Die Mädchen aus dem Fem-Mädchenhaus erleben vor allem psychische und physische Gewalt.
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Die Mädchen aus dem Fem-Mädchenhaus erleben vor allem psychische und physische Gewalt.

Blick nach Frankfurt

Ein Rückzugsort für junge Mädchen in Frankfurt

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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57 Minderjährige wohnten im Jahr 2019 im Fem-Mädchenhaus. Fast 90 Prozent von ihnen erlebten Gewalt von Männern.

Die Liste der Gewalterfahrungen, die minderjährige Mädchen aus dem Fem-Mädchenhaus in ihren Elternhäusern erlebt haben, ist lang: Vernachlässigung, Beleidigungen, Beschimpfungen, Unterdrückung, sexualisierte Gewalt. Es lässt sich kaum erahnen, was die 12- bis 17-Jährigen in ihrem noch kurzen Leben alles erleiden mussten.

57 Mädchen hätten im Jahr 2019 im Mädchenhaus gewohnt, heißt es im Jahresbericht der Einrichtung. Fast doppelt so viele hätten dort Zuflucht finden können. „Wir haben nur neun Plätze und einen Notplatz“, sagt Marion Lusar, Gesamtkoordinatorin vom Fem-Mädchenhaus.

Damit die Mädchen auch Hilfe und einen Platz erhalten, muss das Jugendamt handeln. Wenn ein Kind oder Jugendlicher um Obhut bittet oder eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes ein Eingreifen nötig macht. So steht es im Sozialgesetzbuch VIII, Paragraf 42. Das heißt, Kinder werden dem Einfluss ihrer Eltern entzogen. Die Eltern dürfen nicht mehr bestimmen, was das Kind isst, wo es lebt oder wann es zu Hause sein soll. Das heißt aber auch, dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr schütteln oder erniedrigen können. Für die jungen Mädchen bedeutet die Aufnahme in das Mädchenhaus vor allem Schutz – zumindest für eine gewisse Zeit. Denn in der Regel dauert ein Aufenthalt dort sechs bis acht Wochen.

Unterbringung

Das Fem-Mädchenhaus ist eine gemeinnützige Einrichtung und Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Das Haus gehört zum Verein Feministische Mädchenarbeit.

In Frankfurt gibt es sechs Inobhuteinnahmeeinrichtungen und 96 Plätze. Vier davon sind gemischtgeschlechtlich, zwei nur für Mädchen. Dazu kommen 50 Plätze in Bereitschaftspflegefamilien und eine Inobhutnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Ausländer.

Aktuell sind 156 Kinder und Jugendliche in den Inobhutnahmeeinrichtungen und Bereitschaftspflegefamilien in Obhut genommen. stn

Die jungen Mädchen erlebten vor allem Gewalt von Männern. Der Anteil liege bei 90 Prozent, sagt Lusar. Daher sei das Haus auch nur für Mädchen bestimmt. Denn sie brauchten einen geschützten Raum, in dem es keine männliche Dominanz gebe. „Sie haben ein Trauma erlebt, und das kann sich wiederholen, wenn sich gewisse männliche Verhaltenweisen reproduzieren“, erklärt Lusar.

Ein weiteres Trauma können die Mädchen erleiden, wenn sie von ihren Geschwistern getrennt werden. Besonders für ältere Geschwister sei es ein Dilemma, sich von ihren Familien zu lösen, weil sie ein Verantwortungsgefühl für ihre jüngeren Geschwister hätten und sich um sie sorgten. Geschwisterkinder können laut Jugendamt in allen Einrichtungen in Frankfurt aufgenommen werden. Im Fem-Mädchenhaus aber nur Schwestern. Im Jahr 2019 wohnten dort zwei Geschwisterpaare.

Damit die Mädchen ihre Traumata aufarbeiten, können sie Beratungsgespräche mit den pädagogischen Fachkräften führen, die eine traumapädagogische Ausbildung haben. „Die Gespräche führen wir in Gruppen oder beim Abendessen. Die Mädchen machen dabei den ersten Schritt, manche sind dazu jedoch nicht in der Lage oder wollen einfach nicht reden“, sagt Lusar.

Während die Beratungsgespräche für die Mädchen freiwillig sind, müssen sie sich im Haus an Regeln halten. So helfen sie bei der Zubereitung von Essen, putzen im Haus oder müssen sich an Ausgangszeiten halten. Einfach sei das für viele jedoch nicht, denn gewisse Strukturen hätten die Mädchen nie gelernt, oder sie lebten in sehr starren Strukturen, erläutert Lusar. Wie es für die Mädchen nach ihrem Aufenthalt weitergeht, wird in enger Kooperation mit dem Jugendamt entschieden, denn das Amt habe letztendlich die Verantwortung. In einigen Fällen gehen sie zurück in die Familien. In anderen müsse anschließend eine weitere Einrichtung gefunden werden.

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