Terrorprozess Revolutionäre Zellen

Die rote Sonja und ihre Bande

Das Publikum pfeift „Bella Ciao“, es singt und klatscht: Vor dem Frankfurter Landgericht zieht sich der wohl letzte Prozess gegen zwei Mitglieder der „Revolutionären Zellen“ in die Länge. In den Nebenrollen: ein ehemaliger Weggefährte und der internationale Terrorismus.

Von Stefan Behr, Felix Helbig

Am späten Vormittag des 21. Dezember 1975 läuft eine Gruppe junger wütender Männer auf das Hauptquartier der Organisation erdölexportierender Staaten in Wien zu. Hinter ihnen bimmelt die Straßenbahn, mit der sie gekommen sind. Die Männer tragen Sporttaschen voller Waffen und Sprengstoff mit sich. „Guten Morgen“, sagt der Polizist am Eingang und hält die Tür auf. Die Männer gehen hinein und beginnen ein Massaker.

Am frühen Morgen des 25. Januar 2013 steht eine Gruppe wütender Frauen vor dem Gerichtsgebäude. Hinter ihnen tost der Berufsverkehr, durch den sie gekommen sind. Die Frauen haben die Hände in den Manteltaschen vergraben. An den Bauzaun zwischen Gericht und Straße haben sie ein rotes Bettlaken gehängt, in großen Buchstaben fordert es Freiheit für Sonja Suder. „Guten Morgen“, sagt der Polizist am Eingang. Aber er lässt sie nicht hinein. Dabei wissen die Frauen ganz genau: Da drinnen beginnt gerade ein Massaker.

Frankfurt, Landgericht, Gebäude E, Raum II. Es ist der 24. Tag im Prozess um den blutigen Überfall auf die Wiener Opec-Zentrale von 1975, mit seinen Morden, der Geiselnahme und der dramatischen Flucht per Flugzeug. Zusätzlich geht es in dem Prozess auch um die Anschläge der Terrorgruppe „Revolutionäre Zellen“. Auf der Anklagebank sitzen Sonja Suder, 80, und Christian Gauger, 71, die Staatsanwaltschaft wirft ihnen dreifachen Mord, Mordversuch, Sprengstoffanschläge und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Als Zeuge vorgeladen auf einem Ledersessel sitzt Hans-Joachim Klein, 64, ehemaliger Top-Terrorist. Er will aussagen, seine ehemalige Komplizin Suder belasten, aber im Gerichtssaal geht es erst einmal nur um die, die ihn dafür einen Denunzianten nennen. Es geht um sitzungspolizeiliche Anordnungen, um den Ausschluss von Zuschauern, um Störer und Anträge über Anträge.

Zwischen all den geschäftigen Männern in schwarzen Roben, die im Saal hin- und hereilen, Akten herumtragen und wieder neue Anträge verlesen, sitzen Suder und Gauger, blass und grau, sie wirken fremd in dem Getümmel. Manchmal dreht er sich um zu ihr, die schräg hinter ihm sitzt, er streichelt ihre Hand, sagt ein paar Worte. Manchmal winkt einer der beiden kurz ins Publikum, das hinter einer schweren Glasscheibe sitzt. Dann geht es wieder los: Ein älterer Mann pfeift die Internationale, die anderen klatschen Beifall. Jemand singt „Bella Ciao“ und sogleich wird ein Chor daraus. Ein paar rufen „Freiheit für Sonja“, andere stimmen ein. Seit dem Prozessbeginn im Herbst führt die militante Linke in Saal II des Frankfurter Landgerichts einen anarchistischen Zirkus auf, ein Hochamt zu Ehren zweier Alt-Terroristen. Auch auf ein „Happy Birthday“-Ständchen zum 80. Geburtstag musste Sonja Suder nicht verzichten.

Nur den Zeugen mag keiner

Am 24. Prozesstag dürfen einige Linke deshalb schon nicht mehr hinein in den Saal, die Vorsitzende Richterin Bärbel Stock hat sie auf sitzungspolizeiliche Anordnung als Störer hinausgeworfen. Die Betroffenen bestätigt das in ihrer Meinung über die Obrigkeit, sie beklagen Willkür, ignorieren die Richterin und sprechen auch nicht mit der „Systempresse“. Und wenn, dann unter falschem Namen. So wie Herlinde Heidebrecht, die zu den Frauen vor dem Gebäude gehört und findet, dass auch Sonja Suder nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen dürfte, aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen. Die Verhältnisse sind kompliziert im Saal. Obwohl einige es sich sehr einfach machen.

