankfurt wächst“

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800 000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden? Mehr Texte unserer Serie „Frankfurt wächst“ gibt es als Plus-Inhalte in der Zeitung, im E-Paper und der FR+ App.

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