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Alt-Rödelheim: Erinnerung an Familie Stern erhalten

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Von: Judith Dietermann

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Ein Bild aus glücklichen Tagen: Edith, die Tochter von Arthur und Elly Stern, auf einem Bild mit ihrer Großmutter.
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Edith, die Tochter von Arthur und Elly Stern, auf einem Bild mit ihrer Großmutter. © Familie Froehlich

Mit dem geplanten Abriss der Häuser im alten Rödelheimer Ortskern verschwindet ein wichtiger Teil der Stadtteilgeschichte. Denn in der Häuserzeile 14 - 20 lebten einst viele jüdische Familien. Auch die Familie von Arthur Stern. Nach ihm wurde die Westseite des Rödelheimer Bahnhofs benannt.

Es ist seit Monaten ein hochemotionales Thema, sowohl im Ortsbeirat 7 (Hausen, Industriehof, Praunheim, Rödelheim, Westhausen) als auch bei der Bevölkerung: der geplante Abriss der heruntergekommenen Häuserzeile in Alt-Rödelheim 14 – 20. Bei der ein Punkt jedoch stets nur am Rande erwähnt wurde: dass mit der dort geplanten Neubebauung ein wichtiger Teil der Rödelheimer Geschichte aus dem Bild des Stadtteils verschwindet. Denn in der Häuserzeile lebten viele jüdische Familien, wie auch im restlichen Teil der Straße Alt-Rödelheim.

Wie die Schwestern Bertha und Rebekka – auch bekannt unter dem Spitznamen Rieckchen. Gemeinsam lebten die beiden ledigen Frauen in ihrem Haus in Alt-Rödelheim 20, dem Eckhaus der Häuserzeile. Nachdem Bertha am 5. August 1928 verstorben war, eröffnete Rebekka am 7. Juli 1930 dort die Lebensmittelhandlung „Zum Knusperhäuschen“. Nur knapp zehn Jahre später, am 9. April 1940, musste sie das Haus verkaufen, um mit dem Erlös ihre eigenen Heimkosten zahlen zu können. Vermutlich unter Zwang, so heißt es, zog sie in ein Altersheim in der Hans-Handwerk-Straße. Von dort wurde sie 1942 erst nach Theresienstadt und dann nach Treblinka deportiert. Wann und wie sie starb, ist unbekannt.

26 Wohnungen, vier Gewerbeflächen im Erdgeschoss sowie eine Tiefgarage mit 15 Stellplätzen sind auf dem Areal in Alt-Rödelheim geplant. Vor wenigen Wochen erst hatte der Geschäftsführer des Investors, der Sky Construction GmbH, die Pläne öffentlich vorgestellt. Denen die Altstadt als Vorbild diente, wie Architekt Payel Rahman erklärte. Berücksichtigt worden seien die beiden Ideenwerkstätten, die Nachbarschaft und der Wunsch nach einem Quartiersplatz. Links und rechts sollen die Gebäude niedriger sein als in der Mitte, wo die Investoren vier Stockwerke plus Dachgeschoss mit Satteldach ausweisen. Und auch ein Café soll realisiert werden.

Was auch die Rödelheimerin Nicole Lauterwald begrüßt. „Sinnvoll wäre dies aber in dem Haus, in dem einst die Familie Stern lebte. Dies verbinde sich auch perfekt mit dem Arthur-Stern-Platz, der Westseite des Rödelheimer Bahnhofs“, schrieb sie in der Rödelheim-Gruppe des sozialen Netzwerks Facebook.

In Alt-Rödelheim 12 lebte die Familie Stern; Arthur Stern führte ein Textil- und Zigarrengeschäft. Verheiratet war er mit Sybille (Elly) Capello. Ihrer Familie gehörte das Haus, sie betrieb im Hof eine Metzgerei. Ab den 1920er Jahren lebte auch Arthur Stern dort, nachdem er Elly geheiratet hatte. 1923 wurde die gemeinsame Tochter Edith geboren.

Nach dem Novemberpogrom 1938 mussten die Sterns, wie viele anderen Juden in Rödelheim, nicht nur ihr Geschäft schließen, auch das Haus wurde ihnen entrissen. Dem Ehepaar gelang 1940 die Flucht in die USA, Tochter Edith kam 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden. 20 000 jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich und der Tschecheslowakei wurde so das Leben gerettet.

Schon bald war die Familie Stern wieder vereint. Edith hatte von der Flucht ihrer Eltern gehört und machte sich auf eine abenteuerliche Reise. Nicht nur, weil sie zwei ihr anvertraute Kinder bei sich hatte, die sie zu ihren Eltern bringen sollte, die ebenfalls in die USA emigriert waren. Mit dem Flugzeug ging es nach Moskau, weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok und schließlich mit dem Schiff nach Japan und dann nach Seattle. Weiter ging es mit dem Zug über Chicago bis nach Buffalo, wo Edith im Januar 1941 überglücklich wieder ihre Eltern in die Arme schließen konnte.

Doch auch wenn sich die junge Frau in den USA ein neues Leben und eine eigene Familie aufbaute – sie heiratete Walter Froehlich, hatte drei Kinder und fünf Enkel -, blieb Rödelheim immer ihre Heimat. Bevor sie 2014 starb, kam sie immer wieder gerne dorthin zurück. Auch bei ihrem Elternhaus schaute sie vorbei, sagte Heiko Lüßmann für die „Initiative Stadtteilerkundung/Stolpersteine“ bei einer Kundgebung Anfang Juli. 2010 habe er Edith Fröhlich getroffen. Das Haus sei schon damals in einem „schlechten Zustand“ gewesen, trotzdem habe sie vieles wiedererkannt. Wie den alten Treppenaufgang und die Tür zur Dachkammer, wo sie versuchte, in der Pogromnacht ihren Vater zu verstecken. Vergeblich. Er wurde entdeckt und vorübergehend nach Buchenwald deportiert.

Nicht selten kommt Kritik auf, der Verfall sei in Kauf genommen worden, um Platz zu machen für eine lukrativen Neubau. Dass damit jedoch ein wichtiger Teil der Rödelheimer Geschichte verschwindet, dass wurde dabei vergessen, meint Heiko Lüßmann. Weshalb sich sowohl die Rödelheimer, als auch der Ortsbeirat dafür einsetzten, dass zumindest der Charakter des alten Marktplatzes bewahrt wird. Damit in Alt-Rödelheim wieder das im Mittelpunkt steht, was zählt: das Leben.

Rebekka Marx führte die Lebensmittelhandlung „Zum Knusperhäuschen“ in Alt-Rödelheim 20 – hier die Eröffnung am 7. Juli 1930.
Rebekka Marx führte die Lebensmittelhandlung „Zum Knusperhäuschen“ in Alt-Rödelheim 20 – hier die Eröffnung am 7. Juli 1930. © privat
Seit Jahren ist die Häuserzeile Alt-Rödelheim in einem schlechten Zustand. Sie soll einem Neubau weichen.
Seit Jahren ist die Häuserzeile Alt-Rödelheim in einem schlechten Zustand. Sie soll einem Neubau weichen. © Renate Hoyer

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