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Anita Adam vom Förderverein Roma sagt, Polizisten hätten ihr vor den Augen der Jugendlichen, die sie betreut, Handschellen angelegt.

Racial Profiling 

Roma in Frankfurt: Gefühlt unter Generalverdacht

Roma in Frankfurt leiden unter Vorurteilen und ständigen Kontrollen der Polizei. Zwei betroffene Frauen berichten.

"Es gibt sicher auch nette Polizisten, ich hab’ bisher nur keinen kennengelernt.“ Roxana Marica spricht mit einer Spur Sarkasmus in der Stimme. Anita Adam nickt. Die beiden 28-jährigen Romnija machen lieber einen großen Bogen, wenn sie jemanden in Uniform sehen. Die Angst, zu Unrecht verdächtigt zu werden, sitzt tief.

Roxana Marica erinnert sich mit bebender Stimme daran, wie eine Begegnung mit der Polizei in einer Leibesvisitation endete. Damals war sie mit ihrer Mutter am Frankfurter Hauptbahnhof unterwegs. Die Polizei bezichtigte die Frauen des Diebstahls, durchsuchte ihre Sachen und brachte sie – obwohl sie kein Diebesgut fand – aufs Revier.

Unter Tränen musste Roxana Marica dort einer Beamtin den blanken Hintern zeigen. Als die Polizei keine Beweise fand, ließ man sie mit dem Tipp gehen, „in Zukunft mehr Abstand zu anderen Menschen zu halten“.

Anita Adams letzte Polizeikontrolle endete mit einem Knie in ihrem Rücken, Handschellen und blauen Flecken. In ihrer Tätigkeit als Pädagogin machte sie gerade Pause mit den Schülerinnen eines Bildungsprojekts für junge Roma. Sie rauchten und quatschten vor dem Klassenraum auf der Kaiserstraße, als die Polizei sie verdächtigte, etwas Kriminelles zu planen.

Anita Adam erklärte den Beamten die Situation, doch diese glaubten ihr nicht. Stattdessen wollten sie die Teenager mit aufs Revier nehmen und legten ihr brutal Handschellen an. Erst als eine deutsche Kollegin kam und, wie Anita Adam betont, „alles mit den gleichen Worten wie ich nochmal erklärte“, ließ die Polizei von ihnen ab.

Roma in Frankfurt: Polizei dementiert Racial Profiling

Dem Politikwissenschaftler Markus End vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin zufolge haben solche Kontrollen gegen Roma Tradition. Er untersucht antiziganistische Polizeipraktiken, die von einem rassistischen Bild vermeintlich „krimineller Zigeuner“ herrühren. Bei Delikten wie Trickdiebstahl oder Betrug bestehe häufig ein prinzipieller Verdacht gegenüber Sinti und Roma. Schon seit über hundert Jahren lege die Polizei Akten über die Gruppe an und gebe vermeintliches Expertenwissen über sie weiter.

Die Pressestelle der Polizei Frankfurt erklärt, dass die Kontrollen „auf langjährigem polizeilichen und kriminalistischen Erfahrungswissen sowie vielfältigen Aufklärungsergebnissen“ basierten. Zudem orientiere man sich „am Verhalten der betroffenen Personen“. Sie dementiert, dass Roma dabei anders behandelt werden als „andere Ethnien“.

Joachim Brenner, Vorsitzender des Fördervereins Roma in Frankfurt, sieht das anders. Er kritisiert, dass die Polizei trotz mehrfacher Beschwerden seines Vereins Racial-Profiling gegenüber Roma betreibe. Den Skandal um ein mutmaßlich rechtsextremes Netzwerk bei der Frankfurter Polizei hält er für „die Spitze des Eisbergs eines Apparates, in dem Rassismus und Antiziganismus weit verbreitet“ seien.

Er beklagt zudem den fehlenden Willen des Polizeipräsidiums, entsprechende Fortbildungen anzubieten. Die Beamten seien weder über die Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma informiert noch für deren Lebensbedingungen sensibilisiert. Die Polizei hält dagegen, „dass bereits in der Ausbildung interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden und dort auch diese Ethnie eine Rolle spielt“.

Diese interkulturelle Kompetenz hilft Menschen wie Anita Adam und Roxana Marica bisher nicht weiter. Sie leiden unter der Angst vor Verdächtigungen und Schikanen. Besonders Kontrollen in ihrer Nachbarschaft stören sie. Vor kurzem fragte Anita Adams Sohn, ob „Zigeuner“ ein Schimpfwort sei. Roxana Marica erlebte, dass Nachbarn ihre Kinder vom Spielen ausschlossen. Seitdem sorgen sich die beiden Frauen, das Verhalten der Polizei könne die Vorurteile von Nachbarn über Roma befeuern.

(Von Ruth Manstetten)


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