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Rücksichtslose Entmietung in Frankfurt - Bewohner:innen erheben schwere Vorwürfe gegen Investor

  • Boris Schlepper
    vonBoris Schlepper
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Ein Investor jagt Mieterinnen und Mietern in der Frankfurter Innenstadt Schrecken ein und vergrault – so scheint es – systematisch Menschen.

  • In Frankfurt sorgt ein Investor für Unmut.
  • Mieter:innen, vor allem im Nordend und Westend von Frankfurt, berichten von Schikanen.
  • Das Immobilienunternehmen WPS verteidigt das Vorgehen in den Mietshäusern.

Frankfurt – Es war im November, als eine Gruppe von Personen vor dem Haus stand. Sie machten Fotos und betraten das Treppenhaus, wie Mieterin Annette Meyer (Name von der Redaktion geändert) berichtet. Ob sie wegen der defekten Türe kämen, habe sie gefragt. Nein, er sei der neue Eigentümer, habe ein Besucher erwidert. Im April werde die Westend Projekt- und Steuerungsmanagement GmbH (WPS) das Haus übernehmen. Dann werde das gesamte Gebäude kernsaniert, alle Mieter:innen müssten ausziehen.

Das Mietshaus liegt im Oeder Weg 106 im Nordend, gegenüber einem kleinen Grünstreifen. Zehn helle Wohnungen gibt es, einige stehen leer. Die Fassade zur Straße hin bröckelt. „Da könnte mal etwas gemacht werden“, sagt Meyer. Gegen eine Sanierung „im normalen Rahmen“ habe sie nichts einzuwenden, doch der WPS-Vertreter habe angekündigt, Tabula rasa zu machen. Ähnlich sieht es Mieter Horst Segner (Name geändert). Durchs Dach etwa regne es rein. Ihre Wohnung dagegen sei in einem Topzustand, „wir haben alles selbst gemacht“ – sogar Strom- und Wasserleitungen ausgetauscht. „Bei uns muss nichts saniert werden.“

Stadt Frankfurt nutzt Vorkaufsrecht für Mietshaus im Oeder Weg: Verträge bleiben bestehen

Ob sie nur temporär ausziehen müssten, habe er den WPS-Vertreter gefragt, erzählt Segner. „Da hat er gelacht und ,Nein!‘ gesagt. Das stand für ihn überhaupt nicht zur Diskussion.“ Denn natürlich wollen die Bewohner:innen bleiben. „Wo sollen wir auch sonst hin?“, fragt Segner. „Das ist unser Zuhause hier.“

Das Bündnis Mietenwahnsinn beim Protest an der Frankfurter Hauptwache.

Die Menschen im Oeder Weg gaben nicht klein bei. Sie nahmen Kontakt auf zur Nachbarschaftsinitiative NBO, zu Mietvereinen, der Stabsstelle Mieterschutz und berichteten im Ortsbeirat 3 über ihre Sorge. Die Mehrheit des Gremiums forderte ebenso wie die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen (SPD), dass die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch mache. Das hat diese am Freitag getan, um die Mieter:innen vor der Verdrängung zu schützen. Der von der WPS vereinbarte Kaufpreis sei so hoch gewesen, dass er nur auf dem Rücken der Mieter:innen hätte refinanziert werden können, begründete Stadtrat Jan Schneider (CDU) die Entscheidung. Die Liegenschaft gehört jetzt der Kommune, die Mietverträge bleiben bestehen.

„Das ist eine Supernachricht“, sagt Horst Segner, „etwas Besseres konnte uns nicht passieren.“ Bedauerlich sei nur, dass in anderen Liegenschaften der Westend Projekt- und Steuerungsmanagement GmbH nach wie vor katastrophale Zustände herrschten. Denn im Oeder Weg leben nicht die einzigen Mieter:innen, die sich in Frankfurt wegen des Investors Sorgen machen.

Wohnen in Frankfurt: Immobilienunternehmen soll Mieter:innen drangsaliert haben

Aus acht Immobilien des Unternehmens mit insgesamt 80 Wohneinheiten seien inzwischen Mieter:innen bei der Stabsstelle Mieterschutz vorstellig, bestätigt deren Leiter Kai Schönbach auf Anfrage. Es sind vor allem Häuser in innenstadtnahen Stadtteilen wie dem Nordend und Westend. In allen klagten Bewohner:innen über das Immobilienunternehmen, das sie drangsaliere und zum Auszug bewegen wolle. Wie mit den Mieter:innen umgesprungen werde, sei „nicht in Ordnung“. Ähnliches habe er noch nicht erlebt.

Dabei sei das Auftreten der WPS im Oeder Weg typisch. Das Unternehmen gehe „in der Regel nach einem ähnlichen Prinzip vor“, sagt Schönbach. Zunächst erhielten die Mieter:innen Schreiben, in denen die WPS umfangreiche Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten ankündige. Häufig seien diese für verschiedene Immobilien wortgleich, habe er beobachtet, oft „völlig ohne konkreten Bezug zur Wohnung“. So werde etwa angekündigt, die Etagenheizungen gegen eine Zentralheizung auszutauschen, „obwohl die Gebäude bereits mit einer solchen ausgestattet sind und dies sogar in den Mietverträgen als Ausstattung festgehalten ist“.