Für die meisten Zuschauer war die Unschuld von Suder und Gauger schon vor dem Prozessbeginn im September erwiesen. Nicht, weil sie davon überzeugt wären, dass die Vorwürfe unwahr seien. Sondern weil sie immer noch der Meinung sind, dass, wenn es um die gerechte Sache geht, der Zweck eben die Mittel heiligt.

„Freiheit für Sonja Suder“ – der allgegenwärtige Ruf, so unsympathisch er auch vorgetragen sein mag, entbehrt nicht einer gewissen Berechtigung. Selbst Zuschauern, die sich nicht zur militanten Linken zählen, erschließt sich nicht vollends, warum die Greisin jetzt schon seit Wochen in der Justizvollzugsanstalt in Frankfurt-Preungesheim sitzt. Suder wird vorgeworfen, Waffen für den Opec-Überfall von Frankfurt nach Wien gebracht und Klein für die Aktion im Frankfurter Stadtwald angeworben zu haben.

Die Anklage gegen Suder stützt sich hauptsächlich auf die Aussagen von Klein – doch die scheinen nach dem bisherigen Verlauf eher unbrauchbar zu sein. Zu groß sind die Erinnerungslücken, zu oft verhaspelt sich Klein in Widersprüche zwischen dem, was er heute sagt, dem, was er in seinem eigenen Prozess 2001 ausgesagt hat. Damals wurde er zu neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, 2003 auf Bewährung entlassen. Weitere Widersprüche finden sich in seinem Buch „Rückkehr in die Menschlichkeit“ von 1979. Die Zuschauer, die in Klein einen Denunzianten sehen und ihn gerne auch lautstark als „Schwein“ beschimpfen, wittern hinter all dem Volten eines ewigen Kronzeugen. Schusseligkeit wäre als Erklärung ebenso wahrscheinlich.

Der andere Belastungszeuge ist noch weniger hilfreich. Dem Ex-Terroristen Hermann Feiling explodierte 1978 eine selbst gebastelte Bombe im Schoß, die eigentlich für die argentinische Botschaft gedacht war. Er verlor beide Beine und beide Augen. Die Aussagen, die Suder und Gauger belasten, machte er kurz nach der Notoperation, in „Isolationsverwahrung“ und vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Seit Prozessbeginn gibt es ein unwürdiges Gezerre darum, ob man es dem Schwerstversehrten überhaupt zumuten kann, zur Verhandlung zu erscheinen.

Zusätzlich erschwert wird der Prozess durch Christian Gauger, Suders Lebensgefährten. Sein Gesundheitszustand ist der Grund dafür, dass jeder Verhandlungstag um 13 Uhr beendet sein muss. Ihm wird lediglich die Beteiligung an Brandanschlägen vorgeworfen, bei denen keine Menschen verletzt wurden. Dass er überhaupt auf der Anklagebank sitzt, verdankt er der „Verjährungsunterbrechung“, einer juristischen Spitzfindigkeit. Anders sieht es mit Suder aus, die sich wegen dreifachen Mordes verantworten muss. Dass Mord in Deutschland nicht verjährt, ist den Nazis zu verdanken – um deren Strafverfolgung möglich zu machen.

„Die Nazis“, sucht ein älterer Herr im Publikum unvermittelt das Gespräch, „hat man damals alle laufen lassen. Und diese armen alten Leute verfolgt man unerbittlich.“ Man könnte dem Mann sagen, dass keineswegs alle Nazi-Verbrecher ungeschoren davonkamen – er würde es nicht hören wollen. Und man könnte ihm sagen, dass das Pärchen auf der Anklagebank nicht wegen seiner politischen Gesinnung hier sitzt, sondern wegen seiner mutmaßlichen Taten – er würde es nicht glauben wollen. Niemand in diesem Zuschauerraum ist hier, um sich mit seiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Der einzige, der das tut, ist Hans-Joachim Klein im Zeugenstand. Der Rest ist damit beschäftigt, die eigene Vergangenheit zu glorifizieren.

Klein könnte genauso gut vor einer Schülergruppe sitzen, so wie er plaudert. Seine langen Ausführungen beginnt er etwa mit dem Hinweis, er habe sich an dem Überfall in Wien beteiligt, weil ihm gesagt worden sei, es gehe um die Entführung dreier „Petrolminister“, die dann gegen Palästina-freundliche Erklärungen der Regierungen in ihren jeweiligen Ländern freigelassen werden sollten. Aber „finalement“ sei das „natürlich anders“ gewesen.

