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Können wir jetzt das Licht ausmachen und Film ab? Junges Publikum beim Start der Schulkinowochen im Saal des Filmmuseums.

Schulkinowochen

Rückwärts die Rutsche hoch

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Die Schulkinowochen haben begonnen – mit sensationellen Erlebnissen. Zwei Wochen Filmspaß und Fortbildung für Kinder und Lehrer.

Was man halt so erlebt, wenn man mit der ganzen Klasse im Filmmuseum ist. „Guckt mal – wie viele von uns!“, ruft ein Drittklässler seinen ungefähr 750 Mitschülern zu, mit denen er die Herrentoilette bevölkert. Eigentlich sind sie nur 70 oder vielleicht sogar nur ungefähr sieben, aber die Spiegellandschaft in der Nasszelle macht eine riesige Herde draus. Dazu ein Kumpel: „Das ist ja richtig originell!“

Aber es soll hier nicht um verspiegelte Museumstoiletten gehen, sondern um die Schulkinowochen Hessen, 13. Veranstaltung ihrer Art, am Montag in Frankfurt eröffnet von Angela Dorn (Grüne), Wissenschaftsministerin des Landes. Vorher noch letzte Anweisungen zur Sitzverteilung. Lehrerin: „Sophia, da ist ein Platz frei, setz dich auf deine Jacke, wenn du zu klein bist.“ Sophia: „Ich bin nicht klein.“

Wer ein Handy dabei habe, fragt Ministerin Dorn. Alle. Wer schon mal einen Film darauf geschaut habe? Alle. Und wer schon mal im Kino war? Ebenfalls alle. Puh, der Politikerin ist die Erleichterung anzusehen, denn: „Jeder Film ist fürs Kino gemacht, nicht für kleine Handys.“ Und Filme könnten etwas schaffen, was noch nicht mal die Lehrerinnen drauf hätten: „Filme sind dafür da, dass man danach ganz lange noch überlegt: Was soll mir das sagen?“ Obwohl das im Umgang mit Lehrerinnen auch nicht direkt schaden würde.

Mehr als 75 000 Kinder und Jugendliche werden in den nächsten zwei Wochen in hessischen Vorführsälen erwartet – Rekord für die Schulkinowochen, sagt Ellen Harrington, die Direktorin des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums. Es gibt rund 100 Filme in 77 Kinos zu sehen, allein am Eröffnungsmontag schauen 6500 Mädchen und Jungen zu.

Übergeordnetes Thema in diesem Jahr ist die Zeit. Dazu hat die Filmpatenklasse der Fechenheimer Konrad-Haenisch-Schule, drittes Schuljahr, mit dem Filmpädagogen Urs Tilmann Daun einen fantastischen Kurzfilm gedreht. Kaum zu glauben, dass sie dafür nur fünf Stunden gebraucht haben. Und was sie alles können! Eine Rutschbahn rückwärts hochrutschen. Einander wegzaubern. Auf meterhoch schwingende Schaukeln aufspringen. Die Zeit anhalten. Eine Stoffschildkröte auf sich zulaufen, an sich hochkrabbeln lassen und liebhaben. Es ist unglaublich. Dafür viel Applaus im vollbesetzten Saal, diesen zart prasselnden Applaus aus Kinderhänden, als klatschten einhundert Eichhörnchen.

Wofür sind Schulkinowochen da? Damit die Besucher sich „eine kritisch-reflektierte Mediennutzung aktiv aneignen“, wie die Ministerin schildert, und sich „für die ästhetischen Eigenheiten des Films sensibilisieren“ lassen können. Auch die künstliche Intelligenz, Gegenstand des Wissenschaftsjahres 2019, spielt eine Rolle. Und letztlich, machen wir uns nichts vor, ist es auch eine sensationelle Sache, mit der ganzen Klasse ins Kino zu gehen.

Die jungen Eröffnungsgäste sehen einen alten Film: „Momo“ aus dem Jahr 1986, der zum Thema Zeit natürlich so gut passt wie kein anderer. Filmpädagoge Daun freut sich, das Werk auf hochwertigem Material präsentieren zu können: „35 Millimeter – richtig ein Film vom Filmstreifen.“ Die Kinder sind angemessen beeindruckt. „35 Millimeter!“, wiederholt ein Junge staunend.

Programm

Die 13. Schulkinowochen Hessen bieten Filme, Gespräche mit Filmschaffenden, Fortbildung und mehr bis 5. April. Ein Höhepunkt ist der Besuch von Michael „Bully“ Herbig am Abschlusstag im Lumos-Kino Nidda. Tags zuvor spricht Zeitzeuge Günter Wetzel in Weilburg über Herbigs Film, der die wahre Geschichte einer Flucht mit dem Heißluftballon aus der DDR erzählt.

Kurzentschlossene Lehrkräfte können ihre Klassen bis zum Vortag der Veranstaltung zu Filmen anmelden. Alle Infos: www.schulkinowochen-hessen.de.

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