In Frankfurt steigen die Beschwerden von Mieter:innen gegenüber Investoren. (Symbolbild)

Wohnen in Frankfurt: Immobilienfirma WPS soll Gerüste mit blickdichten Planen aufgestellt haben

Auch stelle die Firma bei den meisten ihrer Projekte gleich zu Beginn Gerüste auf, auf denen in den wenigsten Fällen gearbeitet werde, so Schönbach. Zusätzlich seien einzelne Gerüste mit blickdichten Planen abgehängt worden, so dass kaum noch Licht in die Wohnungen falle. Angedroht werde zudem, dass die Bäder komplett herausgerissen würden und die Mieter:innen für Monate in Sanitärcontainer im Hof oder auf der Straße ausweichen müssten. Vor WPS-Liegenschaften in der Eschersheimer und der Bornheimer Landstraße stünden diese seit Monaten ungenutzt.

Auch was die angedrohten Mieterhöhungen betreffe, sei die WPS wenig kreativ. Mitunter glichen sich die Beträge über verschiedene Häuser hinweg bis nach der Kommastelle, obwohl die Wohnungen unterschiedlich groß und verschieden ausgestattet seien, so Schönbach, „das kann überhaupt nicht sein“. Das Unternehmen fordere Beträge, die jenseits des gesetzlich Möglichen lägen. Ortsübliche Vergleichsmieten und Verweise auf den Mietspiegel seien oft falsch, „viele Mieter glauben das aber erst mal“. In einem Fall sei eine Erhöhung von monatlich rund 750 Euro gefordert worden, „da japst jeder erst mal nach Luft“.

Die Stabsstelle verweise auf Mieterschutzvereine und Anwaltskanzleien und rate, den Rechtsweg zu beschreiten. Zum Teil gebe es „fast 100-prozentige Chancen“, dass zugunsten der Mieter:innen entschieden werde, sagt Schönbach. Erst Ende Januar hatte das Frankfurter Verwaltungsgericht Forderungen von Mieter:innen eines Mehrfamilienhauses in der Eschersheimer Landstraße 78 bekräftigt.

Wohnen in Frankfurt: Mieter:innen in WPS-Immobilien berichten von Schikanen

Diese hatten etwa gefordert, Fenster und Türschlösser im Treppenhaus einzubauen. Die Stabsstelle schaltete die Wohnungsaufsicht des Amts für Wohnungswesen ein, die eine Verfügung erließ. Dagegen wehrte sich der Investor mit einem Eilantrag – zu Unrecht, wie das Verwaltungsgericht beschied. Die WPS habe bereits reagiert und die Fenster in der vergangenen Woche eingebaut, sagt Schönbach.

Viele Mieter und Mieterinnen der WPS haben den Schikanen nicht standgehalten. Das Haus in der Leimenrode 23 im Nordend etwa steht inzwischen leer. Mehr als ein Jahr lang klagten Bewohner:innen dort über ein unzumutbares Vorgehen. Auch im Haus in der Spohrstraße 62, das das Unternehmen 2019 gekauft hat, hätten sechs der zehn Parteien das Weite gesucht, berichtet ein Mieter, der namentlich nicht genannt werden will. Darunter sei eine ältere Dame, die dort 40 Jahre gelebt habe, „ohne die WPS wäre sie niemals ausgezogen“. Die leerstehenden Wohnungen seien ohne Rücksicht auf die verbliebenen Bewohner:innen entkernt worden. Jetzt stünden ständig die Fenster offen, so dass das ganze Haus auskühle.

Die WPS verteidigt ihr Vorgehen in ihren Liegenschaften. „Eine Vertreibung der Mieter oder eine „Entmietung“ ist nicht beabsichtigt und liegt auch nicht in unserem Interesse“, teilt Janina Doll von der WPS auf Anfrage schriftlich mit. Das Unternehmen halte die Immobilien im Bestand.

Wohnen in Frankfurt: Immobilienfirma WPS verteidigt Vorgehen in Mietshäusern

Die erworbenen Häuser hätten in der Regel keine zentrale Heizungsanlage, veraltete Wasser- und Energieleitungen, keine ausreichende Wärmedämmung, nicht ausreichend wärmeisolierte Fenster und Türen sowie veraltete Bäder. Dabei gehe es „nicht um Luxusmodernisierungen, sondern lediglich um eine Anpassung an die aktuellen Wohnverhältnisse und damit um den Erhalt der Gebäude“. Eine energetische Modernisierung sei klimapolitisch sinnvoll, zudem profitierten Bewohner:innen davon, da sie Wasser, Heizkosten und Strom sparten.

Die Sanierungen brächten „erhebliche Einschränkungen“ für die Mietparteien, räumt Doll ein. „Eine vertragsgemäße Nutzung ist in der Zeit der Renovierungen nicht möglich. Dies kommunizieren wir bereits offen nach Erwerb der Objekte.“ Das Unternehmen unterbreite Mieter:innen auch Angebote für Ausweich-, oder Ersatzmietwohnungen oder biete Aufhebungsverträge mit Abstandszahlungen an. Durch die Corona-Pandemie hätten sich mehrere Bauvorhaben jedoch verzögert.

In Einzelfällen sei es bei der WPS in der Vergangenheit dazu gekommen, „dass Mieterhöhungen aufgrund eines Programmierfehlers nicht ordnungsgemäß berechnet worden sind“, schreibt Doll. Der Fehler sei inzwischen behoben, die falsch ausgesprochenen Erhöhungen zurückgenommen worden.

Rubriklistenbild: © via www.imago-images.de

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