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Rödelheimer Geschäftsleute sichtbar machen

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Von: Brigitte Degelmann

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Christoph Busch ist Stadtteilhistoriker und interessiert sich für die Herkunft der Einzelhändlerinnen und -händler im Stadtteil Röcdelheim.
Christoph Busch ist Stadtteilhistoriker und interessiert sich für die Herkunft der Einzelhändlerinnen und -händler im Stadtteil Röcdelheim. © sauda

Stadtteilhistoriker Christoph Busch hat die Herkunft des Einzelhandels in Rödelheim erforscht. Seine Ergebnisse sind nun in einem Buch nachzulesen.

Laut Statistik haben knapp 56 Prozent der Rödelheimerinnen und Rödelheimer einen Migrationshintergrund. Doch nur wenige von ihnen sehe man in den Gruppen, Gremien und Vereinigungen des Stadtteils in verantwortlicher Position, wundert sich Christoph Busch: „Es ist, als gäbe es da, wo es um Teilhabe gehen könnte, eine unsichtbare Grenze“, sagt der 83-Jährige.

Nun hat der evangelische Pfarrer im Ruhestand ein Buch vorgelegt, das dazu beitragen könnte, diese Barriere zu überwinden. Unter dem Titel „Herkunftsgeschichten Rödelheimer Geschäftsleute. Ein Beitrag zur Migrationsgeschichte des Stadtteils“ zeichnet er die Lebenswege von 16 Gewerbetreibenden aus dem Viertel nach. Das 170-seitige Werk ist das Ergebnis seiner Arbeit als Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

Wie menschliches Zusammenleben funktionieren kann – das sei für ihn schon lange ein wichtiges Thema, sagt Busch: „Es geht um Nachbarschaftlichkeit. Schon Martin Luther hat gesagt, ‚gute Nachbarn sind so wichtig wie das tägliche Brot‘.“ Doch reicht es dafür aus, nur ein paar freundliche Worte miteinander beim Einkaufen, beim Friseur oder im Restaurant zu wechseln? fragte er sich irgendwann. Mit einem Mal sei ihm bewusst geworden, dass er etwa keine Ahnung hatte, wie der aus der Türkei stammende Obst- und Gemüsehändler oder die Betreiberin des marokkanischen Cafés heißen, berichtet er: „Aber damit fängt es eigentlich an – dass man sich ansprechen kann.“ Deshalb reifte in ihm der Plan, das Thema aufzugreifen und folgenden Fragen nachzugehen: Woher stammen die Geschäftsleute? Wie hat es sie nach Rödelheim verschlagen? Was haben sie aus den Ländern, wo sie früher gelebt haben, mitgebracht? „Ein Schritt zur Sichtbarkeit“ sei das, sagt Busch.

So erzählt Francesco Leonardi, Inhaber eines Friseursalons, dass er schon als Vierjähriger mit seinen Eltern aus Sizilien nach Rödelheim gekommen sei: „Rödelheim ist meine erste Heimat. Hier habe ich die ganzen Jahre gelebt. Hier bin ich in die Schule gegangen, in die Arndtschule (...). Hier habe ich meinen Friseursalon. Hier lebe ich mit meiner Familie. Hier bin ich zu Hause. Aber das Dorf in Sizilien ist meine zweite Heimat. Weißt du, wie das ist? Ich denke Italienisch, aber ich spreche Deutsch.“

Dass man sich in mehreren Ländern zu Hause fühlen kann, zeigt auch das Beispiel von Jai Deep Klair, Inhaber einer Bäckerei, der vor gut drei Jahrzehnten aus Indien nach Rödelheim gekommen ist: „Heute ist Indien immer noch meine Heimat. Aber Deutschland ist auch meine Heimat. Am liebsten würde ich ein Jahr in Indien leben und dann ein Jahr in Deutschland.“

Viele der Gespräche drehen sich um das Thema Arbeit. Etwa wenn der Obst- und Gemüsehändler Mecit Colak erzählt, dass er mitten in der Nacht aufstehen muss, um zum Großmarkt zu fahren: „Man muss erst mal das Geld verdienen. Es ist harte Arbeit. Zehn bis zwölf Stunden jeden Tag. Die Jugend will das nicht. Aber von nix kommt nix.“ Oder wenn Thi Minh Phuong Nguyen schildert, dass sie und ihr Mann fünf beziehungsweise sechs Tage pro Woche im Imbiss Mekong anpacken, von 9.30 bis 22 Uhr, auch an Feiertagen: „Ferien haben wir an Weihnachten, vier oder fünf Tage. Sonst arbeiten wir immer.“

„Zeitzeugen-Gespräche“ seien diese Interviews, sagt Busch, „ein kleiner Ausschnitt über die Wirklichkeit dieses Stadtteils“. Ergänzt werden sie durch Ausführungen von Heike Hecker vom Quartiersmanagement Rödelheim West und Heiko Lüßmann, Sozialpädagoge in der Rödelheimer Kinder- und Jugendarbeit. Die Bilder dazu, die derzeit auch in der Rödelheimer Stadtteilbibliothek (Radilostraße 17-19) in einer Ausstellung zu sehen sind, stammen von der Fotografin Saskya Pamela Balladares Chow.

Das Buch „Herkunftsgeschichten Rödelheimer Geschäftsleute“ ist zum Preis von zehn Euro in der Karl-Marx-Buchhandlung, Jordanstraße 11, in Bockenheim erhältlich sowie im Buch- und Schreibwarenladen Pappmarché, Alexanderstraße 27, in Rödelheim.

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