Römerbriefe

Römerbriefe: Musik liegt in der Luft

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    Georg Leppert
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Wir werden jünger, dynamischer und frischer und werfen die Jukebox an. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Göpfert: Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein …

Leppert: Das war doch ein klassisches Zitat, aber nicht aus dem Römer.

Göpfert: Ganz genau, von einem großen Polemiker.

Leppert: Jetzt verstehe ich, was du sagen willst.

Genauso ist es, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Die Zeit der Höflichkeit, die Periode der gegenseitigen Nettigkeiten im Römer, sie geht zu Ende. Was da für einige Wochen unter dem Vorzeichen der Corona-Pandemie an politischem Stil Einzug gehalten hatte, verschwindet langsam wieder. Mit Masken drapiert, in großem Abstand: So hatten sich die Kommunalpolitiker in den ersten Wochen noch zaghaft begrüßt, wie die Überlebenden eines Schiffsuntergangs.

Und waren formvollendet („Lieber Herr Kollege“) und vorsichtig miteinander umgegangen. Doch der zivilisatorische Schock, der für angemessenen Ernst gesorgt hatte, scheint überwunden. Wir als langjährige Römer-Beobachter hatten uns kurz der Illusion hingegeben, es könne eine neue Debattenkultur, eine neue Ernsthaftigkeit in die Kommunalpolitik einziehen. Es könnten gar rhetorische Glanzlichter aufgesteckt werden, die an die Zeiten erinnern, als sich im Römer noch Daniel Cohn-Bendit (Grüne) oder Hans-Jürgen Hellwig (CDU) maßen. 

Doch ach: Die Auseinandersetzung kehrt zum kleinen Karo zurück. Und seltsamerweise spielt dabei der Frankfurter Bürgermeister eine Vorreiterrolle. Uwe Becker hielt es schon nicht aus, als bei der Gedenkfeier zum Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft eine Rednerin die Nato-Politik von heute kritisierte. In dieser Woche sprang der CDU-Politiker prompt über das uralte Stöckchen, das die SPD ihm hinhielt, als sie eine Erhöhung der Gewerbesteuer nicht ausschloss. Sogleich nannte der Antisemitismusbeauftragte des Landes Hessen und Präsident des Hessischen Städtetages und Kämmerer das „merkwürdig, grotesk und völlig absurd“. 

Die alten Rituale sind zurückgekehrt. Die Formeln also, die das geneigte Publikum außerhalb des Rathauses (und die Römer-Berichterstatter drinnen) doch eher abschrecken und langweilen. Und die nicht zum Ansehen der Kommunalpolitik bei den Menschen beigetragen hatten. Zehn Monate vor der Kommunalwahl 2021 richtet sich der Politikbetrieb wieder in den vertrauten Standards ein.

Man kann jetzt gar nicht mehr gespannt sein, was die Monate bis zur Kommunalwahl noch so bringen werden, nein, man ahnt es schon.

„Wo Worte selten sind, haben sie Gewicht“, sagt der gute alte William Shakespeare („König Richard III.“). Wir aber fürchten: Vieles, was wir in den nächsten Wochen im Römer hören werden, kommt uns nur zu bekannt vor.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert berichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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