RÖMERBRIEFE

Rippenstöße aus der Redaktion

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    Georg Leppert
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Ständig werden wir von Politikern kritisiert. 1958 war das noch anders. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Göpfert:Der Martin Kliehm von der Linken hat nach unseren letzten Römerbriefen gesagt, dass sein Tweet („Früher wurden Türsteher noch regelmäßig angeschossen“) doch nur eine Satire gewesen sei, mit der er auf die permanente Empörungskultur abgezielt habe.

Leppert:Wir entschuldigen uns bei Herrn Martin Kliehm und allen Leserinnen und Lesern für unsere unsachliche Darstellung, die davon zeugt, wie wenig wir von Satire und Empörungskultur verstehen.

Göpfert:Und der Nico Wehnemann von der Partei hat ...

Leppert:Wir entschuldigen uns bei Herrn Nico Wehnemann ... hä, was redest du, der fand das doch lustig?

Das ist mal ein Erfolg, liebe Freundinnen und Freunde der Kommunalpolitik. Kaum hat das neue Jahr begonnen, schon sind wir Thema in den sozialen Medien. Unsere Römerbriefe mit den geschmacklosesten Tweets rund um Silvester kamen jedenfalls bei den allermeisten Menschen sehr gut an. Wir haben total viele Likes bekommen, worauf wir stolz sind. Allerdings waren eben auch nicht alle glücklich damit.

Aber das ist okay. Auch wir Journalisten müssen uns von den Politikern mal kritisieren lassen. Wir haben ja nicht mehr 1958.

Damals nämlich veröffentlichte der Magistrat regelmäßig „Berichte über die Bekämpfung von Luftverunreinigung und Lärm aus Industrie-, Gewerbe-, Handwerks- und landwirtschaftlichen Betrieben in Frankfurt a. M.“ Das Büro von Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) hat dem FR-Experten für die Bekämpfung von Luftverunreinigung ein Exemplar zu Weihnachten geschenkt, und wir haben uns das mal angesehen.

An prominenter Stelle wird da den „Reportern und Redaktionen der Frankfurter Tageszeitungen“ gedankt. Nur dank deren „verständnisvoller Unterstützung“ habe der Magistrat aus der Bevölkerung zahlreiche Hinweise über „Gestankswahrnehmungen“ erhalten. Ferner ist der Magistrat davon überzeugt, „dass das zur Presse bestehende gute Einvernehmen anhält, auch wenn sie uns hier und da einmal mehr oder weniger sanfte Rippenstöße versetzt“.

Dann kommt hier mal ein sanfter Stoß in die Rippen des Magistrats von 1958. Die Dezernenten waren seinerzeit nämlich einigermaßen machtlos. So stellt die Stadtregierung in ihrem Bericht etwa fest, dass die Männer, die die Milchkannen vor die Haustüren stellen, einen Heidenkrach verursachen – und das morgens um vier Uhr.

Und was folgt daraus? Etwa eine Magistratsvorlage (Verbot von unnötigem Krach durch den Milchmann, ursprünglich vorgelegt von Rosemarie Heilig, dann von Peter Feldmann zur Chefsache erklärt), der fast alle Fraktionen (AfD = kein Votum) zustimmen? Mitnichten. Die Zustände werden als nicht veränderbar dargestellt.

Das gilt auch für den Fluglärm, den es 1958 schon gab. In diesem Teil des Berichts pöbelt der Magistrat auch noch die Bürgerinnen und Bürger an. Die hatten eine Änderung der Einflugschneise verlangt. Dazu der Magistrat: „Es ist selbstverständlich, dass solchen Wünschen aus flugbetrieblichen Gründen nicht entsprochen werden kann.“ Klar doch. Dazu dankt der Magistrat der Flughafen AG, die sich „in liebenswürdiger Weise“ bemüht habe. Worum auch immer.

Bleibt festzuhalten: Einen solchen Magistrat wünschen die Fraport und wir uns auch mal.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppertberichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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