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Radverkehr

Rückenwind für Radverkehr in Frankfurt

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Radentscheid und ADFC errichten einen Pop-up-Radweg in der City und reichen der Stadt ein 80-seitiges Konzept für eine dauerhafte Lösung.

Schon die Anfahrt zur Fahrraddemo am Sonntagmittag verdeutlicht, dass es in Frankfurt für Rad- und Fußverkehr noch viel Luft nach oben gibt: Die Fußgängerampel am Deutschherrnufer, hinüber zum Walther-von-Cronberg-Platz, ist geschlagene vier Minuten rot. Gefühlt: zehn. Immer mehr Radler stauen sich dort – während nur vereinzelt Autos über die Kreuzung rollen.

Drüben, am Hotelhochhaus, das die Frankfurter den abgebrochenen Backenzahn nennen, ist schon Aufbruchstimmung. „Wir werden heute demonstrieren, wie einfach es ist, fahrradfreundliche Verhältnisse zu schaffen“, sagt Alexander Breit von der Initiative Radentscheid Frankfurt.

Dann los. Die Demo funktioniert so: Eine Gruppe sogenannter Korker fährt voraus zum Anlagenring und verstopft (wie Korken) die Seitenstraßen, damit der Tross in Ruhe fahren kann. Dann kommen die Leute von ADFC und Radentscheid und grenzen die rechte Fahrspur mit orangefarbenen Hütchen ab. Sobald die Kerndemo durch ist, sammeln sie die Hütchen wieder ein und bringen sie nach vorn – „im Schweinsgalopp“, wie Breit formuliert. Dann folgt, klingelnd und kichernd, ein Pulk von Sympathisanten. Alles in allem etwa 100 Leute.

„Der schnellste Pop-up-Radweg der Welt“ soll es werden, und das klappt auch beeindruckend gut. Die Polizei begleitet das Ganze in respektvollem Abstand, auch die Fahrradstaffel der Verkehrsüberwachung ist da, aber nicht speziell wegen der Demo, wie sie versichert.

„Es geht auf Dauer nicht, dass Anlagen- und Alleenring überhaupt keine vernünftige Rad-Infrastruktur haben“, sagt Bertram Giebeler vom ADFC. „Wir wollen für die längerfristige Umgestaltung ein klares Zeichen setzen.“ Der Pop-up-Radweg sei „eine Steilvorlage für die Stadt“, die sie jetzt nur noch verwandeln müsse.

Die einen strampeln, die anderen stellen Hütchen auf und sammeln sie wieder ein – „im Schweinsgalopp“.

Gemächlich geht es für die, die keine Hütchen einsammeln müssen, gegen den Uhrzeigersinn durch die Innenstadt, es gibt Gelegenheit zum Plaudern. Sauer ist niemand, die Stimmung ist eher fröhlich. Alexander Breit freut sich auch über gute Ansätze in Frankfurt. „Wir sind positiv angetan von der Entwicklung seit der Einigung mit der Stadt.“

Vor einem Jahr hatten sich die Fahrradfreunde mit der Politik auf konkrete Schritte verständigt. Manches, etwa mehr Planstellen in der Verwaltung, sei schon umgesetzt, wenn auch noch nicht vollständig mit Leben, sprich: Personal erfüllt. Ein höheres Tempo hin zu mehr Fahrradfreundlichkeit sei aber spürbar, sagt Breit. Konkrete Fortschritte seien in Form von Radstreifen etwa auf der Konrad-Adenauer- und Kurt-Schumacher-Straße zu erkennen, wenn auch nicht so breit wie gewünscht, was aber an den beengten baulichen Verhältnissen vor Ort liege.

„Heute wollen wir dafür werben, dass der Ball, der ins Rollen gebracht wurde, auch weiterrollt“, nutzt auch Breit ein sportliches Sprachbild. Zum Konzept, das die Industrie- und Handelskammer vorgelegt hat, einschließlich Verdrängung des Radverkehrs weg von den Hauptstraßen, hinein in die Seitenstraßen, sagt der Mann vom Radentscheid: „Genau so nicht.“

Für ihren Plan einer Radspur auf der gesamten Länge des City- und Anlagenrings hat die Initiative einen 80-Seiten-Plan aufgestellt, der die Strecke samt allen Kreuzungsführungen lückenlos dokumentieren soll, herunterzuladen auf der Internetseite www.radentscheid-frankfurt.de.

Das Einzige, was stört an diesem Sonntag, ist der heftige Wind. Aber wer einmal um die City herumfährt mit dem Rad, der spürt im Gegensatz zum Autofahrer auch irgendwann: Es ist Rückenwind.

Chronik

Das Stadtparlament hat im August 2019 den Koalitionsantrag zur „Fahrradstadt Frankfurt“ beschlossen. Der wurde mit dem Radentscheid Frankfurt ausgehandelt. 45 Kilometer Radwege sollen bis 2023 entstehen, fahrradfreundliche Nebenstraßen, umgebaute Kreuzungen.

Den Anfang machte eine rote Radspur an der Schönen Aussicht im Oktober. Im November folgte ein rot markierter Radweg auf dem südlichen Abschnitt der Kurt Schumacher-Straße zwischen Schöne Aussicht und Battonnstraße. Eine Autospur fiel weg und wurde zur Busspur.

Seit Dezember ist die neue Fahrradstaffel der städtischen Verkehrspolizei unterwegs, die den ruhenden Verkehr kontrolliert und Rad- und Gehwege von Falschparkern freihalten soll. Mittlerweile hat auch die Frankfurter Polizei eine Fahrradstaffel.

Seit Januar wird die Hanauer Landstraße schrittweise umgestaltet. Radwege werden breiter, Poller schützen vor Falschparkern. Parkplätze für Autos fallen weg.

Das Radfahrbüro im Straßenverkehrsamt wurde um mehrere Mitarbeiter verstärkt.

Seit Februar sind die Radfahrstreifen auf der Kurt-Schumacher und der Konrad-Adenauer-Straße in nördlicher Fahrtrichtung rot eingefärbt. Seit Anfang April gibt es auf der Konrad-Adenauer- und der Kurt-Schumacher Straße in südlicher Fahrtrichtung einen roten Radweg. Er ist durch Leitschwellen geschützt.

Seit Mai sind die Kreuzungen Nibelungenallee/Friedberger Landstraße, Adickesallee/Eckenheimer Landstraße und Eckenheimer Landstraße/Marbachweg rot markiert. Außerdem der Abschnitt zwischen Taunusanlage und Bockenheimer Anlage am Opernplatz.

In den Sommerferien bekommt die Friedberger Landstraße einen roten Radweg zwischen Friedberger Tor und Friedberger Platz. Dann fällt eine Autospur pro Richtung weg. 

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