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Margot Wiesner (ehrenamtliche Archivarin, 3.v.l.) führt Besucher durch das Stadtschreiberarchiv.

Bergen-Enkheim

Wunderwelt der Literatur

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Das Archiv der Stadtschreiber bietet Bücher, Skizzen und Anekdoten. Von Robert Gernhardt etwa lagert dort die Karikatur „Stadt-Schrei-Bär“.

Wir hatten einen Stadtschreiber, der wollte gar nicht mehr aus dem Häuschen ausziehen“, erzählt Margot Wiesner. Die Gründerin des Stadtschreiberarchivs in Bergen-Enkheim katalogisiert mit Doris Marek nicht nur literarische Schätze, sondern hat auch viele Anekdoten von den Stadtschreibern und ihrem einjährigen Leben in Bergen-Enkheim parat.

„Archive müssen nach draußen gehen“, ist ihr Motto. Was die Idee der Bürgernähe des seit 1974 ausgelobten Stadtschreiberamts unterstreicht. Zwei Räume, 50 Quadratmeter, viele Regale, zwei Schreibtische: auf den ersten Blick unscheinbar beherbergt das über Spenden finanzierte Stadtschreiberarchiv wertvolle Erstausgaben, bibliophile Bücher, Sekundärliteratur zu den Amtsinhabern, Rezensionen, Protokolle, Manuskripte, Ton- und Bildmaterial, persönliche Briefwechsel, aber auch Devotionalien – alles professionell geordnet und beschriftet. Eine faszinierende Schatzkiste.

Während ihrer einjährigen Amtszeit leben die Stadtschreiber An der Oberpforte 4, mitten im Ort. „Da braucht es auch schon mal Rückzugsorte für den Amtsinhaber“, erzählt Wiesner. Neben der Buchhandlung von Monika Steinkopf und einigen Kneipen am Ort besuchten die Stadtschreiber gerne das bis 2009 bestehende Feinkostgeschäft von Uwe Stoffel. Der Laden hatte ein Hinterzimmer, in dem es sich bei einem Wein gut aushalten ließ.

„Bei den Treffen haben sich etliche Autoren an den Wänden verewigt“, erzählt Wiesner. Graffiti, Gedichte, Zeichnungen. Heute sind die Räume geschlossen. „Da gibt es einige Schätze, die wir gerne für das Archiv hätten“ bedauert Wiesner.

Ach ja, der Wein: Udo Stoffel hatte die Idee für einen Stadtschreiberwein, Robert Gernhardt malte das passende Etikett. „Weil die Weinhersteller protestiert haben, benannte Stoffel es dann in Stadtschreibertrunk um“, erzählt Wiesner, während sie die Flaschen – auch Bestandteil des Archivs – präsentiert. Von Robert Gernhardt stammt auch die Karikatur „Stadt-Schrei-Bär“, die im Archiv aufbewahrt wird.

Zu den Schätzen des Archivs gehören auch ein Buch von Wolfgang Koeppen aus dem Jahr 1934, eine bibliophile Ausgabe von Katja Lange-Müller in der die Autorin mit Bleistift Korrekturen vorgenommen hat. „Eine bibliophile Ausgabe und dann so viele Rechtschreibfehler“ wundert sich Wiesner. Aber auch Erstausgaben mit persönlichen Widmungen, Kinoprogrammhefte und Kioskheftchen von Jurek Becker und Günter Kunert dürfen bestaunt und „mit sauberen Fingern“ auch angefasst werden.

Und da wäre noch die Haube, die an einen Gockelkopf erinnert. „Gerhard Köpf fand sein einjähriges Stadtschreiber-Dasein sehr stressig, deshalb hat er sich bei seiner Abtrittsrede diese Haube aufgesetzt.“

Das Archiv: Marktstraße 30, Bergen-Enkheim. Mail: stadtschreiber. kulturgesellschaft@stadt-frankfurt.de Telefon: 21 24 12 41 oder 21 24 12 76. Online-Katalog: www.bibkat.de
BGX431261.

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