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Hans-Joachim Grochocki mit einem wichtigen Arbeitsgerät, der Wahlurne.

Frankfurt

Ruhestand nach 41 Jahren

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Hans-Joachim Grochocki, Leiter des Wahlamtes, geht nach 41 Jahren in Rente. Er schulte Besucher aus aller Welt in der Organisation von Urnengängen.

Männer wie er halten das demokratische Gemeinwesen zusammen. 40 Jahre und elf Monate lang hat Hans-Joachim Grochocki in Frankfurt Wahlen organisiert. 54 Urnengänge kamen so im Lauf der Zeit zusammen – von der europäischen Ebene bis zum Frankfurter Stadtoberhaupt. Jetzt tritt der 65 Jahre alte Beamte seinen Ruhestand an. Das Motto seiner Arbeit formuliert er mit einem Lächeln: „Wenn es so aussieht, als ob es selbstverständlich wäre, dann ist es gelungen.“

Gemessen an diesem Anspruch hat der gebürtige Koblenzer gelungene Arbeit geleistet. Generationen von Journalisten haben versucht, dem in sich ruhenden Spezialisten einen politischen Kommentar abzuringen. Vergeblich. Der Beamte Grochocki hat stets die ihm auferlegte politische Neutralität gewahrt. Obwohl er ein sehr politisch denkender Mensch ist. Doch davon später.

Die Veränderungen, die der Leiter des städtischen Wahlamtes in vier Jahrzehnten erlebte, sind dramatisch. Als er 1979 die erste Europawahl überhaupt und auch seine erste Wahl in Frankfurt organisierte, gab es noch keine Computertechnik bei der Stadt. „Die Wahlbenachrichtigungen wurden von uns per Hand geschrieben und auch persönlich zugestellt“, erinnert er sich. Das heißt: Die Mitarbeiter des Wahlamtes warfen die Post noch eigenhändig in die heimischen Briefkästen. Heute undenkbar.

Bei der Bundestagswahl 1980 gab es erstmals gedruckte Wählerverzeichnisse. Ende der 80er Jahre hielten die ersten Computer in das Wahlamt Einzug, große graue Kästen, die Bildschirme besaßen „bernsteinfarbene Schrift“, so Grochocki. Die größte Veränderung, die der Experte in den 40 Jahren in seiner Tätigkeit wahrnahm, ist „das höhere Tempo“, wie er sagt. Die Verdichtung der Arbeit hat immer weiter zugenommen. „Und die Ansprüche der Menschen sind gestiegen,“ sagt er. „Die Leute erwarten heute, dass alles sofort geliefert wird.“ Viele Bürger verlangten zum Beispiel heute vom Wahlamt, dass ihnen die Wahlbenachrichtigung persönlich per E-Mail zugestellt wird – statt mit der Post, die oft lange braucht.

Gleichzeitig wurde den Wählerinnen und Wählern die Stimmabgabe immer mehr erleichtert, um sie überhaupt noch zu motivieren. Als Grochocki bei der Stadt begann, war es obligatorisch, am Wahltag seine Stimme abzugeben. Briefwahl war nur in absoluten Ausnahmen und mit Begründungen wie einer Erkrankung möglich. Vor 20 Jahren fiel die Begründung weg, heute nimmt die Zahl der Briefwähler immer mehr zu.

Grochocki hat Delegationen aus Kasachstan, Südkorea, Palästina, den USA und anderen Ländern empfangen, um sie in der demokratischen Tugend der freien Wahl zu schulen. Erinnerungsstücke liegen in einer Vitrine. Ein historisches Plakat erinnert an den Stummfilm „Intolerance“ von David Wark Griffith, ein Plädoyer gegen Krieg. In Grochockis Arbeitszimmer hängt unter anderem eine Reproduktion von Andreas Paul Webers berühmter Grafik „Das Gerücht“: eine Schlange, die sich nicht aufhalten lässt.

Das ist für Grochocki politischer Kommentar genug.

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