„Soll ich Ihnen den wahren Grund erzählen?“, fragt Klein die Richterin im samtenen Tonfall des Weihnachtsmannes. Er soll.

Finalement marschiert Hans-Joachim Klein an jenem Morgen im Dezember 1975 im Auftrag von keinem Geringeren als dem libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi mit keinem Geringeren als dem berüchtigten venezolanischen Top-Terroristen Illich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, der Schakal, in das Opec-Gebäude. Im Treppenhaus holen sie und weitere Mitstreiter ihre Waffen aus den Sporttaschen, die doch noch von den Palästinensern geliefert worden sind, obwohl Suder ja auch welche aus dem Fundus der „Revolutionären Zellen“ gebracht haben soll. Klein entführt in seiner Aussage schon wieder, diesmal in eine schillernde Welt des internationalen Terrorismus. Nach der eigentlichen Entführung, bei der Klein mit einem Bauchschuss ausgeflogen wird, tourt er jahrelang umher zwischen Tripolis, Entebbe, Aden, Mailand und dem Mont Blanc, zwischen Urlaub mit Carlos und einem geplanten Papst-Attentat. Welches man abgesagt habe, weil kein muslimisches Land einen entführten Papst bei sich haben wollte. So Klein.

Der Saal seufzt und singt

„Die Richterin will die Widersprüche gar nicht aufdecken“, sagt eine Zuschauerin in der dritten Reihe hinter der Scheibe. „So ist das“, sagt ihre Sitznachbarin. „Das ist die ganze Lächerlichkeit dieses Prozesses.“

Herlinde Heidebrecht kommt trotzdem jeden Morgen und wird trotzdem jeden Morgen nicht eingelassen. Es dauert immer ein paar Minuten, bis sich diese Kunde drinnen herumgesprochen hat, wo von der Verteidigung dann wieder Anträge und Eidesstattliche Erklärungen verlesen werden, wegen der ausgeschlossenen Zuschauer.

In der zweiten Reihe hinter der Scheibe sitzen derweil an einem der Prozesstage drei ergraute Frauen, sie erzählen sich die Geschichte ihrer eigenen Festnahme 1983 in Italien, wie damals plötzlich die „Bullen“ kamen, die sie in das „Bullenauto“ verfrachteten, wo doch tatsächlich ein MG auf der Rückbank lag, einfach so. „Irre.“ Natürlich haben sie damals nicht das MG genommen und alle erschossen. Das ist der Grund, weshalb sie ihr Leben als Naturheilkundlerinnen und Buchhändler geführt haben und jetzt auf dieser Seite der Scheibe sitzen und der Richterin den Rücken zuwenden, wenn sie den Saal betritt und alle aufstehen.

Auf der anderen Seite der Scheibe sitzen Suder und Gauger, die ehemaligen Kämpfer der „Revolutionären Zellen“, und sagen kein einziges Wort. Das besorgen ihre Anwälte, zum Teil selbst alte linke Kämpen, die eigens für diesen Prozess aus dem Ruhestand zurückkamen. Manchmal, bevor die Verhandlung losgeht, halten die beiden Angeklagten Händchen, manchmal busseln sie sich ab. Dann geht ein Seufzen durch den Saal, und fast immer stehen ein paar Gestalten auf und singen. Entweder die „Internationale“ oder „Bella Ciao“, es ist eigentlich egal, und alle haben sich ganz dolle lieb, bis auf Klein, das Schwein, das jeder hasst. Hier ist Gut und da ist Böse, fast wie bei Karl May.

Herlinde Heidebrecht wird mit zwei anderen Sympathisanten wohl für den Rest der Zeit ausgeschlossen bleiben von diesem Schauspiel. Sie wird dennoch weiter morgens zum Gericht kommen. Der Polizist am Eingang wird ihr weiterhin einen „Guten Morgen“ wünschen. Und sie dann nicht einlassen.

Am 25. Prozesstag sitzen zwei junge Männer zwischen den eingelassenen Mitgliedern der Nostalgischen Zellen in der zweiten Zuschauerreihe, beide mit Schreibblöcken in der Hand. Beide Justizauszubildende. „Was hier los ist“, sagt der eine erstaunt, ganz offenkundig zum ersten Mal dabei. „Da drüben“, flüstert der andere und deutet auf Suder und Gauger, „das sind die Bösen“. Diese Meinung dürfte er ziemlich exklusiv haben.

Der Prozess wird fortgesetzt. Wie lange noch, das wagt niemand zu prognostizieren. Aber zumindest die Zuschauer scheinen sich bislang nicht zu langweilen.

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